Hochsprung-Star Ariane Friedrich verpasst erneut die Olympianorm Zum Heulen

Passables Hochsprung-Wetter hatte man Ariane Friedrich versprochen. Doch dann war es nur noch beim Einspringen passabel. So wurde Friedrich zwar Deutsche Meisterin, aber die Olympianorm hat sie immer noch nicht
17.06.2012, 05:00
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Von Olaf Dorow

Passables Hochsprung-Wetter hatte man Ariane Friedrich versprochen. Doch dann war es nur noch beim Einspringen passabel. So wurde Friedrich zwar Deutsche Meisterin, aber die Olympianorm hat sie immer noch nicht

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Bochum. Als der Hochsprung begann, ging das Diskuswerfen der Frauen gerade in die letzte Runde. Der Diskusring lag nur wenige Meter von der Hochsprungmatte entfernt. Es war ein Festival der Olympianormen dort drüben. Sie purzelten nur so, am Ende hatten gleich vier Athletinnen weiter geworfen als die geforderten 62 Meter.

Dann folgte das Kontrastprogramm. "Ich bin sooo frustriert, das können Sie sich gar nicht vorstellen", diktierte die Hochspringerin Ariane Friedrich den Journalisten. Ob mal jemand ein Taschentuch für sie habe, fragte sie. Ihr würde so die Nase laufen. Sie hatte Tränen in den Augen. Sie stand kurz vor einem heftigen Weinkrampf.

Diese blöde Norm. 1,95 Meter fordert der deutsche Verband für London. Ariane Friedrich, WM-Dritte und Deutschlands Rekordhalterin mit 2,06 Meter, sprang gestern im Lohrheidestadion 1,86 Meter. Damit wurde sie mit großem Vorsprung Deutsche Meisterin – und war völlig fertig. Zu einer blöden Mauer, die einen fertigmacht, sei dieser Normdruck geworden. Gestern machte ihr erneut das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Das Wetter war ein Wetter für Diskuswerfer. Anständig Wind wehte den Athleten entgegen. Im Hochsprung setzte pünktlich zum Wettkampfbeginn auch noch ordentlicher Nieselregen ein. "Der Regen war der Killer", sagte Ariane Friedrich. "Da kann selbst Ariane Friedrich nicht hoch springen", sagte Ariane Friedrich.

Das Wetter als Killer

Sie weiß, dass sie hoch springen kann. sie weiß es einfach. Sie sei bestens in Form, bestätigte ihr Trainer und Manager Günther Eisinger. Rechtzeitig nach der lange Pause wegen eines Achillessehnenrisses im letzten Jahr ist die Vorzeigedame der deutschen Leichtathletik in Form. In Form und ohne Norm. Als beim Einspringen nur etwas Wind wehte und der Regen noch nicht den Anlauf nass und rutschig machte, sprang sie zwei Höhen. Erst 1,80 Meter, dann 1,90. Locker drüber. "So wie früher", sagte Eisinger, was bedeuten sollte: Seine Athletin nähert sich der Leistungsstärke, die sie vorm Achillessehnenriss hatte.

Dann begann der eigentliche Wettkampf, und bei 1,86 Metern war Endstation. Der Wind: böig und viel zu stark für solch ein Leichtgewicht. Der Regen kam hinzu. "Wenn du da eine falsche Bewegung machst in der Kurve, dann fliegst du volle Lotte hin", sagte die 28-Jährige. Die Polizistin, die für die LG Eintracht Frankfurt startet, gab zu, dass sie auf den letzten Anlaufmetern regelrecht Angst gehabt habe. Wäre sie ausgerutscht, wäre womöglich alles aus. Dass ab 1,86 Metern niemand mehr außer ihr im Wettbewerb stand, beflügelte sie auch nicht. Auch die Konkurrenz blieb weit unter den Möglichkeiten. Die Zweite, Marie-Laurence Jungfleisch aus Kornwestheim, überquerte nur 1,82 Meter. Zehn Zentimeter weniger, als nur wenige Tage zuvor. Ariane Friedrich, viel zu früh allein im Wettbewerb, riss dreimal 1,93 Meter. Zweimal deutlich, einmal knapp.

Dabei war das Wetter an sich nicht das Problem. Sie hatte ja gewonnen. Es war ein Meisterschaftsspringen. Verglichen mit der Fußball-EM, hatte hier jemand ein rumpeliges Spiel verdient mit 1:0 gewonnen. Hauptsache gewonnen, das Motto scheidet für sie, weil normlos, aus.

Dabei sollte das gestern endlich IHR Tag werden. Sie sei sich sooo sicher gewesen. Monatelang hatte sie das lästige wie stupide Aufbautraining über sich ergehen lassen. Und dann kam endlich dieser Tag. Schrill sah sie aus und entschlossen, als sie mit rosa Haaren, einem orangenen Halstuch und einem grellen Trainingspullover in die Arena kam. Sie ist doch ein Star, endlich wieder ein Star.

"Drückt die Daumen, dass es heute endlich klappt." Diese Videobotschaft von ihr ans Publikum lief zum Wettkampfbeginn auf der Anzeigetafel. Als Friedrich ihre erste Höhe von 1,82 Metern überflog, mit reichlich Luft nach oben, stand sie danach für mehrere Sekunden wie eine Statue da. Die Faust war senkrecht in den Himmel gereckt. Das Publikum war laut und froher Erwartung. Heute packen wir’s, das sagte Friedrichs Geste. Als sie später im Mistwetter zum dritten Mal die 1,93 Meter gerissen hatte, blieb sie auch länger als gewöhnlich auf der Matte. Als Trauerkloß. Die Stimmung bei der Siegerehrung sei miserabel gewesen, gestand sie später. Das seien "die schlechtesten Bedingungen gewesen, die ich seit Langem hatte".

Ihr langjähriger Betreuer Günter Eisinger sagte, in London könne das Wetter auch so sein. Dann würde vielleicht die Olympiasiegerin unter zwei Metern bleiben, das könne wirklich passieren. Dann hätten halt alle dieselben Bedingungen, das wäre dann eben so.

Vorerst bleiben nur die Europameisterschaften Anfang Juli und davor vielleicht noch ein, zwei Wettkämpfe. "Günther, weißt du schon einen Wettkampf?", fragte die Springerin fast flehentlich auf der improvisierten Pressekonferenz. Das sei nicht so leicht, sagte Eisinger. Die Verbände müssten den Wettkampf als Qualifikationswettkampf anerkennen.

Vor allem müsste das Wetter stimmen. "Wenn wir doch in Südafrika leben würden", sagte Friedrich, wieder flehentlich. "Wenn wir doch nur für einen Tag mal in einem anderen Land leben könnten!" In einem Land mit Hochsprung-Wetter.

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