Interview mit Thomas Horsch

„Dann ist mir das Geschlecht egal“

Im Interview spricht Thomas Horsch, 2020 als Co-Trainer der Werder-Profis freigestellt, über seinen Weg zurück auf die Trainerbank - als Cheftrainer von Werders Bundesliga-Frauen.
15.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Dann ist mir das Geschlecht egal“
Von Olaf Dorow
„Dann ist mir das Geschlecht egal“

Thomas Horsch ist wieder zurück auf dem Platz.

Frank Thomas Koch

Die klassische Reporterfrage: Was haben Sie gedacht, als die Anfrage kam, Werders Frauen-Team als Trainer zu übernehmen?

Thomas Horsch: Da waren zwei Gedanken. Einerseits tut es mir leid für den Kollegen, der vorzeitig von seiner Aufgabe entbunden wird. Das habe ich ja selbst auch erlebt. Zudem war Alexander Kluge früher mein Spieler beim VfL 07. Andererseits habe ich nach meiner Freistellung (2020 als Co-Trainer von Florian Kohfeldt, d. Red.) nicht nur Männer-Spiele verfolgt, sondern auch Spiele in der Frauen-Bundesliga. Einige Werder-Spielerinnen kannte ich zudem aus meiner Zeit beim Bremer Fußballverband. Daher war ich ein bisschen im Bilde; deswegen musste ich nicht lange überlegen. Dazu war es auch eine Art Freundschaftsdienst für Birte Brüggemann (Werders Frauenfußball-Leiterin, d. Red.). Ich kenne sie seit Ewigkeiten, sie war im DFB-Stützpunkt meine Chefin und hat mich eingestellt damals.

Schwang aber nicht auch der Gedanke mit: Erst entlassen sie mich, und jetzt brauchen sie mich dringend?

Gar nicht. Im Profifußball der Männer ist das manchmal mal so, dass man vielleicht unterschiedliche Vorstellungen hat. Das hat aber in diesem Fall mit den handelnden Personen nichts zu tun. Für mich ist das völlig okay.

Waren Sie trotzdem ein wenig von sich selbst überrascht, dass Sie nun doch wieder im Frauen-Bereich gelandet sind?

Das ist ja immer eine Option gewesen. Wenn ich ambitioniert und verlässlich Fußball trainieren darf, dann ist mir das Geschlecht egal. Ich war zwar noch nie Vereinstrainer bei den Frauen, aber ich habe im Verband sowohl im Frauen- wie im Männer-Bereich gearbeitet, ich war mit dabei im WM-Vorbereitungslager der Männer in Brasilien, ich war bei den weiblichen Auswahlen dabei. Ich hatte mir schon immer sozusagen beide Seiten angeguckt. Und jetzt kam eben diese Werder-Bitte. Die Frauen haben den Traum, unbedingt in der Bundesliga zu bleiben. Sie wollen das Ding über die Linie kriegen. Dabei möchte ich sie unterstützten.

Es gibt keine großen Unterschiede in der Führung eines Frauen- oder Männerteams?

Wenn es um taktisch-inhaltliche Dinge geht, reden wir von derselben Sache. Da bespreche ich mit Theo Gebre Selassie genau dasselbe wie mit Lina Hausicke. Es spielen elf gegen elf. Natürlich sind die Gespräche etwas anders, das ist aber normal.

Was ist da anders?

Der Konkurrenzkampf ist bei den Frauen vielleicht ein bisschen solidarischer. Der Gesprächsbedarf ist vielleicht ein bisschen erhöhter. Oder der Erklärbedarf...

... Fußballerinnen wollen mehr erklärt haben als Fußballer?

Ob das generell so ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall erlebe ich eine offene und wissbegierige Mentalität. Die gibt es bei den Männern auch, aber nicht immer.

Sehen Sie Unterschiede auf Ihren Job bezogen? Früher Assistent des Chefs, jetzt selbst Cheftrainer?

Der riesige Unterschied ist, dass du jetzt selber Entscheidungen treffen kannst. Vorher hattest du das Vorschlagsrecht, und konntest sagen: Wir spielen jetzt rechts herum. Wenn ein anderer gesagt hat, wir spielen links herum, hast du dich eingebracht. Aber du warst nie der, der es am Ende festgelegt hat. Jetzt habe ich das Steuerrad in der Hand. In Absprache mit den Co-Trainern und Spielerinnen fälle ich die Entscheidungen. Und habe die Verantwortung zu tragen.

Sie hatten kaum Zeit für eine ausführliche Vorbereitung. Was haben Sie sich überlegt für die Arbeit mit der Mannschaft?

Durch die Länderspielpause hatten wir nach Ostern zwei Wochen Zeit bis zum Leverkusen-Spiel (am Sonntag, d. Red.). Ich wollte zunächst richtig Zug reinbringen mit sehr intensiven Einheiten. Viele Zweikämpfe, möglichst am Limit. Auch, um mir ein Bild zu machen von den individuellen Leistungsfähigkeiten im Team. In dieser Woche arbeiten wir mehr im taktischen Bereich. Sozusagen kommt diese Woche der Feinschliff.

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Es sind jetzt noch fünf Spieltage. Befürchten Sie, dass es der eigenen Trainerkarriere schadet, wenn es nicht klappt mit dem Klassenerhalt?

Meine persönliche Karriere ist mir da nicht wichtig. Ich bin quasi in der zweiten Halbzeit des Lebens. Ich war in Russland mit den U-17-Juniorinnen bei einer EM dabei, ich habe eine U-17-WM in Jordanien erlebt. Ich habe ein Pokal-Viertelfinale vor 80.000 in Dortmund erlebt oder ein Halbfinale gegen Bayern München. Ich habe schon viel gesehen und miterlebt. Jetzt ist aber die tägliche Arbeit wichtig und der Fokus liegt auf dem Leverkusen-Spiel.

Das Gespräch führte Olaf Dorow

Info

Zur Person

Thomas Horsch (52)

hat lange beim VfL gearbeitet, ehe er zum DFB wechselte. 2017 verpflichtete ihn Werder als Co-Trainer der Profis. 2020 freigestellt, wurde er nun - zunächst bis Saisonende - neuer Cheftrainer der Bremer Bundesliga-Frauen.

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