Interview über E-Sport

„Zu 90 Prozent Kopfsache“

Während die Fußballer aktuell nur Mittelmaß sind, gehört Werder Bremen im E-Sport zur deutschen Spitze. Michael Bittner und Erhan Kayman erklären, was den Job eines professionellen Fifa-Spielers ausmacht.
01.11.2019, 22:14
Lesedauer: 4 Min
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„Zu 90 Prozent Kopfsache“
Von Felix Wendler
„Zu 90 Prozent Kopfsache“

"Fifa ist wirklich Mentalsport": Werders E-Football Duo Erhan Kayman (l.) und Michael Bittner im Gespräch.

Frank Thomas Koch
Anfang November beginnt die neue Saison in der Virtual Bundesliga. Wie viele Stunden am Tag haben Sie in der Vorbereitung die Fußballsimulation Fifa gespielt?

Michael Bittner: Nachdem das neue Fifa im September rausgekommen ist, musste man erstmal extrem viel trainieren, um die Neuheiten zu verstehen. Das bewegt sich dann zwischen fünf und acht Stunden am Tag. Wenn die Automatismen greifen, wird das reine Training immer weniger. Ich konzentriere mich jetzt mehr darauf, mein Spiel zu analysieren und Fehler zu suchen.

Erhan Kayman: Dazu schaut man auch noch Spiele von anderen Leuten und analysiert, was die für Tricks gefunden haben. Insgesamt ist man dann schon zehn Stunden am Tag damit beschäftigt. Das geht aber nur zwei Monate, dann reduziert sich das auf drei bis vier Stunden.

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Sie haben also eine normale Arbeitswoche. Da gibt es doch bestimmt auch mal Phasen, in denen man keine Lust hat.

Bittner: Wir sind so frei sagen zu können: Ich habe genug trainiert. Gleichzeitig gibt es nie genug. Während ich jetzt hier das Interview führe, gibt es Profis auf der Welt, die gerade ihr Spiel verfeinern. Man könnte theoretisch 24 Stunden spielen und es reicht nicht. Oder aber auch nur sehr wenig spielen und es reicht. Da muss man die Balance finden.

Kann man auch zu viel spielen?

Kayman: Absolut, man kann auch überspielt sein. Deswegen ist es manchmal gar nicht so verkehrt, ein paar Tage überhaupt nicht zu spielen. Danach kommst du mit mehr Spielspaß und Kreativität zurück.

Viel Kopfsache also?

Kayman: Zu 90 Prozent. Wenn im normalen Sport ein Spieler nicht voll da ist, kann man den vielleicht noch mitziehen. Bei Fifa steuerst du die ganze Mannschaft. Wenn du da nicht Herr deiner Sinne bist, hast du keine Chance.

Bittner: Fifa ist wirklich Mentalsport. Der Kopf muss funktionieren. Auch wenn man mal zurückliegt und sich fragt, warum nichts funktioniert. Da darf man nicht hektisch werden.

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Und wie sorgt man dafür, dass der Kopf funktioniert?

Bittner: Zum Beispiel mit Sport als Ausgleich. Bei mir sind das Basketball, Tennis und Fußball. Bis vor zwei Jahren habe ich auch selbst noch Fußball im Verein gespielt. Das Torgefühl in einem echten Spiel vermisse ich schon etwas.

Kayman: Gesunde Ernährung spielt da natürlich auch eine Rolle. Gerade bei längeren Turnieren ist das wichtig. Da sind wir schon sehr professionell.

Was unterscheidet Sie sonst noch von einem normalen Spieler, der gelegentlich mal mit Freunden vor der Konsole sitzt?

Bittner: Warum gibt es Profifußballer? Das kann man bei uns auch nicht an einer Sache festmachen. Es geht auf jeden Fall mit der Arbeitseinstellung los. Klar ist da Talent im Spiel, aber es hat auch viel mit Selbstkritik zu tun. Wie werde ich besser? Aber der größte Unterschied ist, dass wir die Gegner lesen können. Wir denken zwei oder drei Schritte voraus – in der Offensive und in der Defensive.

Kayman: Ich vergleiche das auch gerne mit dem realen Fußball. Wenn du nicht das nötige Talent hast, kannst du soviel arbeiten wie du willst. Es muss beides gegeben sein.

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Sie haben ja sicherlich auch als Freizeitspieler angefangen. Wie sind Sie denn in den professionellen Bereich gekommen?

Bittner: Im Oktober 2015 habe ich mich quasi aus dem Nichts für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Die WM hat im März 2016 stattgefunden. In dem halben Jahr dazwischen habe ich mich zum ersten Mal mit der professionellen Szene beschäftigt. Da habe ich Möglichkeit erkannt, mir meinen Kindheitstraum erfüllen zu können: mit einem Bundesliga-Verein zusammenzuarbeiten.

Kayman: Ich habe schon als Siebenjähriger Fußballspiele auf der Konsole gespielt, war also von Anfang an im Training. Später habe ich dann professionell Pro Evolution Soccer gespielt und wurde da auch Deutscher Meister und Vize-Europameister. Fifa spiele ich tatsächlich erst seit 2013 so richtig ernsthaft.

Sie sitzen jetzt hier in eigenen Trikots, spielen für einen Bundesliga-Verein und haben viele Fans in den sozialen Medien. Ist der E-Sport in der Gesellschaft angekommen?

Bittner: Da hat sich viel verändert in den letzten Jahren. Man sieht uns jetzt häufiger in der Öffentlichkeit und die Leute verstehen, dass wir eben nicht den ganzen Tag alleine vor der Konsole rumhängen. Ich zum Beispiel war in diesem Jahr an mehr Tagen unterwegs als daheim. Und E-Sport wird ja irgendwann noch selbstverständlicher, da die neue Generation damit aufwächst.

Kayman: Und wenn wir dann die ältere Generation sind, wird auch da die Akzeptanz größer sein.

Wie sehen Ihre Pläne abseits der E-Sport-Karriere aus?

Kayman: Ich habe vier Jahre Jura studiert und brauche nur noch das Staatsexamen. Jetzt pausiere ich gerade, werde das Studium aber auf jeden Fall abschließen. Ich bin ja auch schon 29. In anderen Spielen wäre ich damit als E-Sportler vielleicht schon raus, weil die Reaktionszeit mit dem Alter abnimmt. Bei Fifa ist das zum Glück nicht ganz so wichtig. Trotzdem kann ich das natürlich nicht ewig machen.

Bittner: Bei mir ist es ähnlich. Ich studiere BWL und will später mal was in Richtung Sportmanagement machen. Aufgrund der vielen Reisen fehlt mir aber die Zeit, weswegen ich das jetzt unterbrochen habe. Bis zum Karriereende will ich das Studium aber abgeschlossen haben.

Das Gespräch führte Felix Wendler.

Info

Zur Person

Michael „Mega Bit“ Bittner (21) und Erhan „Dr. Erhano“ Kayman (29) sind professionelle E-Sportler. Für Werder Bremen wollen die beiden in dieser Saison den Titel in der Virtual Bundesliga verteidigen. Im Gespräch mit dem WESER-KURIER erzählen sie, was einen guten Spieler ausmacht – und wann es besser ist, den Controller zur Seite zu legen.

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Zur Sache

Derby zum Saisonstart

Die neue Saison der Virtual Bundesliga (VBL) beginnt im November. Neben Titelverteidiger Werder Bremen treten im Club-Modus der VBL 21 weitere Mannschaften aus der ersten und zweiten Bundesliga an. Die Werderaner starten am 4. November mit einem Derby gegen Hannover 96. Jeder Spieltag besteht aus drei Partien: zwei Einzelspiele und ein 2-gegen-2-Match. Gespielt wird mit dem originalen Kader des jeweiligen Vereins – die Stärke der einzelnen Spieler ist dabei allerdings angeglichen, sprich Claudio Pizarro und Guido Burgstaller sind gleich schnell und gleich torgefährlich. Die sechs besten Teams ziehen am Ende der Saison in die Play-offs ein. Im Februar 2020 fällt dann die Entscheidung, wer Deutscher Club-Meister im E-Football wird. Die VBL wird auf ProSieben MAXX, www.eSports.com und www.virtual.bundesliga.com übertragen.

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