Zeit für einen Generationswechsel

Zeit für einen Generationswechsel

Abwehrlegende Jürgen Kohler rät Werder Bremen, jetzt auf Marco Friedl zu setzen und Niklas Moisander als Mentor zu nutzen.
22.08.2020, 21:42
Lesedauer: 3 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Sonnenberg

Zell am Ziller. Die Pokale und Trophäen, die Jürgen Kohler in seiner mehr als 20 Jahre dauernden Karriere als kompromissloser Innenverteidiger in Deutschland und Italien gewann, würden im Weserstadion mindestens eine komplette Loge füllen. Allein schon deshalb lohnt es sich, seine Meinung anzuhören, wenn es um die Einschätzung von Abwehrspielern geht. In Bezug auf das aktuelle Geschehen bei Werder kommt bei Kohler aber noch ein weiterer Aspekt hinzu: Zum Ende seiner weltmeisterlichen Karriere im Trikot von Borussia Dortmund musste er einen Generationswechsel mitgestalten und den 15 Jahre jüngeren Kollegen Christoph Metzelder an seiner Seite reifen lassen. Bei Werder bahnt sich gerade ein ähnliches Szenario an: Der im September 35 Jahre alte Niklas Moisander geht in seine letzte Saison und wird auf der Position des linken Innenverteidigers massiv bedrängt vom 22 Jahre jungen Marco Friedl.

„Ich würde Florian Kohfeldt jetzt zum Generationswechsel raten“, sagt Kohler drei Wochen vor dem Saisonstart im Gespräch mit dem WESER-KURIER und erklärt: „Der Zeitpunkt ist ideal, weil es sehr hilfreich sein kann für einen jungen Innenverteidiger wie Friedl, reifen zu können, während der erfahrene Moisander als Backup noch im Kader steht. Denn junge Spieler sind immer Schwankungen unterlegen, das ist völlig normal und wird auch hier noch so sein. Dann kann man auf Moisander zurückgreifen. Außerdem kann er dem jüngeren Spieler unter der Woche mit wertvollen Tipps helfen. Das ist das Idealszenario für einen Generationswechsel.“

Zumal sich Friedl nach einem fehlerhaften Beginn in der vergangenen Saison erheblich steigerte und im Saisonfinale, als es für Werder um alles ging, als verlässliche Größe überzeugte. Trainer Florian Kohfeldt bestätigt: „Wenn es im Laufe der vergangenen Saison einen Gewinner für mich gegeben hat, dann Marco Friedl.“ Zu Beginn hätte der Österreicher zwar „eine sehr schwierige Phase“ durchgemacht, in der er öffentlich in Bremen sehr kritisch gesehen wurde und zeitweise auch seinen Platz im Team verlor. Doch das hat aus Trainersicht mit der Position zu tun. Oft musste Friedl in dieser Phase als Linksverteidiger ran. „Ich habe immer wieder betont, dass er auf einer Position spielt, die nicht seine stärkste ist“, betont Kohfeldt, „er hat uns hinten links geholfen, was er kann. Von Haus aus ist er Innenverteidiger.“

Auch Kohler ist die enorme Leistungssteigerung von Friedl aufgefallen, er zieht daraus einen logischen Schluss: „Der Junge hat sich unter größtem Druck wieder in Werders Startelf gekämpft und seinen Mann gestanden, als es darauf ankam. Dadurch hat er an Standing im Team und im Umfeld gewonnen, vor allem aber auch sein Vertrauen in die eigene Leistung gestärkt. Ihn jetzt aus der Mannschaft zu nehmen, wäre ein sehr schlechter Zeitpunkt für seine Entwicklung.“

Aus eigener Erfahrung weiß Kohler, dass die Personalie Friedl nun im Kontext mit Moisander betrachtet werden muss. „Nach allem, was ich bei solchen Generationswechseln erlebt habe, kann ich sagen: Es wäre wichtig, dass der Trainer ein ehrliches Gespräch mit Moisander führt. Dazu gehört auch, seine Leistungen objektiv zu bewerten und seine Anfälligkeit für Verletzungen einzubeziehen. Daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist ja nicht schwer – und wenn man das einem erfahrenen Spieler vernünftig mitteilt, kann er damit auch umgehen.“

In solch einem offenen Gespräch sieht Kohler nur Vorteile, denn: „Moisander könnte dann für sich noch eine andere Lösung suchen, wenn er sich mit der Rolle als Backup hinter Friedl nicht abfinden kann. Diese Chance sollte man einem verdienten Spieler immer geben. Oder aber er bleibt und kann als verlängerter Arm des Trainers weiterhin die Jungs in der Kabine zusammenhalten. Erfahrene Spieler wie er sind dafür enorm wichtig, und in einem Gespräch kann der Trainer ihn dafür in die Pflicht nehmen.“ Schließlich habe Moisander einen tadellosen Charakter, betont Kohler.

Für Friedl als neue Stammkraft als linker Innenverteidiger spricht auch die bisherige Saisonvorbereitung. Wegen einer muskulären Verletzung an der Wade verpasste Moisander erneut weite Teile des Trainings, Friedl hingegen ist fit und tatendurstig. „Unser Kapitän ist momentan nicht da“, weiß Kohfeldt, „es ist und bleibt eine große Konkurrenzsituation für Marco Friedl. Die Entwicklung, die er nimmt, stimmt mich sehr positiv. Auf dem Weg zu einer gesunden Souveränität. Nicht zu locker, aber mit einer gewissen Selbstsicherheit.“ Friedl bringe alle Grundfähigkeiten mit: athletisch stark, sehr gutes Passspiel, kopfballstark. „Manchmal will er noch mit dem Kopf durch die Wand oder geht zu viel Risiko“, sagt der Trainer, „aber er ist ein spannender Spieler für uns, der in der Lage ist, 25 bis 34 Spieler in der Bundesliga zu machen.“

Er selbst, sagt Kohler, habe auch mehrere Monate den jungen Metzelder „an meiner Seite herangeführt“. Irgendwann aber „ist dann der Zeitpunkt da, wo der jüngere Spieler vorbeiziehen kann und muss. Im Fall von Moisander und Friedl sehe ich diesen Zeitpunkt jetzt gekommen – ohne jedes Risiko für Werder.“

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