Interview mit Rainer Danielzyk Stadtplaner: „Wir werden abgelegene Dörfer aufgeben“

Nicht jedes Dorf hat Zukunft sagt Stadt- und Raumplaner Rainer Danielzyk im Interview mit dem WESER-KURIER.
16.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Stadtplaner: „Wir werden abgelegene Dörfer aufgeben“
Von Martin Wein

Nicht jedes Dorf hat Zukunft, sagt Stadt- und Raumplaner Rainer Danielzyk im Interview mit dem WESER-KURIER.

Daseinsvorsorge und gleichwertige Lebensverhältnisse neu denken – was verstehen Sie darunter?

Rainer Danielzyk: Wir achten in Deutschland bisher sehr stark auf die stationäre materielle Infrastruktur. Wir zählen die Krankenhäuser auf dem Land, die Grundschulen, Bahnhaltestellen und Hausarztpraxen. Bei einer veränderten Sichtweise fragen wir, ob die Menschen gebildet sind, mobil und gesund. Darauf kommt es ja eigentlich an.

Ist der Staat nicht mehr in der Lage, in ländlichen Gebieten mit schrumpfender Bevölkerung alle Aspekte der Daseinsvorsorge anzubieten?

Die Leistungsfähigkeit der öffentlichen Haushalte ist in der Tat begrenzt. Und auch mit dem Zustrom an Flüchtlingen wird es Regionen geben, die zunehmend weniger und ältere Bevölkerung haben. Ein Rezept dagegen ist übrigens nicht nur eine verstärkte Ansiedlungspolitik, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Wir haben Regionen in Deutschland, etwa in Südwestfalen, die wirtschaftlich brummen. Trotzdem ziehen junge Leute da weg. Es geht aber nicht nur ums Sparen. Auch die Bedürfnislagen in der Bevölkerung differenzieren sich. Die klassische Familie mit zwei Kindern auf dem Lande mit vorhersehbarer Biografie gibt es kaum noch. Es gibt viele Lebensentwürfe – und mit einer standardisierten Infrastruktur lassen sich deren Wünsche kaum erfüllen.

Kleine Länder wie Island oder Schweden schaffen das doch auch?

In Schweden oder Norwegen wird der neue Denkansatz aber auch längst praktiziert. Vieles ist dort auf bestimmte Zentren – bei uns wären das Klein- und Mittelstädte – konzentriert. Vieles andere ist als rollende Infrastruktur organisiert. Da gibt es viele Ansätze wie reisende Krankenschwestern, die online mit der Klinik verbunden sind. Statt ungenutzter Nebenstrecken der Bahn könnte es auch Mobilitätsgutscheine geben, die man dann – nach einigen rechtlichen Anpassungen – beim DHL-Fahrer oder beim Nachbarn einlösen könnte.

Inzwischen ist viel von Mindestversorgung die Rede. Das bedeutet, dass Lebensverhältnisse nicht mehr – wie vom Gesetzgeber gefordert – gleichwertig sind?

Es ist längst Konsens, dass beispielsweise ein Notarzt auf dem Land nicht so schnell vor Ort sein kann wie in München oder Hamburg. Mindeststandard heißt: Er kommt überhaupt in einer bestimmten Zeit.

Was soll die Mindestversorgung umfassen?

Vor allem der Gesundheitsbereich gehört dazu, außerdem Brand- und Katastrophenschutz. Das bereitet zunehmend Schwierigkeiten. Feuerwehr ist oft Ehrenamt. Das nützt aber bei allem Einsatz nichts, wenn die Leute nur am Wochenende zuhause sind. Hier könnten Schwerpunkt-Berufsfeuerwehren ein Ausweg sein.

Sie fordern, Infrastruktur am Bedarf zu orientieren. Wie wurde denn bisher geplant?

Rettungsdienste kann man nicht am Bedarf orientieren. Aber es stellt sich beispielsweise die Frage, ob nicht zwei, drei Hubschrauber im ländlichen Raum eine ganze Menge Rettungswagen ersetzen könnten. Dann klagen zwar die Bürgermeister vor Ort, weil denen Arbeitsplätze wegfallen und der Patient in der Uni-Klinik landet und nicht im Kreiskrankenhaus. Vermutlich ist der Einzelne damit sogar besser versorgt. Arbeitsplätze können kein Argument für Grundversorgung sein.

Gerade Niedersachsen ist in seinen Randlagen stark betroffen. Hat die Politik das Problem in seiner Dimension erkannt?

Erstaunlich an Niedersachsen ist, dass es einigen randständigen Räumen wie dem Emsland und Teilen Ostfrieslands eher gut geht. Der Harz und das Weserbergland haben dagegen große Probleme mit Abwanderung vor allem junger Menschen. Die betroffenen Landkreise und Gemeinden, aber auch die Landesregierung mit ihrem Demografie-Forum, sind auf dem Gebiet sehr aktiv. Es mangelt allerdings noch an der konsequenten Umsetzung der Erkenntnisse.

Müsste nicht vor allem Schluss sein mit dem Wildwuchs der Siedlungen, die auch in schrumpfenden Regionen immer weiter in die Fläche wachsen, um mit günstigem Bauland zu punkten?

Da wird Ihnen jeder Planer sofort zustimmen. Gerade um die Infrastruktur zu sichern, ist es nötig, die Siedlungsflächen auf das Bestehende zu konzentrieren. Die Bürgermeister kommen dann immer mit den jungen Familien, die sie anlocken möchten. Denen muss man antworten: Auch in Euren innerörtlichen Lagen ist das Bauland noch deutlich billiger als in den Ballungsräumen. Die Instrumente dafür stehen alle zur Verfügung. Die Planung müsste hier etwas stringenter sein.

Soll man Zuwanderer und Flüchtlinge in schrumpfenden Gegenden ansiedeln?

Das ist in der Fachwelt heiß umstritten. Die These ist, dass Flüchtlinge sich eher in den Zentren ansiedeln, wo schon Landsleute wohnen und sich Arbeitsmöglichkeiten bieten. Nun kann man versuchen, das etwas zu lenken. Es gibt dafür gute Einzelbeispiele. Aber in ganz dünn besiedelten Gegenden werden Flüchtlinge den Trend zur Abwanderung nicht stoppen.

Was spricht dagegen, Dörfer zusammen zu legen und Eigentümer zu entschädigen? Warum wird das nicht längst umgesetzt?

Erst einmal sehe ich noch einiges Synergiepotenzial in kommunalen Strukturen. Der Großkreis Emsland, in den 1970er-Jahren entstanden, steht heute sehr gut da. Aktuell gehen Göttingen und Osterorde zusammen. Mit Ortsbürgermeistern und Ortsräten kann man da viel Bürgernähe und ehrenamtliches Engagement einbinden. Verglichen etwa mit Schleswig-Holstein steht Niedersachsen allerdings schon gut da. Auch über das physische Absiedeln muss man konzeptionell nachdenken. Das kommt sowieso irgendwann. Dabei geht es aber nicht um die Entleerung ganzer Landstriche wie in Frankreich oder den USA. Wir werden abgelegene Dörfer oder Einzelorte aufgeben, die überproportional hohe Infrastruktur-Kosten verursachen. Der Staat hat aus meiner Sicht aber immer die Verantwortung, einen solchen Prozess dann zu begleiten. Bevor es in Niedersachsen soweit kommt, sind aber erst die weiten Flächen Ostdeutschlands betroffen.

Die Fragen stellte Martin Wein.

Zur Person

Rainer Danielzyk arbeitet als Professor für Landesplanung und Raumforschung an der Leibniz Universität Hannover. Er ist zugleich Generalsekretär der Akademie für Landesplanung und Raumforschung (ARL) in Hannover.
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