Dry-Slopes aus Bremerhaven Freestyle-Skifahrerin Kea Kühnel aus Bremerhaven zu Gast im Weser-Strand Talk

Kea Kühnel betreibt den olympischen Sport Freestyle-Ski. Die 27-jährige sprach im Weser-Strand Talk über die Herausforderungen ihres Sports, ihre Olympia-Teilnahme und ihre Heimat Bremerhaven.
04.08.2018, 16:54
Lesedauer: 4 Min
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Freestyle-Skifahrerin Kea Kühnel aus Bremerhaven zu Gast im Weser-Strand Talk
Von Olaf Dorow

Kea Kühnel über ihre Anfänge im Schnee

Kea Kühnel: Ich hab‘ ja früher sehr viel geturnt. Bis ich 16 war. Das hat dazu beigetragen, dass ich das Freestyling später gut erlernen konnte. Meine Eltern haben mich in Bremerhaven früh auf Ski gestellt, mit zwei. Ich komm‘ quasi aus einer Skifamilie, in den Ferien sind wir in den Skiurlaub gefahren, und nicht unbedingt an den Badestrand. Oft sind wir auch fürs Wochenende am Freitagabend los Richtung Alpen, sonnabends mussten wir morgens noch warten, bis der Brötchendienst kam. Dann ging‘s in die Rennanzüge und rauf auf den Berg. Am Sonntagabend zurück, um montags rechtzeitig in der Schule zu sein.

...die Bergsport-Karriere einer Flachländerin

Wir lieben einfach Skireisen, dafür muss man Mitglied in einem Skiclub sein. Mein erster Nationaltrainer hat mir gesagt: Du musst aber in einem Skiclub sein. Ich: Ich bin beim SC Bremerhaven. Er: Nee, nee, in einem Skiclub. Musste ich ihm erst erklären, dass das kein Scherz war.

...die erste Skischule im Alpen-Urlaub

Ich kenne das nur aus Erzählungen. Demnach habe ich im ersten Skiurlaub nicht ein einziges Mal geredet. Der Skilehrer hat alles versucht, aber ich hab‘ nicht einmal den Mund aufgemacht. Vielleicht hat mich aber auch einfach nur das Schwyzerdeutsch irritiert.

...den Sommeralltag einer Wintersportlerin

Ja, auf jeden Fall kann man sagen, dass die Sommermonate über den Ausgang des Winters entscheiden. Wir müssen uns fitmachen, dass wir uns im Winter nicht verletzen. Wir machen viel Krafttraining, aber auch viel akrobatische Sachen. Wir gehen aufs Trampolin oder auch auf die Wasserschanzen. Oder auf Schanzen, wo man auf großen Airbags landet nach den Sprüngen. Das nennt man Dry slopes, das ist was relativ Neues und bringt uns sehr viel weiter im Training. Ist sehr schnee-nah und gab es bislang nur in den USA und Kanada. Das ist mal richtig ein Fortschritt, dass auch wir Deutschen das trainieren können.

...die Faszination ihres Sports

Niemand muss mir vorher sagen, was ich zu tun habe, das habe ich in den anderen Sportarten sehr gehasst. Wir sind in unserem Sport halt frei, jeder hat seinen Style, jeder ist irgendwie für einen besonderen Trick bekannt. Das macht es aus. Es macht Spaß, ich kann dabei auch komplett abschalten, das Freeskiing gibt mir einfach so ein Gefühl von Freiheit. Es gibt sozusagen nie einen Endpunkt in unserer Sportart. Viele kommen auch als Quereinsteiger in unseren Sport. Eiskunstläufer oder auch Leichtathleten. Ich kann dieses Gefühl, auf Skiern einen neuen Trick zu lernen und ihn sicher hinzustellen, einfach mit nichts vergleichen. Es ist einfach, ja, geil.

... Image, Popularität und Zukunft von Freestyle

Es ist noch sehr unterschiedlich in den verschiedenen Nationen. In Amerika zum Beispiel ist das Freeskiing ganz, ganz groß. Bevor es olympisch wurde, war es für uns immer das Größte, bei den sogenannten X-Games in Amerika dabeizusein, wo es viele moderne Sportarten gibt. Allein die Einladung hat für dich alles bedeutet. Auch in der Schweiz und jetzt durch Olympia in Asien tut sich mehr in unserem Sport als in Deutschland. Hier stehen die nordischen Sportarten höher im Kurs. Aber ich denke, gerade auch, wenn die Winter immer schlechter werden: Wir brauchen keine kilometerlangen Pisten wie die Alpinen. Und auch Dry Slope, also Anlagen auf Matten statt Schnee, ist sehr im Kommen.

...die schwierige Finanzierung

Im letzten Jahr habe ich 20 000 Euro gebraucht, die ich erst mal besorgen musste. Wir sind ja dem Deutschen Ski-Verband unterstellt, aber nicht in den Sponsorenpool einbezogen. Unterkunft, Verpflegung, Startgebühren, so etwas kriegen wir zunächst mal nicht bezahlt. Viele sagen, dass das am fehlenden Interesse der Sponsoren liegt, weil wir ja auch im Fernsehen wenig übertragen werden. Aber in Peyongchang, bei den Olympischen Spielen im Februar, da waren bei uns die meisten Zuschauer, viel mehr als bei den alpinen Wettbewerben. Wir versuchen, viel selbst zu verbreiten über die Social-Media-Kanäle.

...Gefahren und Risiken auf den Pisten

Man trainiert heute anders und sicherer als früher, als das Motto hieß: ski or die (fahr‘ Ski oder sterbe). Ich bin noch nicht verletzt. Ich denke nicht, dass ich mein Potenzial nicht ausgeschöpft habe. Natürlich reizt es, vor allem die Jungs, da immer noch was Wilderes zu machen. Das ist dann halt so eine Lifestyle-Sache. Die Jungs haben dann teilweise fünf Kreuzbandrisse und lassen sich nicht operieren, die brauchen diesen Thrill. Für mich war immer Olympia der große Antrieb.

...die besondere Olympia-Atmosphäre

Also, eine Luxusherberge war das nicht im olympischen Dorf. Und man kommt natürlich nie ganz zur Ruhe. Die ersten drei Tage sind wir kaum ‚raus, weil es so dermaßen kalt war. Aber es war wirklich einmalig, mit so vielen Sportlern zusammen zu sein. Alle wollten immer Pins, und jeder wollte unbedingt einen Anstecker von den Bobfahrern aus Jamaika haben. Ich glaub‘, die werden immer noch auf Ebay versteigert.

...Rituale vor dem Start und im Rennen

Musik spielt eine große Rolle, wie bei vielen, ich kenne kaum Freesstyler, die ohne Musik fahren. Ungefähr jeden Monat wechsle ich die Playlist. Musik motiviert, man ist quasi in einer anderen Welt, während man fährt. Wenn man fährt und die Lautsprecher, den Kommentator hört – „Ooh, das war nichts“ – das finde ich ganz schrecklich.

...die weiteren Aussichten

Ich studiere ja auch Sinologie. Und China, wo die nächsten Olympischen Spiele sind, wäre so eine Art zweite Heimat für mich. Es wäre schon cool, da noch mal zu starten. Nach der Karriere? Im Oktober fange ich in Innsbruck meinen Master in Wirtschaftsprüfung an. Ich würde gern als Wirtschaftsprüferin für chinesische Unternehmen im deutschsprachigen Raum arbeiten.

Aufgezeichnet von Olaf Dorow.

Hier können Sie den Weser-Strand Talk im Video sehen.

Info

Zur Person

Kea Kühnel betreibt den Freestyle-Skisport. Die Bremerhavenerin stammt aus einer Skifamilie und war dieses Jahr bei Olympia dabei. 2006 ging die 27-jährige in Kanada zur Schule, 2007-2008 in Taiwan. 2010 machte sie ihr Abitur in Bremerhaven.

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