Kommentar über Zuschauer im Stadion

Auch ohne Virus ziemlich krank

Bei der Frage, ob die Fußball-Bundesligisten wieder vor Zuschauern spielen dürfen, geht es nicht um die Einnahmen. Es geht um einen ganz anderen Vorteil, meint Jean-Julien Beer.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Auch ohne Virus ziemlich krank
Von Jean-Julien Beer
Auch ohne Virus ziemlich krank

Dürfen bald wieder die Werder-Fans ins Weserstadion? Das Foto zeigt einen Medienvertreter auf der sonst leeren Zuschauertribüne.

Fabian Bimmer

Bisher war es vor allem ein Rennen Armin Laschet gegen Markus Söder, wenn es um die Rückkehr zur Normalität in Corona-Zeiten ging. Auch der Profifußball schaute auf die beiden Ministerpräsidenten. Hier Laschet, mit den großen nordrhein-westfälischen Vereinen Dortmund und Schalke im Rücken. Dort Söder, eigentlich bedauernswerter Nürnberg-Fan, aber auch Landesvater des FC Bayern. Da wurde schon gewaltig Politik gemacht, als es im Frühjahr um die Einführung der Geisterspiele ging. Bremen fand dabei, wie in der Bundesliga, nur am Rande statt.

Die Bundesliga setzte ihren Willen durch und rettete ihr Milliardengeschäft. Nur halt ohne Zuschauer, die zuvor ohnehin gestört hatten. Die Fanproteste gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp und die Spielunterbrechungen liegen erst ein paar Monate zurück. Weil das Hygienekonzept der Liga nach Startschwierigkeiten gut funktionierte, wurde es weltweit zum Vorbild für große Sportveranstaltungen. Es überrascht nicht, dass die Politik diese Bühne nun mancherorts zum eigenen Vorteil nutzen will.

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Neuerdings heißt es nicht mehr Laschet gegen Söder, sondern Sachsen gegen alle. Dort dürfen zuerst Zuschauer ins Stadion, bis zu 8500. Sachsen, das mit seinem eher unbeliebten Konstrukt RB Leipzig bisher ein sportpolitisches Zwergendasein fristete, nutzt die Gunst einer geringen Infektionszahl. Es wäre schade, wenn solch ein Wettstreit um den besten Standort die Bemühungen um einheitliche Lösungen für alle Bundesligavereine torpedieren würde.

Fakt ist aber auch: In der Bundesliga ziehen nicht 18 Freunde an einem Strang. Auch ohne Corona gibt es keine Chancengleichheit. In einer Liga, in der Klubs mit einem 750-Millionen-Umsatz (Bayern) gegen Vereine mit 157 Millionen Euro Jahresumsatz antreten (Werder, und das war auch noch Rekord), kommt es auf 8500 Zuschauer mehr oder weniger nicht an.

Es geht eher um das ungute Gefühl, dass die einen in dieser Liga etwas dürfen, was anderen verboten wird. Sollten sich die Profiklubs nicht selbst auf ein solidarisches Miteinander einigen, wird der Heimvorteil zum Zufall. Und ob ein Klub wie Werder dabei zu den Gewinnern oder Verlierern zählt, würde vom regionalen Infektionsgeschehen abhängen. Das klingt schon ohne ein Virus ziemlich krank. Bis zum Ligastart könnte man das noch ändern – wenn es um die Sache geht und nicht um den eigenen Vorteil.

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