Eishockey-Reportage aus dem Waller Paradice

Wo Klubchef Alan Cemore schon mal als Hallensprecher aushilft

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer läuft bei den Weserstars nichts. In diesem Verein geht es sehr familiär zu. Und das Helfer-Team hinter dem Regionalliga-Team ist sich für keine Tätigkeit zu schade.
14.03.2020, 19:59
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Freye
Wo Klubchef Alan Cemore schon mal als Hallensprecher aushilft

Im Vordergrund der Vereinschef Alan Cemore (rechts) am Mikrofon, im Hintergrund das Regionalliga-Team der Weserstars: Das letzte Heimspiel der Saison gegen den ECW Sande kann gleich beginnen.

Louis Kellner

Es ist mittlerweile 22.15 Uhr, als die sonore Bariton-Stimme ein letztes Mal im Waller Paradice erklingt. „Wir bedanken uns bei allen Ehrenamtlichen, die das hier ermöglicht haben.“ Diese Stimme, sie gehört Alan Cemore. Er ist ein bekannter Opernsänger und der Vereinsvorsitzende der Weserstars – von jenem Team, das mit einem unerwarteten 6:3-Heimsieg über den ECW Sande gerade für Furore gesorgt hat. Die abschließende Ansage macht Cemore aber aus einem ganz anderen Grund: Er ist heute mal selbst einer dieser Ehrenamtlichen in der Halle, die das Spiel erst ermöglicht haben.

Weil der eigentliche Hallensprecher verhindert ist, verrichtet diesmal der Präsident den Dienst am Mikrofon. „Mir macht das einfach Spaß“, sagt der 62-Jährige. Erst rund drei Stunden zuvor hat er von seinem ungeplanten Einsatz erfahren. Zu diesem Zeitpunkt ist Sarah Bittner noch damit beschäftigt, die Ersatzbank der Weserstars und den VIP-Bereich auf der Empore zu präparieren. Danach läuft sie schnell rüber zum Halleneingang, denn ab 19.30 Uhr werden an diesem Tag die Zuschauer eingelassen. Also stellen sich Bittner und ihr Kollege Ralf Püschmann hinter die Ticketkontrolle, um das Stadionheft „Zwei Minuten“ für einen Euro zu verkaufen.

Immer im Dienst für die Weserstars: Ralf Püschmann und Sarah Bittner bewähren sich als Verkäufer des Stadionheftes.

Immer im Dienst für die Weserstars: Ralf Püschmann und Sarah Bittner bewähren sich als Verkäufer des Stadionheftes.

Foto: Louis Kellner

„Wir machen, was gerade anliegt“, sagt Sarah Bittner. Machen, was gerade anliegt, das gilt auch schon sehr lange für den Kollegen an ihrer Seite. Bereits seit 30 Jahren ist Ralf Püschmann für das Eishockey im Einsatz. Er kennt noch die Anlage am Jakobsberg, einst die Spielstätte der Weserstars-Vorgänger, und er war auch schon dabei, als eine Eishalle auf der Bürgerweide das sportliche Zuhause der Cracks auf den Kufen war.

„Wir sind hier mit sieben, acht Leuten, die alles machen“, sagt Püschmann. Später wird er auf der Strafbank sitzen. Dort besteht seine Aufgabe darin, die Zeitstrafen zu überwachen. Er ist ein sogenannter Strafbank-Nehmer. Gleich nebenan sitzt Simon Schmidt in der Kabine des Spielgerichts. Er ist eigentlich auch einer der flexibel einsetzbaren Helfer, heute aber explizit für die Musik zuständig – weil der eigentliche Hallen-Discjockey ebenfalls verhindert ist. „Ich mache das nach Gefühl“, sagt Schmidt über die Auswahl der Songs. Normalerweise würde er Rockmusik spielen. Tatsächlich werden die Pausen immer wieder von härteren Klängen begleitet. Aber auch die Frage „Was wollen wir trinken sieben Tage lang“, wird musikalisch gestellt, und um die „Pure Lust am Leben“ geht es heute auch.

Ebenfalls im Dienst für die Weserstars – aber auf dem Eis: Die Bremer Spieler (in den gestreiften Trikots) fahren im letzten Heimspiel einen 6:3-Heimsieg über Sande ein.

Ebenfalls im Dienst für die Weserstars – aber auf dem Eis: Die Bremer Spieler (in den gestreiften Trikots) fahren im letzten Heimspiel einen 6:3-Heimsieg über Sande ein.

Foto: Louis Kellner

Neben Simon Schmidt und Aushilfs-Ansager Alan Cemore hat Florian Brandt Platz genommen. Er ist der Zeitnehmer des Spiels – nachdem das erste Bully erfolgt ist. Bevor er zur Kabine des Spielgerichts kam, hatte er die Eisfläche noch mit den Löchern für die beiden Tore versehen. Hier macht wirklich jeder alles. „Das ist die Liebe zum Verein und die Liebe zum Sport“, sagt Florian Brandt über sein großes Einsatzgebiet. Er werde aber richtig gut entlohnt für seine ehrenamtliche Tätigkeiten: „Als Zeitnehmer habe ich ja einen der besten Plätze.“

Als Fans des unterklassigen Eishockeys sind sie freundschaftlich verbunden (von links): der Bremer Roland Hass sowie die beiden extra aus Berlin angereisten Michael Rehm und Jogi Weber.

Als Fans des unterklassigen Eishockeys sind sie freundschaftlich verbunden (von links): der Bremer Roland Hass sowie die beiden extra aus Berlin angereisten Michael Rehm und Jogi Weber.

Foto: Louis Kellner

Einen guten Platz haben auch Michael Rehm und Jogi Weber, zwei der 440 Zuschauer an diesem Abend. Weil die Tribüne des Paradice insgesamt 700 Menschen Platz bietet, geht es sehr entspannt zu – die Fans, rund 100 sind aus Sande angereist, stehen bequem und ohne Gedränge. „Wir lieben dieses familiäre Eishockey“, sagt Michael Rehm. Er ist wenige Stunden zuvor mit Jogi Weber am Bremer Hauptbahnhof angekommen. Aus Berlin, der Heimat des Duos. „Wir fahren überall hin, wo wir Leute kennen“, sagt Rehm. Das darf man wörtlich nehmen: Der Eishockey-Liebhaber besucht gerade sein 298. Spiel. Er sagt: „Das Paradice ist eine schöne Halle, und ich kenne viele.“

Für Roland Hass ist es eigentlich überall schön, wo die Weserstars dem Puck nachjagen. Der Bremer ist schließlich seit 2010 ein großer Fan des Regionalligisten. Gerade in seinem Fall drängt sich natürlich die Frage auf, warum er eigentlich auf die vierte Liga setzt, wo doch in Bremerhaven die Fischtown Pinguins für Furore in der DEL sorgen. „Weil wir nicht auf kommerzielles Eishockey stehen, sondern auf ehrliches“, sagt Hass. Michael Rehm und Jogi Weber nicken zustimmend.

In Berlin zieht es das Duo auch nicht zu den Eisbären in die 1. Liga. Die Beiden besuchen die Spiele von Preußen Berlin, einem Regionalligisten. „Viele unserer Fans haben auch nicht die Möglichkeit, nach Bremerhaven zu fahren“, benennt Andreas Niewiera einen weiteren Grund für die kleine, aber recht stabile Fangemeinde der Weserstars. In Konkurrenz zum großen Rivalen aus der DEL sieht Niewiera, der Sportliche Leiter der Weserstars, seinen Klub ohnehin nicht: „Ihre mediale Präsenz hilft uns.“

Es lässt sich ja auch nur schwer vergleichen: Dort die Pinguins, deren Heimspiele in der gerade vorzeitig beendeten DEL-Saison von rund 4500 Zuschauern verfolgt werden, und hier die Weserstars, die mit 440 Besuchern schon ganz zufrieden sind. „Früher hatten wir mehr, aber 50, 60 Prozent unserer Fans sind Familienväter“, begründet Niewiera den Schwund der vergangenen Jahre. Bei den Helfern ist die Lage vergleichsweise entspannt, die personelle Entwicklung zeigt sogar einen positiven Trend. „Wir sind ein gutes Team, das sich ergänzt, und jedes Jahr kommen ein, zwei Leute dazu“, sagt Niewiera.

Wenn, wie vor dem letzten Heimspiel geschehen, der etatmäßige Fahrer ausfällt, setzt sich Paradice-Betriebsleiter Uwe Kirsch auch mal selbst auf die Eismaschine.

Wenn, wie vor dem letzten Heimspiel geschehen, der etatmäßige Fahrer ausfällt, setzt sich Paradice-Betriebsleiter Uwe Kirsch auch mal selbst auf die Eismaschine.

Foto: Louis Kellner

Uwe Kirsch zählt zwar nicht zur eigentlichen Mannschaft der Helfer. Als Betriebsleiter des Paradice ist er aber auch bei jedem Spiel dabei. „Die Weserstars haben eine sehr große Bedeutung für uns“, sagt Kirsch, der einst selbst in Frankfurt auf dem Eis stand. Zwar biete das Paradice viele Sportarten an, etwa auch Eisstockschießen und Eisschnelllauf. Es gebe aber drei Säulen, auf denen der Betrieb der Halle aufgebaut ist: das öffentliche Laufen, der Eiskunstlauf und das Eishockey. Die Weserstars mit ihren zahlreichen Nachwuchs-, Herren- und Para-Eishockey-Mannschaften gelten dabei als intensivster Nutzer der Anlage. „Sie sind unser größter Anmieter“, sagt Uwe Kirsch, der an diesem Tag ebenfalls als Springer gefragt ist: Weil der Eismacher erkrankt ist, bedient ausnahmsweise mal der Betriebsleiter die Eismaschine.

Also fährt Kirsch in den Drittelpausen des letzten Saisonheimspiels der Weserstars mit dem großen Gefährt über die Eisfläche. Es hobelt eine dünne Schicht ab und sprüht gleichzeitig Wasser auf, um für neues Eis zu sorgen. Uwe Kirsch sagt, er habe sich „von Anfang an angewöhnt, alle Arbeiten ausführen zu können“. Eine Aussage, die an diesem Abend nicht nur für ihn gilt.

Info

Zur Sache

Dreimaliger Regionalliga-Meister

Die Weserstars gingen 2009 aus einer Spielgemeinschaft des Bremer EC und des REV Bremerhaven hervor. Nach nur einer Saison in der Regionalliga trennte man sich, und der Bremer EC übernahm das Team als seine 1. Mannschaft, die zwischen 2010 und 2013 in der Oberliga (dritthöchste Spielklasse) antrat. Danach benannte sich der Bremer EC in Weserstars um. Seit 2013 spielt das Topteam der Weserstars in der Regionalliga Nord (vierthöchste Spielklasse). Dort gelang in den Jahren 2015, 2016 und 2018 der Titelgewinn. 2020 verpassten die Weserstars als Fünfter der Meisterrunde die Play-off-Spiele. Der Verein schickte insgesamt zehn Mannschaften in die Saison 2019/20, die kürzlich aufgrund des Coronavirus abrupt beendet wurde. Die zweite Mannschaft spielt in einer Spielgemeinschaft als EHC Wilhelmshaven Eisbären in der Landesliga. Das Para-Eishockey-Team ist gespickt mit deutschen Nationalspielern. Außerdem haben die Weserstars Nachwuchsteams in der U 7, U 9, U 11, U 13, U 15; U 17 und U 20.

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