Änderung des Glücksspielgesetzes

Sportwetten in Bremen nur ohne Cola und Pizza

Fußballidole wie Oliver Kahn werben für Sportwetten. Die Schattenseiten des Milliardengeschäftes werden dabei ausgeblendet. Doch genau die hat Bremen bei der Änderung des Glücksspielgesetzes nun im Blick.
02.01.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Sportwetten in Bremen nur ohne Cola und Pizza
Von Ralf Michel

Bremens Innenbehörde will gegen Auswüchse im Bereich von Sportwetten angehen. Mehr Schutz für Spieler, mehr Schutz für Jugendliche, mehr Suchtprävention lauten Ziele der Änderungen des Bremischen Glücksspielgesetzes, das zum 1. Januar 2020 in Kraft getreten ist.

Egal, ob 1. und 2. Bundesliga, DFB und Nationalmannschaft, Dritte Liga oder Frauen-Bundesliga – Anbieter von Sportwetten wie Tipico, Bwin oder Bet-at-Home sind im deutschen Fußball als Partner und Sponsoren allgegenwärtig. Auf Stadionbanden und Trikots prangen ihre Logos, auf Werbeplakaten und im Fernsehen gibt es kein Entkommen vor Sportgrößen wie Oliver Kahn, die suggerieren, dass diese Form des Glücksspiels gut ist, und dass die Wetten Teil des Sports sind.

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Das erste Tor, das erste Foul, die erste Rote Karte – nichts, worauf nicht gewettet werden kann. Besonders beliebt sind sogenannte Live-Wetten, also Wetten noch während das Spiel läuft. Eigentlich darf dabei nur darauf getippt werden, was zum Endergebnis beiträgt. Aber was tatsächlich auf der Software von Wettterminals programmiert ist, wissen nur deren Betreiber. Unlängst wurde in Bremen ein Gerät entdeckt, an dem auch auf Spiele der dritten mexikanischen Liga gesetzt werden konnte.

Kein Einzelfall, in Bremen gibt es eine Vielzahl von Wettbuden, die irgendwo am Rande der Legalität herumdümpeln, nicht selten verbunden mit untragbaren Zuständen, sagt Sebastian Eickenjäger. Völlig unterbinden werde man dies nicht können, gibt sich der Leiter des Referats Ordnungsrecht in der Innenbehörde keinen Illusionen hin. Aber gegensteuern und das Ganze in geordnete Bahnen lenken, das wolle man dann schon. Im Kielwasser einer bundesweiten Gesetzesänderung wurde deshalb jetzt das Bremische Glücksspielgesetz geändert.

Ein bundesweiter Rahmen soll vorgegeben werden

Auf Bundesebene geht es um einen Staatsvertrag, in dessen Fokus das Konzessionsverfahren für private Sportwettenanbieter steht. „Das hat sich bislang in einer rechtlichen Grauzone bewegt“, erklärt Eickenjäger. Nun soll dafür ein bundesweiter Rahmen vorgegeben werden. Die Erlaubnisse, Sportwetten online anbieten zu dürfen, können zum Beispiel künftig zentral beim Regierungspräsidenten in Darmstadt beantragt werden. Doch für jeden einzelnen Wettladen ist dann vor Ort ein weiterer Antrag notwendig. Über den entscheiden die lokalen Ordnungsämter. Und bei der Ausgestaltung des Staatsvertrages bestünden Spielräume, sagt Eickenjäger. Genau hier setzt Bremen mit mehreren Änderungen im Glücksspielgesetz an.

Einer der Ansatzpunkte ist die Suchtgefahr. „Glücksspielangebote fördern Sucht. Gerade junge Menschen haben dafür eine unheimliche Anfälligkeit“, sagt Hilke Hülsmann, Glücksspielreferentin in der Innenbehörde. „Die meinen, nur weil sie sich gut im Fußball auskennen und in ihren Tipprunden immer weit vorne liegen, hätten sie hohe Gewinnchancen. Und vergessen vollkommen, dass es um Glücksspiel geht.“ Ganz zu schweigen von den illegalen Wetten, die an zahlreichen Terminals möglich seien. „Das muss uns interessieren. Da müssen wir sehr genau hinschauen und etwas unternehmen.“

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Mehrere Maßnahmen sollen Bremens „Sportwettvermittlungsstellen“ in diesem Sinne auf Kurs bringen. Angefangen bei den Anforderungen an deren Personal: Für das sind ab sofort Schulungen verpflichtend, unter anderem zum Umgang mit suchtgefährdeten Kunden. „Acht Stunden bei einem zertifizierten Anbieter“, sagt Eickenjäger. „Mit einem Test am Ende." Nicht, dass da einer meine, er könne einfach nur die Zeit absitzen. Auch Deutschkenntnisse sollen bei dieser Gelegenheit nachgewiesen werden. Und alle drei Jahre ist diese Schulung aufzufrischen.

Ein zweiter Punkt betrifft die Wettterminals: An denen soll man nicht länger vollkommen eigenständig agieren können, also von der Wette bis zur Bezahlung, ohne dass jemand das mitbekommt oder kontrollieren kann. „Die Terminals sollen nur als Hilfe dienen. Dort kann man sich den Wettzettel ausdrucken. Aber mit dem muss man dann zu einer Aufsichtsperson gehen“, sagt Hilke Hülsmann. „Wir verbieten also nicht die Geräte, aber den selbstständigen Abschluss der Wette am Terminal.“

Bundesweite Spielersperrdatei zum Eigenschutz von süchtigen Spielern

Wettstellenbetreiber haben jederzeit die Möglichkeit, Spieler anhand ihres Ausweises auf eine eventuelle Sperre hin zu überprüfen. Es gibt eine bundesweite Spielersperrdatei, in der sich süchtige Spieler zum Eigenschutz selbst eintragen oder von Angehörigen oder auch Betreibern eingetragen werden können. Ob diese Datei tatsächlich überprüft wird, ist eine andere Frage. „Aber die Zentralstelle registriert, wie oft ein Betreiber die Sperrdatei abfragt“, sagt Eikenjäger. „Tut er das nie, wirft das natürlich Fragen auf.“

Verboten sind in Wettstellen in Bremen jetzt auch der Ausschank von Getränken und die Abgabe von Speisen. Bislang hätten einige der Spielstätten Jugendliche nicht nur mit den Live-Übertragungen im Fernsehen, sondern auch mit extrem günstigen Preisen für Cola und Pizza geködert, berichtet Eickenjäger. „Wenn man sich da dann den ganzen Tag aufhält und dabei ständig die Wettgeräte um einen herum hat, birgt das natürlich Gefahren.“ Wettbüros sollten weder Treffpunkt noch Wohnzimmer sein, ergänzt Hülsmann. „Glückspiel ist kein Gut des täglichen Lebens.“ Glücksspielterminals in Kiosken und Teestuben sind deshalb in Bremen ab sofort verboten und müssen abgebaut werden.

Bleibt die Frage, wer die neuen Vorschriften kontrolliert. Auch hier will Bremen strenger agieren. In der Innenbehörde wurde das Personal bereits aufgestockt, auch beim Ordnungsamt wird es eine neue Stelle geben und der neu geschaffene Ordnungsdienst kann ebenfalls kontrollieren, zählt Eickenjäger auf. Er warnt trotzdem vor zu hohen Erwartungen: „Das geht nur Schritt für Schritt und nicht von heute auf morgen.“ Zumal man auch mit Widerstand der großen Anbieter rechne. „Die Branche ist finanzstark und klagefreudig.“

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