56. Bremer Sixdays

Zwei Youngster auf Rekordjagd

Im Kampf um den Gesamtsieg haben Oliver Wulff Frederiksen und Moritz Augenstein noch keine Chance, aber im 500-Meter-Zeitfahren sind sie einsame Spitze. An den ersten vier Tagen fuhren sie viermal Bahnrekord.
12.01.2020, 20:48
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Zwei Youngster auf Rekordjagd
Von Jörg Niemeyer
Zwei Youngster auf Rekordjagd

Noch jung, aber schon wahnsinnig schnell: die Könige des Zeitfahrens, Oliver Wulff Frederiksen (rechts) und Moritz Augenstein. Links zu sehen ist Nils Politt.

Frank Koch

Sie stellen das jüngste Team bei den 56. Bremer Sixdays – und können für sich zumindest einen Titel schon nach dem vierten von sechs Tagen beanspruchen: Meister der Präzision. Der Däne Oliver Wulff Frederiksen, 19 Jahre jung, und sein deutscher Partner Moritz Augenstein, 22, haben zwischen Donnerstag und Sonntag in der ÖVB-Arena das Kunststück fertiggebracht, im 500-Meter-Zeitfahren viermal nacheinander Bahnrekord zu fahren. 27,352 – 27,336 – 27,249 – 27,242 Sekunden: So lautet ihre beeindruckende Serie. Der Rekord am Sonntag bedeutete auf dem halben Kilometer eine Durchschnittsgeschwin­digkeit von 66,074 Stundenkilometern.

„Oliver Wulff und Moritz haben sich gefunden“, hatte der Sportliche Leiter Erik Weispfennig nach dem ersten Abend gesagt. Da war der 50-Jährige noch ein bisschen skeptisch gewesen, ob das Duo sein Niveau bis zum Finale am Dienstag würde halten können. Nach vier von sechs Tagen kann festgestellt werden: Den beiden Youngstern gehört die Zukunft. Mit fünf Runden Rückstand halten sie einigermaßen Anschluss an die Top 6 des Rennens, im Zeitfahren sind sie schon jetzt einsame Spitze. „Ich freue mich auf die nächsten Jahre, dass so gute Fahrer nachkommen“, sagte Weispfennig am Sonntag.

Mit Moritz Malcharek, 22, und dem Sixdays-Debütanten Leon Rohde, 24, haben sich zwei weitere junge Deutsche in Bremen auf den Weg gemacht, ihre Chance ebenfalls zu nutzen. Rohde belegt mit dem Belgier Moreno De Pauw, der trotz seiner erst 28 Jahre seine letzte Saison bestreitet, mit nur einer Runde Rückstand Rang sechs. Malcharek fährt, zumindest vorübergehend als Ersatzmann, an der Seite von Morgan Kneisky sogar um einen Platz auf dem Siegerpodest mit. „Moritz Malcharek wird wahrscheinlich nie wieder so viel auf einmal lernen wie in diesen Tagen“, sagte Weispfennig.

Dass Malcharek am Sonnabend und Sonntag in den Genuss einer Spezialausbildung durch den mehrfachen französischen Weltmeister Morgan Kneisky kam und sich dabei hervorragend präsentierte, hatte krankheitsbedingte Gründe: Kneiskys Stammpartner Theo Reinhardt, der schon erkrankt ins Rennen gegangen war, musste wegen Fiebers an beiden Tagen ebenso neutralisiert werden, also zwangspausieren, wie Malchareks Teamgefährte Melvin van Zijl wegen der Nachwirkungen einer Gehirnerschütterung.

Ob Reinhardt und van Zijl an diesem Montag wieder in den Sattel steigen können, war am Sonntag ungewiss – ob Malcharek zwei weitere Tage auf Topniveau durchhalten kann, ebenfalls. „Ich wusste nicht, was Malcharek für ein Fahrer ist“, sagte Morgan Kneisky, „aber ich bin überrascht, wie stark er fährt.“ Nachdem der Franzose und Theo Reinhardt an den ersten beiden Tagen so gut harmoniert hatten, wäre dieses Duo auf jeden Fall ein heißer Siegkandidat gewesen. Immerhin konnte der 32-Jährige auch mit Malcharek seine Chance wahren. Alles Weitere wird nun auch von Reinhardts Gesundheitszustand ­abhängen.

Neben Reinhardt und Kneisky waren Kenny De Ketele und Nils Politt als zweites Favoritenpaar gehandelt worden. Und die belgisch-­deutsche Kombination konnte sich von Tag zu Tag steigern. An der Stärke des 16-fachen Sixdays-Siegers De Ketele hatte es nie Zweifel gegeben. Unklar war aber, wie lange der ­Kölner Straßenspezialist, der Paris-Roubaix-­Zweite Politt, benötigen würde, um bei seinen insgesamt erst dritten Sixdays zurechtzukommen. Es zeigte sich schnell: Der 25-Jährige brauchte nicht lange. „Wir harmonieren sehr gut“, sagte Politt am Sonntag und kündigte für den Montag selbstbewusst einen Angriff seines Teams auf die Konkurrenz an.

Nils Politt genießt seinen Abstecher auf die Bahn. „Es macht mir total viel Spaß“, sagte er – und der Spaß war ihm anzumerken. Sowohl auf dem Holzoval als auch im Fahrerlager, wo er wann immer es ging, seine sechs Monate alte Tochter Lilly liebevoll auf den Armen trug. „Nils macht das mit Liebe und Herz“, sagte Erik Weispfennig. Befragt nach der sportlichen Leistung von Politt, beschrieb der Sportliche Leiter mit seinen Worten aber auch den glücklichen Familienvater.

Im Kampf um den Gesamtsieg am Dienstag machten am Sonntag jedoch vor allem Wim Stroetinga (Niederlande) und Nico Selenati (Schweiz) auf sich aufmerksam. Auch dieses Duo fährt von Tag zu Tag stärker und geht führend in die lange Montagnacht. Tristan Marguet (Schweiz) und Maximilian Beyer (Deutschland) sowie Andreas Graf (Österreich) und Marc Hester (Dänemark) überzeugten bislang ebenfalls und sind Kandidaten für das Siegerpodest, vielleicht sogar für Rang eins. Für Spannung ist jedenfalls gesorgt.

Bei den Frauen standen die Madison-Sieger bereits am Sonntag fest. Da Deutschlands Radsportlerin des Jahres, Franziska Brauße, kurzfristig erkrankt ausgefallen war, war der Weg frei für die Favoritinnen Emily Nelson (Großbritannien) und Maggie Coles-Lyster (Kanada).

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