Kritik an der Obrigkeit schon beim mittelalterlichen Karneval Spott mit Tradition

Bremen. Warum Karneval für viele Menschen in Städten wie Köln oder Mainz zu den Höhepunkten des Jahres gehört, Norddeutsche aber nur wenig damit anfangen können, erklärt die Geschichte des Karnevals.
25.02.2014, 00:00
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Spott mit Tradition
Von Jürgen Wendler

Während der Karneval für viele Menschen in Städten wie Köln oder Mainz zu den Höhepunkten des Jahres gehört, können Norddeutsche damit häufig gar nichts oder nur wenig anfangen. Wer nach Gründen dafür sucht, kommt nicht umhin, sich eingehender mit der langen Geschichte des Karnevals zu beschäftigen. Dabei zeigt sich unter anderem dies: Wie mit dem Thema umgegangen wurde, hing nicht zuletzt davon ab, ob die jeweilige Region katholisch oder protestantisch geprägt war.

Die sogenannten tollen Tage geben Menschen die Möglichkeit, so zu leben, wie sie es sonst kaum tun würden: ausschweifend und ohne Rücksicht auf die üblichen Regeln und gesellschaftliche Rangordnungen. Karneval bedeutet verkehrte Welt und erinnert damit an antike Feste wie die römischen Saturnalien und die griechischen Dionysien. Letztere wurden zu Ehren des Gottes Dionysos gefeiert, der als Gott des Weines und der Ekstase galt. Zu den Bräuchen der zu Ehren des Gottes Saturn gefeierten Saturnalien gehörten die Aufhebung der Standesunterschiede, die Bedienung der Sklaven durch ihre Herren und öffentliche sowie private Gelage.

Der Karneval, das heißt die Praxis, vor Beginn der Fastenzeit ausgiebig zu feiern, ist im christlichen Abendland bereits für das 13. Jahrhundert belegt. Wie die Geschichtsprofessorin Barbara Stollberg-Rilinger von der Universität Münster erklärt, bestand der Karneval damals nicht nur aus Festlichkeiten, Gelagen und Vergnügungen, sondern auch aus sorgfältig organisierten Umzügen, Maskeraden, Wettkämpfen, szenischen Spielen und Schautänzen, die die städtischen Zünfte und Bruderschaften veranstalteten.

Masken sind nicht nur für den Karneval typisch, sondern von jeher ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Kultur. Sie wurden eingesetzt, um Feinde zu erschrecken, Geister darzustellen oder Vorfahren zu ehren. Im antiken Griechenland wurden Masken bei Initiationsriten getragen, und in Rom war es bei den vornehmen Familien üblich, Masken der Ahnen aufzubewahren. Der Ausdruck Maske wird auf das italienische „maschera“ und ein ähnlich klingendes arabisches Wort für Verspottung beziehungsweise Possenreißer zurückgeführt. In adeligen Kreisen spielten schon vor vielen Jahrhunderten Maskenbälle eine bedeutende Rolle. Sie boten die Möglichkeit, die herrschende Ordnung für kurze Zeit außer Kraft zu setzen und in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Nach den Worten von Barbara Stollberg-Rilinger, die ein Buch über Rituale geschrieben hat, kam es bei den mittelalterlichen Karnevalsfeiern durchaus vor, dass kirchliche Praktiken verspottet wurden. Heute gilt der Spott bei den Karnevalsreden und -umzügen vor allem Politikern. Wie früher, so bleibe die Kritik auch heute allerdings meist folgenlos, erklärt die Geschichtswissenschaftlerin, die nicht zuletzt mit Blick auf die mittelalterlichen Karnevalsfeiern von einer „kontrollierten Normüberschreitung“ spricht. Die Obrigkeiten hätten die Ausschweifungen – insbesondere der männlichen Jugend – ebenso toleriert wie die in den Ritualen mitschwingende Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen. Im Laufe der Jahrhunderte seien kirchliche und weltliche Obrigkeiten jedoch zunehmend strenger mit den beliebten Bräuchen umgegangen.

Ein zentrales Ereignis war dabei nach den Angaben von Barbara Stollberg-Rilinger die Reformation, eine große religiöse Bewegung zu Beginn des 16. Jahrhunderts, bei der Martin Luther eine entscheidende Rolle spielte. Die Reformatoren strebten ein allein auf die Bibel gegründetes Christentum an. Darin sahen sie die Quelle des menschlichen Heils – und nicht im Wirken anderer Menschen wie etwa der Heiligen. Das lateinische Wort „reformatio“ bedeutet Erneuerung, das heißt: Luther und anderen Reformatoren ging es um die Erneuerung der christlichen Kirche. Mitglieder von Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, gelten als Protestanten.

„In protestantischen Ländern wurde dem Karneval grundsätzlich der Kampf angesagt“, schreibt die Historikerin aus Münster. Die Obrigkeiten hätten darin einen Teil ihres „Feldzugs gegen Ausschweifung und Müßiggang“ gesehen. In katholischen Ländern sei der Karneval enger als zuvor auf die Tage vor Aschermittwoch begrenzt worden. Klerikern sei verboten worden, sich an Karnevalsbräuchen zu beteiligen.

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