Helenenstraße

Freie Sicht auf den Rotlichtbezirk im Viertel

Mehr Licht und Sicht, heller und offener – in kleinen Schritten soll der Eingangsbereich an Bremens Rotlichtbezirk im Viertel verändert werden. Erste Maßnahmen sind zeitnah geplant.
11.03.2018, 17:04
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Freie Sicht auf den Rotlichtbezirk im Viertel
Von Pascal Faltermann
Freie Sicht auf den Rotlichtbezirk im Viertel

Der rechte Flügel der Sichtschutzwand an der Helenenstraße soll temporär geöffnet werden.

Christina Kuhaupt

Mehr Licht und Sicht, heller und offener – in kleinen Schritten soll der Eingangsbereich an Bremens Rotlichtbezirk im Viertel verändert werden. Und irgendwann soll auch die Mauer an der Helenenstraße weg. Die Forderung von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), die Wand vor dem Rotlichtbezirk im Viertel zu entfernen, beschäftigt aktuell Behörden und Politik.

Erste Maßnahmen sind zeitnah geplant: Der rechte Flügel, der hinter der Mauer liegenden Sichtschutzwände, soll temporär bis Sommer geöffnet werden. Zudem wird es im vorderen Bereich voraussichtlich bald mehr Licht geben. Details einer Testphase, auf die sich ein Runder Tisch zur Helenenstraße geeinigt hat, wie Ortsamtsleiterin Hellena Harttung bestätigt. Aber was passiert dann?

Die geforderte komplette Öffnung und der Abriss der Mauer werden noch auf sich warten lassen. Die Diskussion um den Abriss der Mauer verlaufe derzeit etwas zäh, das ist nicht nur aus der Innenbehörde zu hören. Die Mitglieder des Beirates Östliche Vorstadt wollen ein Gesamtkonzept für die Neugestaltung des Platzes am Eingang zwischen Burger- und Dönerladen.

Lesen Sie auch

Eine kleine Anfrage der Bremer SPD-Fraktion geht sogar noch einen Schritt weiter und wirft Fragen zu Themen wie Sanierung der Gebäude, einer möglichen Wohnnutzung oder städtebaulichen Konzepten und Aufwertung des Gebietes auf. Aufreger, Ärgernisse und Diskussionsthemen gibt es beim Thema Helenenstraße jede Menge.

Seit 1878 ist diese Straße fast ununterbrochen als Bordellstraße ausgewiesen und damit wohl Deutschlands ältester Rotlichtbezirk. Die illegale Entsorgung von Gewerbemüll hinter der Mauer ist ein Dauerthema. Ablagerungen in beträchtlichem Ausmaß werden dort immer wieder vorgefunden. Das dort aufgestellte Pissoir soll gefüllt sein mit großen Urin-Literzahlen, zudem werde auf die Müllsäcke uriniert.

Doch der Hauptgrund, warum die Mauer weg soll, ist ein anderer: Rückzugsräume für potenzielle Straftäter sollten reduziert werden. Innensenator Mäurer hatte aus kriminalpräventiven Gründen in der Vergangenheit dafür geworben, die Sichtbarrieren zu entfernen. Die Mauer sei erhaltenswert, aber nicht denkmalgeschützt, heißt es dazu aus dem Ortsamt. Das bestätigt auch die Bremer Baubehörde: „Es gibt keine baulichen oder statischen Probleme, wenn die Mauer entfernt werden sollte“, sagt Behördensprecher Jens Tittmann.

Planungsskizze wurde in Auftrag gegeben

An dem Runden Tisch zur Helenenstraße sitzen neben Vertretern der Beratungsstelle Nitribitt, die sich um die Anliegen der Frauen kümmert, auch Personen aus dem Beirat, dem Bau- sowie Wirtschaftsressort, der Bremer Stadtreinigung, der Eigentümer und der Polizei. Der Runde Tisch soll und will ausloten, was der richtige Weg, die sinnigste Lösung für den Eingang zur Helenenstraße sein kann, erklärt Hellena Harttung, Ortsamtsleiterin für die Östliche Vorstadt und Mitte.

Die Mitglieder der Beratungsrunde haben in ihrer letzten Sitzung die Experten der Baubehörde den Auftrag gegeben, eine Planungsskizze zu entwerfen. „Auf niedrigem Niveau soll dort erarbeitet werden, wie der entstehende Platz, wenn die Mauer entfernt ist, genutzt werden kann“, erklärt Behördensprecher Jens Tittmann. Verschiedene Ideen für den Einmündungsbereich dazu gibt es bereits. Diskutiert wird über Fahrradbügel, ein anderes Pissoir, ein anderes Licht und auch über eine mögliche gastronomische Außennutzung.

Klar ist, dass die Vertreter der Innenbehörde die Mauer nicht einfach einreißen können, da sie in die Ressortzuständigkeit des Amtes für Straßen und Verkehr (ASV) beziehungsweise der Verkehrs- und Baubehörde gehört. „Wir können es also nicht selbst entscheiden, sondern müssen dafür werben und auch den Beirat überzeugen“, sagt Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Innenressorts. Das habe man auch eindringlich getan. Dies geschehe seit einigen Wochen über den Runden Tisch, der nächste Termin ist für Anfang April angesetzt.

Prostitution könnte sich verlagern

Mit der Öffnung einer der mobilen Sichtschutzwände sollen nun verschiedene Varianten ausprobiert werden, die notfalls auch wieder rückgängig gemacht werden können. Die Maßnahmen seien immer auch mit den in der Straße arbeitenden Frauen und der Beratungsstelle Nitribitt abgestimmt, sagt Ortsamtsleiterin Harttung.

In der Vergangenheit hatte es immer wieder Kritik an der Forderung für einen Mauer-Abriss gegeben. So äußerten Vertreter der SPD und der Grünen, dass es nicht das Ziel sein dürfte, die Sexarbeiterinnen aus der Helenenstraße zu verdrängen. Bei einer kompletten Öffnung der Straße und freier Sicht könnte sich die Prostitution verlagern und illegal in Nebenstraßen und Privatwohnungen betrieben werden.

Innensenator Mäurer hatte die Öffnung der Straße gefordert, weil die Zahl der Straftaten im Steintor 2017 im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent gestiegen war und die Polizei vor allem im Bereich Gewaltkriminalität eine Steigerung beobachtet hatte. Immer musste die Polizei gegen Straßendealer im Viertel besonders rund um den Ziegenmarkt und in den Nebenstraßen vorgehen. Auch die Einrichtung einer Waffenverbotszone im Steintor wurde bereits thematisiert.

Lesen Sie auch

Auch in diesem Jahr kam es zu Vorfällen. Mitte Januar hatte ein Mann eine Prostituierte mit einem Stein geschlagen und verletzt, nachdem diese einer Kollegin in einer Auseinandersetzung mit zwei Männern helfen wollte. Anfang März warfen laut Polizei mehrere offenbar bewaffnete Personen Molotowcocktails an eine Hauswand in der Helenenstraße. Trotz dieser Meldungen beobachte die Bremer Polizei grundsätzlich eine Besserung.

„In den vergangenen Wochen hat sich die Lage eigentlich etwas entspannt“, sagt Polizeisprecher Stephan Alken. Die Präsenz der Einsatzkräfte sei aber vor dem Rotlichtbezirk weiterhin hoch, die Polizei reagiere immer wieder mit Schwerpunktmaßnahmen und kontrolliere Dealer. Wie die Gestaltung der Helenenstraße in der Zukunft aussehen wird, bleibt noch offen. Die Bremer SPD-Fraktion hatte vor dem Hintergrund, dass in der Straße teilweise Räumlichkeiten leer stehen und an Privatpersonen vermietet worden seien, den Senat gefragt, wie es weiter geht.

Die Sozialdemokraten vermuten, dass der Wert der vorhandenen Immobilien im Vergleich zu anderen Immobilien im Viertel drastisch gesunken sein dürfte. Mit den aktuellen Nutzungsschwerpunkten sei nach Einschätzung des Senats eine ergänzende Wohnnutzung derzeit schwer vereinbar, heißt es in der Antwort. Und weiter: Eine städtebauliche Sanierung in dem Bereich müsse im öffentlichen Interesse liegen und auch dem Wohl der Allgemeinheit dienen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+