Bremen Schutzraum, Disko, Lagerstätte: So wurde der Bunker am Domshof genutzt

Für maximal 2300 Menschen war der Luftschutzbunker am Domshof im Zweiten Weltkrieg zugelassen. Es war ein sicherer Ort, der viele Menschenleben gerettet hat.
10.03.2018, 21:45
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Von Kristina Bellach

Zwangsarbeiter schieben auf einer Lore Baumaterial die Schienen hinunter ins Erdinnere, am Rande der Baugrube schaufeln die Männer Erdreich ab. Im Schummerlicht der Deckenleuchten präsentiert Andreas Calic die Zeichnung des Bremer Malers Willy Menz, die den Bau des Bunkers am Domshof dokumentiert.

Ein unbekannter Ort ist er, der aber auf eine wahre Zeitreise führt. Per Sondergenehmigung geht es nur noch durch die Küche des Alex hinein. Alle anderen Einstiege, etwa das ehemalige Toilettenhaus an der Landesbank oder die Metallluke nahe des Barmer-Gebäudes, sind zu. Heute stehen vor der äußeren Schleusentür, wo früher Menschen beim Bombenalarm Einlass suchten, Kaffeekannen und Mohnkuchen auf einem Servierwagen.

„Die erste Bombe auf Bremen fiel im Mai 1940“, erzählt der Historiker und Kulturwissenschaftler Calic. Umgehend begann der Bau des Tiefbunkers. Jeder, der sich bei Fliegeralarm in der Nähe aufhielt, konnte dort Schutz suchen. Ausgenommen die, die das Gebäude errichteten: Bunkeraufseher und Wärter, die an vier Schleusen saßen, beobachteten über Guckloch und Spiegel genau, wer Zutritt ersuchte, erklärt Calic.

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Aus zwei massiven Eisentüren bestehen die vier Schleusen. „Die äußere Tür war stets geschlossen, wenn die innere Tür offen war, damit sie nicht von Splittern oder einer Druckwelle getroffen wurde“. Dazwischen lag ein über Eck konstruiert Raum: „Damit sich die Druckwelle im Bau verliert.“ Durch die Schleuse Nord – da ist das Tor, das zur Rampe führte, die auch geschlossen ist – betreten wir den 3300 Quadratmeter großen Bau. Gefriertruhen stehen da, eine ganze Sommergarnitur für die Terrasse inklusive Sonnenschirme und ein Haufen Stuhlleichen.

Dieser Teil des Bunkers ist unverkennbar Lagerfläche der Gastronomie. „Hier müsste dringend mal entrümpelt werden“, kommentiert Peter Schulz, Sprecher von Immobilien Bremen, der den Ausflug begleitet, das Sammelsurium. Zwei Kellner haben es sich dazwischen an einem Tisch zur Kaffeepause gemütlich gemacht.

Ein sicherer Ort

Alle Räume sind nummeriert. Die Notküche, Raum 100-102, grenzt direkt an die Küche des Alex. Daneben, in Raum 103, saß laut Aufschrift eine Bunkeraufsicht. Für maximal 2300 Menschen war der Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg zugelassen. „Es war ein sicherer Ort, der viele Menschenleben gerettet hat“, sagt Calic. Der Marktplatz war ja ziemlich zerstört. Nach der Umrüstung zum ABC-Bunker im Kalten Krieg sollten 991 Personen dort Zuflucht finden.

Der riesige offene Raum, durch den wir spazieren, war zu Kriegszeiten unterteilt. „Die Nischen waren zu“, zeigt Calic, „da gab es komplette Wände mit Tür. Auch der große Raum hatte Zwischenwände. 2000 Leute in einem Riesenraum, das hätte Panik gegeben.“ Überhaupt meint der Historiker, werden in den letzten Kriegsjahren um einiges mehr als vorgesehen hier über Stunden, oft die ganze Nacht, zusammengepfercht gewesen sein.

Für den Luftaustausch gab es eine Notlüftung per Handkurbel, die frische Luft ansaugte. „So ein Bunker macht nur Sinn, wenn er komplett autonom ist“, sagt Calic. Auch Wasser gab es über einen Brunnen. Zwar gab es ein Notaggregat, doch wiesen phosphoreszierende Markierungen zusätzlich bei Stromausfall den Weg.

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Schaut man nach oben, fallen kleine Haken überall in der Decke auf. „In diesen Gängen, wo wir heute frei herumlaufen, waren damals Konstruktionen von drei Betten übereinander verspannt.“ Etwa ein Drittel der Schutzsuchenden konnte gleichzeitig liegen, der Rest saß oder stand. Dann wurde getauscht. „Rauchen verboten“ warnt eine Aufschrift nahe der ehemaligen öffentlichen Toilette. Und „10 km/h“ Die Erklärung ist einfach: „Vor 40 Jahren waren hier Autos geparkt, als es die Rampe noch gab“, weiß Schulz.

Im Halbdunkel leuchtende Pfeile weisen auch uns den Weg, hinein in einen weiteren dunklen Gang, wo auf einer Seite die dicke Stahltür den Eingang zur Schleuse bildet, zur anderen ein Schild noch immer um 50 Cent Benutzungsgebühr im Voraus bittet. „Dieses Bild hat sich auch den Benutzern der Toilette geboten“, erinnert sich Schulz.

Bunkereinwärts, in dem dunklen Gang, hängt ein Brett, daneben ein Telefon, auf dem man nur die Nummern eins bis 13 anwählen kann. Daneben eine Telefonliste: die sechs für die Notküche, vier für den Rettungsraum, die eins für den Bunkerwart. Betrieben wurde das Telefon per Dynamo, demonstriert Calic.

Das technische Herzstück

Er dreht ihn kräftig, es surrt – und ein gespenstisches Hallen ertönt. Den Klang verebbt in den Weiten des Bunkers, man guckt sich still an und schaudert noch einmal. Und das Brett? „Daran hingen Haken und Schaufeln, sodass man sich freischaufeln konnte, wenn der Eingang verschüttet war“, erklärt der 47-Jährige, der für den Verein Stattreisen Bremen arbeitet.

Weiter geht es, vorbei an einer Trafostation der Stadtwerke, aus der dicke Bündel schwarzer Kabel in die Welt nach oben führen, um die Marktstände mit Strom zu versorgen. Ein kleines Pumpwerk von Hansewasser gleich daneben soll bei Hochwasser helfen. Dann präsentiert Calic das technische Herzstück des Bunkers, den Generatorenraum.

„Zwei K-Zylinder, Schiffsgeneratoren, die funktionieren auch noch. Sind fast unzerstörbar“, schwärmt Calic. „So vieles ist noch da. Das ist ein Ort, der wirklich Geschichte hat.“ Andere Bunker hätten Vandalen ziemlich zerstört; dieser, unerreichbar, ist zugleich so gut wie unberührt. Der Filter des Generators, sowie die Maschinenteile, sind federnd an Stahlseilen gelagert. „Damit das nicht abreißt. Wenn oben ein Treffer war, hat es doch ganz schön gewackelt.“

Keine Bedrohungslage mehr

Auch neuere Zeitzeugen befinden sich hier: auf einem Ablagebrett in der Ecke sammelt ein Lageplan von 1990 Staub, ein Einpackpapier verspricht „Frische-Vielfalt-Qualität“. Ab den Siebzigern bis zum Anfang dieses Jahrtausends habe das THW regelmäßig die Anlage geprüft. „Danach war Schluss. Die offizielle Begründung ist, dass es in der EU keine Bedrohungslage mehr gibt.“

Heutiges Wissen und heutige Bomben machen den Bunker obsolet. „Im Kalten Krieg hatte man hier Luftfilter eingezogen“, berichtet Calic. Zwei Wochen konnten die Menschen hier ausharren, in der Hoffnung, dass das Wetter die radioaktiven Partikel mindere. „Das war wohl eher Symbolpolitik“, merkt Calic an. Auch gab es Dekontaminierungsduschen: Menschen, die einem atomaren Angriff ausgesetzt wären, hätten in zwei Schleusen duschen können – überwacht durch den Bunkerwart und mit einem speziellen Shampoo.

Sinn und Zweck der Aktion? „Das ist für die, die drinnen sitzen“, sagt Calic. „Für die von draußen wäre es wohl eh zu spät.“ Um der Radioaktivität von draußen zu entgehen, gab es Sandfilter. Eine blaue Klappe an der Wand zeugt davon. Quarzsand mit einer Schicht Aktivkohle darunter sollte die Radioaktivität bündeln. Hatte man Angst, dass der Filter selbst zu sehr strahlt, konnte man die Klappe mit einem großen Hebel verriegeln und „Betonsteine bei Bedarf einstapeln.“

Ein amerikanisches Lazarett nach Kriegsende

Und wirklich, steigt man die Stiege zur nächsten Klappe hoch, liegen dort besagte Betonsteine, um den Filter zu vermauern. „Das war der Stand der Technik“, schüttelt Calic den Kopf. Lange war der Bunker bestückt für den Notfall. „Erst vor ein paar Jahren hat man hier leer geräumt. Vorher waren Windeln, Klopapier, Töpfe, alles, was nicht verdirbt, eingelagert.“ Essen hätte man im Fall eines atomaren Angriffs kurz vor der Eskalation deponiert.

War der Bunker im Zweiten Weltkrieg Zufluchtsort und Lagerstätte verschiedener Kunstobjekte, befand sich hier nach Kriegsende ein amerikanisches Lazarett. Auch die Baubehörde war hier zwischenzeitlich untergebracht, wie auch das Frauengefängnis der Bremer Polizei. „Und in den Neunzigern war hier einmal Disko, das geht aber aus Brandschutzgründen nicht mehr“, weiß Calic. Was also tun? „So wie es ist, ist er weder als Lagerfläche noch Garage nutzbar“, meint Schulz. „Ihn nutzbar zu machen, wäre mit riesigem Aufwand verbunden. Aus welchem Etat soll das kommen?“

Für Stattreisens Führungen in den Bremer Untergrund aber könnte der Bunker schon gegenwärtig dienen. „Nur ist der Eingangsbereich bei der Landesbank leider dicht,“, bedauert Calic. Über das Alex mit einer Gruppe einzusteigen, ist unmöglich. „Dabei hat die Bank uns zugesichert, dass der Zugang freigelegt wird. Da müsste man einmal dran erinnern.“

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