Werder-Kapitänin Lina Hausicke im Interview „Das hat uns zusammengeschweißt“

Sie ist zurück im Spiel: Im Interview spricht Werder-Kapitänin Lina Hausicke über die Quarantäne fürs Team, ihre langwierige Knieverletzung – und den Abstiegskampf in der ersten Liga.
27.01.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Das hat uns zusammengeschweißt“
Von Olaf Dorow

Frau Hausicke, in einem früheren Interview haben Sie sich als eher ungeduldigen Typen bezeichnet. Wie kommen Sie klar in dieser Pandemie, die man ja auch als Geduldsspiel begreifen kann?

Lina Hausicke: Daran hat sich auch nichts geändert, dass ich so bin. Die Pandemie ist jetzt für uns alle noch mal eine ganz andere Situation. Als Werder-Fußballerinnen sind wir da gerade sehr privilegiert. Wir können unseren Sport ausleben. Das hält uns am Laufen und bestimmt den Alltag. Was wir sehr zu schätzen wissen. Da geht‘s uns schon sehr viel besser als vielen anderen.

Wie Sie zum Beispiel als Studentin der Uni Oldenburg miterleben?

Ich muss echt sagen, dass es uns als Studenten schon sehr krass trifft und die Pandemie vielen einen großen Strich durch die Rechnung macht. Da bin ich tatsächlich ein Stückweit ungeduldiger. Da ist es schon sehr anders als in unserem Sport, den wir ja unter relativ normalen Gegebenheiten weiter betreiben können.

Jetzt waren Sie aber ab Mitte Oktober durch eine Knieverletzung auch im Sport zu einer Art Stillstand gezwungen. Haben Sie sofort gewusst, dass auch das ein Geduldsspiel wird?

Es ist im Spiel gegen Meppen passiert. Ich habe in der Tat gemerkt, dass das nicht gut war und länger dauern wird. So gesehen konnte ich mich gleich darauf einstellen, dass eine relativ lange Reha-Phase ansteht. Die habe ich dann sogar mit viel Geduld rum bekommen. Aber ich bin sehr froh, dass ich inzwischen wieder mit der Mannschaft trainieren kann.

Was war das Schwerste in dieser Reha-Zeit?

Ich habe die Reha in Darmstadt gemacht, zumindest die erste Zeit. Das war dann sehr weit weg von der Mannschaft. Im Endeffekt ist es aber egal, wie weit die Distanz ist: Es war einfach schade, dass ich nicht mit der Mannschaft auf dem Platz stehen konnte. Das ist einfach das Ärgerlichste in einer Reha.

Dann kam auch noch eine Quarantäne fürs ganze Team dazu ...

... da war ich noch in Darmstadt.

Glück im Unglück sozusagen, oder?

Na ja, für die Spielerinnen, die es betroffen hat, und es waren fast alle, war das natürlich eine unangenehme Situation. Für mich war es insofern gut, und, ja: ein Glück, dass ich von der Quarantäne nicht betroffen war. Das hätte mich im Reha-Prozess weiter nach hinten geworfen.

Wie haben Sie aus der Distanz die Entwicklung der Mannschaft verfolgt?

Über Smartphone, alle möglichen Zoom-Konferenzen oder auch Online-Training. In der Quarantäne sind wir über die sozialen Medien viel in Kontakt gewesen. Ich glaube, ich kann sagen, dass uns das als Team ein Stück weit mehr zusammengeschweißt hat. Weil das noch mal eine ganz andere Form der Kommunikation war.

Quasi gezwungen zur Teambildung? Alle in einem Boot?

Man kann sich das ja so vorstellen: Als aktive Menschen, die sechs- oder siebenmal in der Woche zum Training gehen, wurden wir von Hundert auf Null gebremst, waren in den eigenen vier Wänden eingeschlossen. Das war für alle, die es betroffen hat, eine krasse Erfahrung. Sie waren verstärkt darauf angewiesen, über andere Kanäle zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben.

Haben Sie bei sich selbst oder Mitspielerinnen Motivationsprobleme bemerkt?

Nein, auch wenn gerade die Quarantäne eine schwierige Zeit war. Viele von uns studieren oder arbeiten nebenbei, sie konnten die Zeit auch positiv nutzen und mehr Energie in andere Sachen als Fußball fließen lassen.

Frau Hausicke, wie fit fühlen Sie sich jetzt kurz vor dem Re-Start der Pflichtspiele?

Am Anfang der Winterpause (zum Jahreswechsel, d. Red.) wurde ich langsam herangeführt. Seit gut einer Woche bin ich wieder voll dabei im Mannschaftstraining. Ich glaube schon, dass mir noch ein paar Prozent fehlen, vor allem, was die Spielpraxis betrifft. Auch wegen der Belastungssteuerung war ich jetzt gegen Leverkusen nicht dabei (Testspiel gegen den Bundesliga-Konkurrenten, das am Sonntag 2:3 endete, d. Red). Für 90 Minuten reicht es jedenfalls noch nicht. Rein medizinisch bin ich auf einem ganz guten Weg, alles andere liegt nicht in meiner Hand.

Wie würden Sie den Leistungsstand des Teams beschreiben?

Wir konnten uns im Vergleich zum Beginn der Saison deutlich steigern. Und konnten in den Duellen mit den direkten Konkurrenten (im Kampf um den Klassenerhalt, d. Red.) punkten. Mich hat das richtig stolz gemacht, dass die Mannschaft das so gut hinbekommen hat. Ich weiß, dass wir eine schlagkräftige Truppe haben und die Klasse halten können.

Die Zuversicht ist groß, weil das Team in den engen Spielen zur Stelle war?

Absolut. Natürlich können wir uns jetzt nicht mehr viel davon kaufen, dass wir die Spiele in der Vergangenheit gewonnen haben. Aber es ist ganz klar unser Ziel: Gegen die direkten Konkurrenten wollen wir gewinnen!

Ist es dann bei dem großen Leistungsgefälle in der Liga so, dass jetzt in Potsdam eine Art Lernspiel kommt, später folgen dann die Schlüsselspiele?

Schon vorher abschreiben? Werden wir uns auf keinen Fall. Wir nehmen jedes Spiel mit, das wir kriegen können. Wir konnten auch gegen klare Favoriten mithalten, wenn auch nicht über die vollen 90 Minuten. Ich glaube schon, dass wir imstande sind, auch gegen andere Mannschaften als die unmittelbaren Konkurrenten zu punkten.

Werder spielt Ende Februar noch im DFB-Pokal gegen Meppen und würde bei einem Sieg gegen den klaren Favoriten Wolfsburg kommen. Sind die Pokalspiele ein ‚Nice to have‘, eine willkommene Abwechslung? Oder mehr?

Also, ich finde Pokal sehr, sehr spannend. Meppen ist ein Gegner, den wir aus der Liga kennen und daher nicht unterschätzen werden. Für mich wäre auch hier die Devise: Wir schenken das nicht einfach her. Nur weil wir wissen, dass wir danach nach Wolfsburg müssten und da ein brutal starker Gegner auf uns warten würde.

Gibt es mit Blick auf die zweite Saisonhälfte so etwas wie einen Schwur, dass Werder nicht wieder die Fahrstuhlmannschaft ist und die Klasse diesmal hält?

Solch ein Schwur ist leichter gesagt als getan. Wir wollten auch damals (2019, d. Red.) nicht absteigen. Ich baue einfach darauf, dass uns das dieses Jahr nicht wieder passiert. Darauf, dass wir in den entscheidenden Momenten wie in der Hinrunde die Mentalität haben, die wir brauchen, um das durchzuziehen.

Hilft dabei die Erfahrung von 2019?

Schwierige Frage. Klar, wir haben das schon mal durchlebt. Man weiß, wie das ist. Aber besonders krass wird uns das nicht helfen. Wir haben etliche neue Spielerinnen dabei, die einen ganz anderen Erfahrungsschatz mitbringen. Wenn jede die ganz persönlichen Erfahrungen aus ihrer Karriere ‚reinwirft, kann man daraus mehr Kraft ziehen als jetzt von den Gedanken an den Abstieg damals.

Damals fiel die Entscheidung erst in den allerletzten Saison-Minuten. Befürchten Sie, dass es wieder so lange so zittrig bleibt?

Ich hoffe, nicht. Ich glaube aber, dass es nicht ganz so zittrig wird wie 2019, als wir in Freiburg letztlich doch noch abgestiegen sind.

Wie erleben Sie eigentlich, dass es keine Zuschauer gibt? Denken Sie da: Da könnt ihr Männer mal sehen, wie das ist, vor weitgehend leeren Rängen zu kicken?

Ich finde das total schade, dass keine Fans kommen können. Egal, ob bei den Männern oder bei uns. Das gehört einfach zur Fußballkultur dazu. Bei uns ist es auch deswegen schade, weil auch die Familie, engste Verwandte oder Freunde nicht zugucken können. Dennoch ist uns auch bewusst, dass es erst mal darum geht, diese Pandemie zu überstehen. Damit sobald wie möglich wieder Fans zu den Spielen kommen können.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Lina Hausicke (23)

iwurde in Halle/Saale geboren und wuchs fußballerisch in Jena auf, ehe sie 2017 nach Bremen wechselte. Bereits mit 16 hatte sie ihren ersten Bundesligaeinsatz und ist beim SV Werder Kapitänin. Sie studiert in Oldenburg Sport und Geografie auf Lehramt.

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Zur Sache

Jahresauftakt in Potsdam

Mit einem Nachholspiel beim Tabellenvierten 1. FFC Turbine Potsdam beginnt für die Werder-Fußballerinnen am Sonntag (14 Uhr) die zweite Saisonhälfte in der Bundesliga. Aktuell liegt das Team von Trainer Alexander Kluge auf Tabellenrang neun – und damit quasi im Soll. Der Klassenerhalt ist das erklärte Ziel der Bremerinnen. Derzeit trennen sie zwei Plätze und drei Punkte von den Abstiegsrängen. Am vergangenen Sonntag hatte Werder in einem Testspiel gegen den aktuellen Tabellenfünften Bayer Leverkusen mit 2:3 verloren.

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