Pop-up-Galerie und Kurzfilmreihe „Shorts Attack“ verwandeln das OTe-Bad in einen Kinosaal Radeln, schwimmen, Filme schauen

Tenever. Ein Schwimmbad ist ein Ort zum Spielen, Schwimmen – und Schauen. Genauer gesagt, zum Filmeschauen.
04.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Annica Müllenberg

Ein Schwimmbad ist ein Ort zum Spielen, Schwimmen – und Schauen. Genauer gesagt, zum Filmeschauen. Die Organisatoren der Pop-up-Galerie vom Kulturimpulsgeber Quartier verwandelten das Schwimmbecken im OTe-Bad vergangene Woche nämlich in einen Kinosaal. „Wir möchten Kunst für die Menschen im Alltag sichtbar machen und wollten gerne etwas im Schwimmbad machen. Deshalb haben wir uns mit Peter Sämann in Verbindung gesetzt, der die Kurzfilmreihe ,Shorts Attack‘ veranstaltet“, erklärt Martina Behling. Die Quartier-Mitarbeiterin und den Filmfan verbindet ein Gedanke: Beide bringen Kultur an ungewöhnliche Orte. Das Ergebnis sind ganz besondere Momente.

Kino im Schwimmbad – wie fühlt sich das an? Am Eingang des OTe-Bades noch wie ein normaler Schwimmbadbesuch. Eine Platzkarte für einen Sessel gibt es nicht, dafür eine Karte für den Spind. Wer will, kann sich die Badehose überstreifen und vorher eine Bahn schwimmen. Aber auch an Land gelangt der Gast zum ungewöhnlichen Kinosaal – wenn auch nicht trockenen Fußes.

Zwischen Kacheln, wasserspuckenden Schildkröten und Geplätscher steht der Projektor. Die Fenster sind verdunkelt, die Liegestühle sind 30 Minuten vorm Start schon alle mit Handtüchern belegt – Mallorca-Platzhirsch-Mentalität in Tenever. Am Fensterrand ist noch ein trockenes Plätzchen zwischen Plastikpalmen und abgelegten Schwimmflügeln. Peter Sämann hantiert am Projektor. So nah am Wasser hat er ihn noch nie aufgebaut. „Vergangenes Jahr waren wir für eine Vorstellung auf einem Schiff, aber das Schwimmbad ist Premiere“, sagt er. Während die Kinder sich abkühlen steht dem Filmvorführer der Schweiß auf der Stirn. Eine kurze Hose wäre die passendere Kleidung bei 29 Grad Tropenlufttemperatur. Die Technik mag es lieber weniger feuchtfröhlich. Schützend liegen Tücher über den fragilen Geräten. Bevor es heißt „Film ab“ huschen zwei Damen noch schnell zum Kiosk. Das Angebot: Pepsi, Pommes und Popcorn. Spätestens jetzt beginnt das Herz des Kinofans höher zu schlagen.

„Kino ohne Popcorn geht nicht. Es gibt sogar salziges. Das kriege ich nicht überall“, staunt Sandra Schwalbe und macht es sich mit der Tüte bequem. Gemütlich im Kinosessel sitzen möchten aber nicht alle. In den Liegestühlen schlummern die Handtücher, die Mehrheit der Gäste lässt sich auf Poolnudeln treiben oder strampelt auf Wasserfahrrädern – übrigens die passende Einstimmung auf das Abendthema: Es werden Kurzfilme über Fahrräder gezeigt. Trimmen, schauen und abkühlen zur gleichen Zeit – da kann ein normal trockner Lichtspielpalast nicht mithalten.

Und schon flackern die ersten Bilder über die gekachelte „Leinwand“. Es sind kurze Liebesgeschichten an die Zweiradkultur, mal als Trickfilm, dann wieder dokumentarisch. Das Publikum plantscht, strampelt, lacht und fiebert mit. Zwei Mädchen kuscheln sich in die Handtücher im Liegestuhl, Wassertropfen kullern in die Popcorntüte und weichen die explodierten Maiskörner auf. Die Idee, Filme ans Schwimmbecken zu holen, finden die Zehnjährigen einfach nur „cool“.

Erika Menke testet nach dem Aquacycling (Radfahren im Wasser) nun die Perspektive aus dem Liegestuhl. „Das ist Abwechslung pur. Ich habe es gelesen und wollte den Kinobesuch im Schwimmbad unbedingt ausprobieren. Außerdem bin ich eine richtige Wasserratte, ins Kino gehe ich auch gerne“, sagt die Vahrerin. Nach Tenever kommt die 73-Jährige sonst immer mit dem Rad, weil sie mit ihrer Freundin herkam, entschied sie sich ausnahmsweise fürs Auto. Deshalb ist Menke froh über die Möglichkeit, im Wasser noch einmal in die Pedale treten zu können. Sandra Schwalbe ist aus der Neustadt gekommen, für die Kinoliebhaberin wird der Filmabend zu einem spannenden Erlebnis. „Das ist mal Kino in einer ganz anderen Kulisse. Die Geräusche zwischen Wasser und Kacheln sind sehr atmosphärisch.“ Einen Pluspunkt vergibt sie für das reichhaltige Büfett am Kiosk, mit Pizza, Frühlingsrollen und Süßigkeiten sei das deutlich abwechslungsreicher als im Stammkino. Sie greift genüsslich in die Popcorntüte und knuspert weiter. Drei Mädchen in der ersten Reihe bevorzugen es klassisch: Was wäre ein Schwimmbadbesuch ohne Pommes?

Bei so viel Radkunst hält es Katharina Berger von Quartier nicht mehr auf dem Stuhl. Sie gleitet ins Wasser und schwingt sich auf das Aqua-Rad. Vor allem der Streifen über einen Rikscha-Fahrer aus Edinburgh kommt beim Publikum gut an. Während der junge Mann sich abmüht, einen Berg mit dem Gefährt zu erklimmen, tritt das Publikum in Bademode solidarisch mit. Der Berg wird steiler, man sieht seine Kraft schwinden, die Spannung steigt. Der Bademeister bleibt gefesselt am Beckenrand stehen, den Blick auf die Leinwand geheftet. Das Happy End lässt die Schwimmgemeinschaft aufatmen.

„Das ist ein ganz neues Erlebnis. Ich habe so mitgefiebert, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich selbst gestrampelt habe. Das ist auf jeden Fall gesünder und erfrischender als normales Kino“, schildert Katharina Berger ihre Erfahrungen aus der Wasserperspektive. Als der letzte Film ausläuft ertönt tosender Applaus. „Zugabe“, rufen die Kinder und bekommen Nachschlag. „Das war toll, das könnte es öfter geben. Ich würde wiederkommen“, sagt Erika Menke, schnappt sich das Handtuch und macht sich in Richtung Umkleide auf.

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