Radsportler aus dem Iran

Klein der Wunsch, weit der Weg

Die Flucht dauerte ein ganzes Jahr, und sie war eine Höllentour, bis Saeed Rahimi endlich in Bremen war – die Geschichte eines iranischen Asylbewerbers und Radsportlers.
02.05.2020, 20:21
Lesedauer: 5 Min
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Klein der Wunsch, weit der Weg
Von Olaf Dorow
Klein der Wunsch, weit der Weg

Saeed Rahini, Flüchtling aus dem Iran, möchte demnächst für den RC Vegesack Radrennen fahren.

Carmen Jaspersen

Wenn Saeed Rahimi früher eine Ausfahrt machen wollte mit seinem Rennrad, dann war das sehr anders als jetzt in Deutschland. Es musste ihn zum Schutz ein Motorradfahrer begleiten. Radfahren auf iranischen Straßen, das sei eine sehr gefährliche Sache, sagt er. Auf iranischen Straßen hätten Autofahrer die Vormacht, Radwege gebe es so gut wie keine und eine Rücksichtnahme eher auch nicht. Und dann die Revolutionswächter. Sie wollen alles unter Kontrolle haben, auch wer wo und warum auf einem Rennrad sitzt.

Rahimi, 31 Jahre alt, sitzt zwischen Rennrädern im Fahrradladen Wiegetritt, in Lilienthal. Er hat ein Trikot vom RSC Vegesack an, er erzählt seine Geschichte. Sein Deutsch ist nach einem Jahr Deutschland noch nicht gut genug, er hat einen Landsmann mitgebracht zum Interview. Mehdi Adalat lebt schon lange in Bremen, war Handwerker und Berufsschullehrer, ist inzwischen Rentner. Und übersetzt, was Saeed Rahimi zu erzählen hat. Ein langes Leben in Bremen, sagt der, wäre schön. Oder zumindest ein Leben in Deutschland. Eine Ausbildung und dann eine Familie und ein Job, am liebsten als Radsporttrainer.

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Ja, wäre schön. Radsport ist, vielleicht darf man das so sagen: seine große Liebe. Das Tempo, der Fahrtwind, das Gefühl von ­Freiheit. Das bedeutet ihm viel. Früher ist er fürs iranische Nationalteam gefahren, demnächst will er für den RSC Vegesack fahren. Der Verein beziehungsweise seine Mitglieder haben ihn sehr unterstützt, haben ihn mit einem Rennrad und Trainingsgeräten versorgt, und jetzt auch mit einer Lizenz des Weltverbandes UCI. Sein Glück in Deutschland zu finden auf einem schmalen Sattel, erst als Sportler, später vielleicht als Trainer; das ist ein vergleichsweise kleiner Wunsch.

Rahimis Geschichte erzählt davon, wie groß die Hürde sein kein, einen kleinen Wunsch zu erfüllen. Sie erzählt davon, wie in diesen großen weltumspannenden Corona-Zeiten für den Einzelnen Corona etwas sehr Kleines sein kann. Aktuell wohnt Saeed Rahimi mit zwei Mitbewohnern in einem Zimmer in einem Flüchtlingsheim in Bremen-Nord. 150 Leute wären da zur Zeit untergebracht, sagt Mehti Adalat. Immer 1,50 Meter Abstand zu halten sei da nicht drin.

Asylverfahren läuft noch

So angenehm, wie das im Moment ist, im Unterschied zum Iran angstfrei auf den deutschen Straßen oder Radwegen herumzusausen, so sehr ist es eben noch eine Momentaufnahme im Leben des Saeed Rahimi. Sein Asylverfahren laufe noch, sagt er. Vorerst dürfe er nur bis zum 17. Juni bleiben. Der Antrag auf drei Jahre Asyl wurde zunächst abgelehnt, Rahimi hofft, dass der eingelegte Widerspruch zum Erfolg führt. Auf die Frage, ob er Angst habe, zurück in den Iran zu müssen, lächelt er. Ein befreites Lächeln ist es eher nicht. „Ich lache jetzt. Aber die Angst, die ist da“, sagt er.

Was wäre so schlimm daran, wieder in seine Heimat zurückzukehren? In Tabriz, einer Industriemetropole im Norden des Iran, leben seine Eltern und seine sechs Geschwister, sagt er. Über Whatsapp hielten sie Kontakt. Dass er weg wollte, so erzählt es Saeed Rahimi, hat mit dem Regime dort zu tun. Und zwar in einer Form, die ein bisschen an die ­Romeo-und-Julia Konstellation erinnert. Die Familie jener Frau, die er kennengelernt habe, gehöre zum Apparat des Regimes, auf gehobener Ebene. Sie habe die Beziehung nicht dulden – und ihn, Rahimi, zu jemandem machen wollen, den die Revolutionswächter mal etwas schärfer unter Beobachtung nehmen sollten. Inzwischen sei die Frau, die er liebte, längst verheiratet, sagt er.

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Über die Willkür des Machtapparates, über Folter und Bespitzelung in der Islamischen Republik Iran gibt es einschlägige Berichte. Wie bedroht Saeed Rahimi wirklich ist, wie wahr seine Geschichte, ist auf die Schnelle für den Zuhörer nicht zu klären. Dass sie sich sehr unglaubwürdig anhört, lässt sich eher nicht behaupten. Sechs, sieben Monate lang habe er überlegt, ober er weggehen sollte, sagt er. Nur einem der Brüder habe er von den Fluchtgedanken erzählt. Immer mehr, so formuliert er es, habe er gemerkt, „wie sich meine Kreise einengen“. Schließlich habe er sich gefragt, was die Alternative sein solle: Zu bleiben und nach und nach zu sterben? Oder weggehen? Alternative zwei hörte sich besser an.

Und bescherte ihm eine Zeit, von der er sagt: „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Mehr als ein Jahr habe die Flucht gedauert, obwohl er sein Ziel gar nicht erreicht habe. Er habe nach England gehen wollen. Auf der Landkarte habe er gesehen, dass England ganz weit entfernt vom Iran liege. Die Reise, wenn man es denn so nennen will, begann an der türkisch-iranischen Grenze. Sie führte über Griechenland auf eine Route, die im Jahr 2018 ungefähr das war, was für einen Radprofi eine Tour de France auf einem Klapprad ohne Gangschaltung wäre. Die Balkanroute.

Zustände weit weg vom Begriff Menschenwürde

An der Grenze von Bosnien, nicht Europa, zu Kroatien, Europa war erst mal Schluss. Fünfmal sei der Grenzübertritt gescheitert, sagt Rahimi. Die Grenzer hätten die Flüchtlinge wie Abschaum behandelt, hätten ihm das restliche Geld abgeknöpft und sein Handy zerstört. Die Bilder von seiner Familie, die er noch bei sich hatte. Er sei im bosnischen Flüchtlingslager Bihac gelandet. Im berühmt-­berüchtigten Lager Bihac, darf man wohl sagen. Es wurde auf einer ehemaligen Müllhalde errichtet, die Zustände weit weg vom Begriff Menschenwürde. Die Häuser hätten vier Stockwerke gehabt, es hätte weder Fenster noch Türen noch sanitäre Einrichtungen gegeben, die Leute hätten auf dem Boden geschlafen, berichtet Rahimi. In den Augen der Helfer hätte er noch mehr Frust als bei den Flüchtlingen gesehen. „Die Schande von Bihac“ heißt eine Reportage von Spiegel-TV über das Camp.

Im Februar 2019 brach Saeed Rahimi auf, diesmal klappte der Grenzgang nach Kroatien. In einer Vierergruppe seien sie zu Fuß unterwegs gewesen, 260 Kilometer bis Slowenien. Sie hätten im Wald oder am Wegesrand übernachtet, ein Stein als Kopfkissen. Fünf Zehnägel hätte er auf dem Marsch verloren. Kurz vor der Grenze nach Italien habe sie die slowenische Polizei verhaftet. „Wir hatten Glück“, sagt Rahimi dazu. Im Gefängnis gab es Essen und ein Bett. Und die erste Dusche seit fünf Monaten. Zwei Wochen später hätten ihn Schlepper nach Italien gebracht. Bis er jeweils, weil ohne Ticket und Papiere, aussteigen musste, fuhr er von dort an per Zug weiter nordwärts. In Köln griff ihn die Polizei auf, er stellte einen Asylantrag. Er wurde erst nach Bochum, dann nach Bielefeld, dann nach Bremen geschickt.

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Im Awo-Wohnheim Lindenstraße, Bremens Zentraler Aufnahmestelle für Asylbewerber, kurz: Zast, fragte der radsportverliebte Asylbewerber aus dem Iran nach Radsport. Und fand den RSC Vegesack. Wo man half und bald feststellte, dass der junge Mann mehr drauf hat als ein Hobby-Radler. „Das haben wir schnell bemerkt, dass er Druck in den Beinen hat“, sagt Andi Steiner vom RSC. Dass er wegen der Pandemie den Druck wahrscheinlich nicht so bald in einem Straßenrennen ablassen kann, ist derzeit wirklich das nachgeordnete Problem für Saeed Rahimi, der auf jeden Fall weiter Rennen fahren will. Sein Wunsch Nummer eins sei der positive Bescheid im Asylverfahren. Der Mann, der so gerne fährt, sagt: Er will endlich angekommen sein.

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