Nach Amokalarm am Alten Gymnasium

Eltern des festgenommenen 14-Jährigen wollen Schule anzeigen

Der vermutete Amoklauf am Alten Gymnasium und die Festnahme eines 14-Jährigen erregen weiter die Gemüter. Jetzt erheben Angehörige des Jungen schwere Vorwürfe gegen die Schule.
20.08.2018, 19:58
Lesedauer: 7 Min
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Eltern des festgenommenen 14-Jährigen wollen Schule anzeigen
Von Ralf Michel
Eltern des festgenommenen 14-Jährigen wollen Schule anzeigen

Die Polizei führte den 14-Jährigen zunächst in Handschellen ab, befragte ihn und befreite ihn dann sofort wieder von der Fessel.

Frank Thomas Koch

Der vermutete Amoklauf, der am vergangenen Donnerstag zu einem Großeinsatz der Polizei am Alten Gymnasium führte, wird ein juristisches Nachspiel haben. Die Eltern des in Handschellen abgeführten 14-jährigen Schülers erheben schwere Vorwürfe gegen die Schule. Sie werden die Lehrerin des Jungen sowie die Schulleiterin anzeigen, kündigt der Onkel des Jungen im Gespräch mit dem WESER-KURIER an. Er spricht von Verletzung der Aufsichtspflicht und schweren Fehlern der Schulleitung.

Eines sei ihm vorab wichtig, betont der Mann: Dass die Nachbarin, die seinen Neffen mit dem täuschend echt aussehenden Gewehr am Fenster der Schule gesehen hatte, sofort die Polizei rief, sei total in Ordnung. „Nur mit so aufmerksamen Menschen wie dieser Frau lässt sich so etwas verhindern, wenn es denn wirklich passiert.“ Ebenso wenig kritisiert er das anschließende Vorgehen der Polizei. „Die hat richtig gehandelt, der ist kein Vorwurf zu machen.“

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Wie berichtet, hatte der Anruf der Frau am Donnerstagvormittag zum Ausrücken von schwer bewaffneten Spezialkräften der Polizei geführt, die in die Schule Am Wandrahm eindrangen und einen 14-jährigen Schüler festnahmen. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei der vermeintlichen Maschinenpistole, mit der der Junge vom Fenster aus auf Menschen angelegt hatte, aber nur um eine Theaterrequisite.

„Wie konnte es überhaupt zu dem Vorfall am Fenster kommen? Und warum hat die Lehrerin des Kurses nicht eingegriffen?“, fragt nun der Onkel des 14-Jährigen, um diese Fragen dann gleich selbst zu beantworten. Die Lehrerin habe das Gewehr aus der Requisite herausgegeben, die Schüler dann aber über einen längeren Zeitraum unbeaufsichtigt gelassen. Die Schüler hätten dann wohl eine Zeit lang tatsächlich wie angewiesen geprobt, irgendwann aber angefangen „herumzukaspern“. Was bei Schülern dieses Alters sicher zu erwarten gewesen sei, sagt der Mann. Dies habe die Lehrerin wissen müssen. „Ich kann doch nicht Jugendlichen eine täuschend echt aussehende Maschinenpistole geben und sie dann über einen längeren Zeitraum in einem Raum mit geöffneten Fenstern alleine lassen. Das geht einfach nicht.“

Angehörige beschuldigen die Lehrerin

Als die Lehrerin zurückkam, soll sie mit den Schülern in einen anderen Raum gegangen sein. Das Plastikgewehr sei in dem Probenraum zurückgeblieben, erzählt der Onkel des Jungen weiter. Er verstehe nicht, warum es dann anschließend überhaupt noch zu einem Polizeieinsatz in dieser Form kommen musste. „War doch längst klar, dass da nichts passiert ist. Warum konnte das niemand den Polizisten sagen?“

Stattdessen sei sein Neffe von der Polizei aufgefordert worden, mit erhobenen Händen herauszukommen. „Die haben ihn gegen die Wand gepresst, Handschellen angelegt und wie einen Schwerverbrecher abgeführt.“ Und dabei habe er am Ende sogar noch großes Glück gehabt. „Man stelle sich vor, was hätte passieren können, wenn er das Spielzeuggewehr noch in der Hand gehabt hätte . . .“

Tatsächlich befand sich die Lehrerin zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht im Raum, bestätigt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde, in diesem Punkt den Onkel des Jungen. Ihre Aufsichtspflicht habe sie aber trotzdem jederzeit wahrgenommen. Laut Kemp erarbeiten die Schüler im Deutschunterricht Szenen aus Schillers Drama „Die Räuber“ in einer modernen Fassung. Dazu hatte die Lehrerin, wie durchaus üblich, die Schüler mit der Aufgabe der selbstständigen Erarbeitung in Gruppen eingeteilt. „Dafür hat sie die Gruppen auf verschiedene eng benachbarte Räume verteilt und ist zwischen den Gruppen gependelt.“ Dies sei bei solchen Proben anders schon aus akustischen Gründen kaum möglich und entspreche bei Schülern dieser Altersgruppe voll und ganz den rechtlichen Vorgaben zur Beaufsichtigung.

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Was dann passiert ist haben Schüler der betroffenen Klassen laut Bildungsbehörde wie folgt erzählt: Die Lehrerin habe die Waffen-Attrappe einer Schülerin gegeben und allen anderen gesagt, dass das Gewehr ausschließlich in die Hand der probenden Gruppe gehöre. Sobald die Lehrerin allerdings den Raum verließ, hätten sich alle Jungs im Raum sofort um die Schülerin geschart, um das Plastikgewehr zu berühren. Die Schülerin habe dies abgewehrt und die Attrappe hinter sich auf die Fensterbank gelegt. Von dort habe der 14-Jährige danach gegriffen, sich dann mit dem Gewehr aus dem Fenster gelehnt und ein Ziel draußen anvisiert.

Damit noch nicht genug, habe er den Kopf in den Raum gedreht und „Allahu Akbar, ich habe Geiseln!“ gerufen. Nach etwa drei Minuten sei es dem Mädchen, dem die Attrappe anvertraut worden war, dann aber gelungen, sie ihm wieder wegzunehmen. Die anderen Schüler hätten mit ihm geschimpft und zwei Mädchen seien losgelaufen, um der Lehrerin Bescheid zu sagen. Als diese nach insgesamt einer Viertelstunde Abwesenheit wieder in den Raum kam, habe sie den Schüler ermahnt, ihm gesagt, dass sein Verhalten inakzeptabel sei und dann die normale Unterrichtssituation wiederhergestellt.

Bildungsbehörde weist Vorwürfe zurück

„Die Schüler wussten zu jedem Zeitpunkt, wo sie ihre Lehrerin finden würden, und dass sie in absehbarer Zeit wieder im Raum sein würde“, betont Annette Kemp. Das Gewehr aus der Requisite habe im Übrigen nicht zu der Gruppe des Schülers gehört, der den Alarm verursacht hat. „Er hat es sich angeeignet und somit eigenmächtig entgegen der Anweisung der Lehrerin gehandelt.“

Dass auf der Straße eine besorgte Passantin war, die sich bedroht fühlte, den Jungen fotografierte und die Polizei anrief, habe zu diesem Zeitpunkt niemand in der Schule gewusst. Gut fünf Minuten später, kurz vor Beginn der großen Pause, habe sich die Polizei im Sekretariat der Schule gemeldet und die Anweisung der Einsatzleitung erteilt, dass niemand den Klassenraum verlassen darf und das Betreten der Flure und der Außenbereiche der Schule ausdrücklich verboten ist.

Lehrkräfte, die zu ihren Klassen wollten, wurden von der Polizei ermahnt und zurückgeschickt, die Flure mit schwer bewaffneten SEK-Beamten gesichert, schildert die Behördensprecherin den weiteren Ablauf. Die Klassenlehrerin habe sich zu diesem Zeitpunkt im Unterricht befunden und nicht einmal gewusst, dass sich der Polizeieinsatz auf ihre Klasse bezog. Außerdem war sie im Gebäude am Wandrahm und hätte dieses gar nicht mehr verlassen dürfen, selbst wenn sie gewusst hätte, dass einer ihrer Schüler die Ursache für einen Alarm war.

Die Festnahme des Schülers sei aus Sicht der Schule nachvollziehbar und korrekt verlaufen, sagt Annette Kemp. In Anwesenheit der stellvertretenden Schulleitung wurde er nach draußen zur Einsatzzentrale der Polizei gebracht. Dabei habe die stellvertretende Schulleitung einige Worte mit ihm wechseln können und ihm gesagt, dass sich das alles regeln ließe, er aber zunächst – auch zu seinem eigenen Besten – für einen Tag von der Schule suspendiert sei.

Die Handschellen seien schon kurz darauf entfernt worden, die Polizeibeamten sprachen ruhig mit ihm und auch die Deutschlehrerin kam dazu, umarmte den Jungen und sprach beruhigend mit ihm. Anschließend sei er zum Revier gebracht worden, die Schule habe dann keine weiteren Informationen erhalten.

Überkochende Emotionen nach dem Vorfall

Der Onkel des 14-Jährigen sieht hier weitere Ansätze für Kritik an der Schule. Die Eltern seien lediglich von der Polizei informiert worden, dass sie ihren Sohn auf der Wache abholen könnten, doch von der Schule habe sich niemand bei ihnen gemeldet. Letztlich habe dann der Vater des Jungen selbst in der Schule angerufen, um sich zu erkundigen, was überhaupt vorgefallen war. Bei diesem Telefonat mit der Schulleiterin sei es laut geworden.

„Die Frage, ob und wann man den Jungen wieder nach Hause entlässt und die Eltern benachrichtigt, lag zunächst ausdrücklich in den Händen der Polizei“, erklärt hierzu Kemp. „Die Schule war zunächst nicht dazu befugt, ohne Anweisung der Polizei in den Fall einzugreifen.“ Außerdem sei die Schule sehr damit beschäftigt gewesen, die Schüler zu beruhigen und aufgeregte Eltern aufzuklären. Das Telefonat mit dem Vater am Nachmittag sei wegen dessen „äußerster Emotionalität“ zu keinem Ergebnis gekommen.

Überkochende Emotionen waren dann offensichtlich auch am nächsten Tag im Spiel, als die Eltern in Begleitung des Onkels und eines Cousins des 14-Jährigen zur Schule fuhren. „Sie haben mich gebeten, als Beistand mitzukommen, ich bin eine Art Vertrauensperson der Familie“, erklärt der Onkel. Doch seine Bitte, an dem Gespräch der Eltern mit der Schulleiterin teilnehmen zu dürfen, sei rigoros abgelehnt worden. Es sei dann zu einer lautstarken Auseinandersetzung gekommen, die mit einem Hausverbot für ihn und der erneuten Alarmierung der Polizei endete, räumt der Onkel ein. „Aber ich habe einfach nicht verstanden, dass es vonseiten der Schule nicht das kleinste bisschen Entgegenkommen gab, das Eingeständnis, eventuell auch etwas falsch gemacht zu haben. Stattdessen nur Beschuldigen gegen meinen Neffen und seine Eltern.“

„Ein sachliches Gespräch war nicht möglich“

Am Freitag seien gleich vier Erwachsene in der Schule erschienen. Alle hätten ununterbrochen geschrien und seien teilweise beleidigend geworden, schildert Behördensprecherin Kemp den Ablauf aus Sicht der Schule. „Ein sachliches Gespräch war nicht möglich.“ Die Situation sei derart eskaliert, dass zum Schutz der Betroffenen die Polizei eingeschaltet wurde. „Abgesehen von dieser extremen Situation ist es aber grundsätzlich so, dass Schulen über einzelne Kinder immer nur mit den Erziehungsberechtigten sprechen und nicht mit anderen Personen.“

Für den kommenden Montag ist ein Termin mit allen betroffenen Institutionen geplant, also der Schule, Mitarbeitern des zuständigen Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrums (ReBUZ), der Polizei und der Bildungsbehörde, skizziert Kemp das weitere Vorgehen. Hierbei soll über die Zukunft des Jungen beraten werden.

Er könne zwar nachvollziehen, dass andere den Kopf über das Verhalten des Jungen schütteln würden, sagt abschließend der Onkel des 14-Jährigen. „Aber für uns, seine Familie, ist er das eigentliche Opfer.“ Er habe sich einen Tag nach dem Geschehen mit seinem Neffen unterhalten. Als dieser ihm erzählte, wie die Spezialkräfte der Polizei mit Maschinenpistolen auf ihn gezielt hätten „hat er am ganzen Körper gezittert und immer wieder geweint“. Inzwischen sei der Junge in ärztlicher Behandlung und für eine Woche krank geschrieben. „Und das alles wegen einer Alberei, eines Missverständnisses. Er hatte doch keinerlei böse Absichten.“

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