450 Bremer Pädagogen fordern ein Ende der Tests

Grundschullehrer gegen Vergleichsarbeiten

Bremen. Vera 3 - das steht für Vergleichsarbeiten in der Grundschulklasse. Dort aber dürfte man das Kürzel derzeit auch auflösen mit "Vergeblicher Aufwand" in Klasse 3. Fast 450 Grundschullehrer fordern nun ein Ende der Tests.
12.05.2011, 05:00
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Von Bernd Schneider
Grundschullehrer gegen Vergleichsarbeiten

Lehrer Wilfried Meyer von der GEW zerreißt symbolisch eine VERA-Testaufgabe. Mancher Kollege würde es ihm sicher gerne g

Koch

Vera 3 - das steht für Vergleichsarbeiten in der Grundschulklasse 3. Dort aber dürfte man das Kürzel derzeit auch auflösen mit "Vergeblicher Aufwand" in Klasse 3. Fast 450 Grundschullehrer haben sich in einem Brief an SPD-Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper für ein Ende der Tests ausgesprochen, deren zweiter Teil heute in allen dritten Klassen der 70 Bremer Grundschulen geschrieben wird.

Hauptkritik: Aufwand und Ertrag stünden in keinem Verhältnis, die Ergebnisse bestätigten nur, "was uns aus der täglichen Unterrichtspraxis und aus der Iglu-Studie bekannt ist", heißt es in dem Schreiben an die Senatorin. Nämlich: Gerade in sozialen Brennpunkten erreichen viele Schüler "nicht die von der Kultusministerkonferenz definierten Regelstandards". Viele verstünden schon die Aufgaben nicht, entsprechend fielen die Ergebnisse aus.

Die Ursachen lägen aber nicht im Versagen der Schulen, sondern in sozialen und sprachlichen Barrieren, also letztlich in mangelnder Integration. In kaum einer Nation sei schließlich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg so eng wie in Deutschland. In ihrem Bemühen um Bildungserfolge stießen die Lehrer damit an "Grenzen, die wir nicht zu verantworten haben".

Fortbildung unter Zwang

Dennoch verpflichte die Behörde Lehrer, deren Schüler schlechte Vera-Ergebnisse haben, zu "Zwangsfortbildungen", erklärt Wilfried Meyer, Grundschullehrer und Experte für die Tests in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Seine Kollegen sähen darin letztlich eine "unangemessene Schuldzuweisung".

Der starke soziale Einfluss auf die Vera-Ergebnissen zeige sich allein daran, dass Lehrer aus bürgerlichen Stadtteilen wie Schwachhausen und Oberneuland nicht zu den Fortbildungen müssten. Dort seien die Vera-Ergebnisse besser. Auf den Fortbildungen träfen sich dagegen "Lehrer aus Brennpunktschulen", so Meyer.

Über einen offenen Boykott denke man unter seinen Kollegen zwar nicht nach, sagt Meyer. Mancher könnte aber in Versuchung geraten, sich des Problems trickreich zu entledigen. So dächten Lehrer teils laut darüber nach, die Schülerergebnisse zu schönen, wenn sie sie mühselig von Hand in den Computer eingeben. Zudem habe sich herumgesprochen, dass das Durchschnittsergebnis deutlich besser ausfällt, wenn die schwächsten Schüler am Testtag krank sind oder dezent das Signal bekommen: "Du brauchst nicht teilzunehmen." Nach dem Motto: Wenn der Test schon nichts nutzt, soll er wenigstens möglichst wenig überflüssige Arbeit machen.

Schwache Vera-Ergebnisse - das hat Tradition in Bremen. Zuletzt hatte Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper daher im Oktober eine "Offensive Bildungsstandards" ins Leben gerufen. Schulen in schwieriger sozialer Lage sollten Unterstützung bekommen, damit dort die Vera-Ergebnisse besser werden - und zwar schon jetzt, bei den Tests im Mai. Doch auch an diese Offensive haben die Kritiker wenig Freude, sie weisen sie als "Beschönigungsversuch" zurück.

So werden Schüler in Deutsch und Mathe jeweils zwei Stunden zusätzlich unterrichtet. Das Lehrmaterial dazu solle genau abgestimmt sein auf die Vera-Tests. "Die Schulen bekommen eine Materialsammlung. Sie haben dann einen ganzen Ordner zum Üben", hatte Jürgens-Pieper damals angekündigt. In Fortbildungen sollen sie zudem lernen, auf Basis dieser Aufgaben "gute Unterrichtseinheiten zu machen". Doch die angekündigte Materialsammlung entpuppte sich als Enttäuschung. Meyer: "Sie enthielten nur Kopien der letzten Vera-Tests. Die kannten wir sowieso schon." Der zusätzlich Unterricht beschränke sich zudem auf einen kurzen Zeitraum - zwei Monate vor den Tests bis zum Beginn der Sommerferien.

"Beenden Sie den nutzlosen Versuch, durch jährliche Vera-Tests die Unterrichtsqualität zu heben - Sie schaden ihr damit nur", fordern die Lehrer nun. Das Aus für die Tests würde die Pädagogen von unsinnigen Aufgaben entlasten; so bleibe "mehr Zeit für die Vorbereitung eines guten Unterrichts".

Verwundert reagierte Renate Jürgens-Pieper auf die Kritik. Es habe schon vor Wochen "sehr intensive Gespräche mit der GEW" gegeben. Darin habe sie den Kritikern in Teilen Recht gegeben und sei den Lehrern entgegengekommen. So habe sie den dritten Vera-Testtag mit außerordentlich aufwendigen Korrekturarbeiten gestrichen. Zudem habe sie deutlich gemacht: Wenn das Berliner Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, zuständig für die Tests, bestimmte Probleme nicht in den Griff bekomme, "werden wir die Tests auch mal aussetzen". Etliche Aufgabenstellungen seien "nicht glücklich"; so seien auch Mathe-Aufgaben stark sprachorientiert - und das auf hohem Niveau. Das benachteilige manche Kinder.

Bremen habe aber viele Risikoschüler, "da müssen wir was tun", sagte die Senatorin. Die Offensive Bildungsstandards sei eine Reaktion auf Vera. Der zusätzliche Unterricht knüpfe an den Schulunterricht an. Lehrer von 36 der 70 Grundschulen tauschten zudem Erfahrungen über erfolgreiche Unterrichtsmethoden aus. "Das kommt sehr gut an, wir haben viele positive Rückmeldungen." Ihre Sprecherin Karla Götz räumte aber ein, dass die Ordner mit den Übungsmaterialien zunächst nichts als Vera-Aufgaben enthalten hätten. Nach und nach werde aber didaktisch aufbereitetes Material nachgeliefert.

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