Stadtspaziergang: Kuhgrabensee und Blockland

Ruheplatz für Wasservögel

Einer der für den Naturschutz bedeutsamsten Bremer Seen ist der Kuhgrabensee, ein Baggersee, der im Südosten des Blocklands liegt. Ein Stadtspaziergang.
23.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Seen und Feuchtgrünland im Bremer Raum locken jedes Jahr im Herbst Tausende von Zugvögeln aus arktischen Regionen, in denen ihre Brutgebiete liegen. Wenn es zum Beispiel in Sibirien oder auf Grönland zu kalt ist, finden sie keine Nahrung mehr. Zahlreiche Gänse, Schwäne, Enten, aber auch Watvögel treten dann eine lange Reise an, und viele wählen sich im Nordwesten Deutschlands Rastgebiete an den Küsten, in Überschwemmungsflächen oder an Gewässern.

In Bremen hat der Feuchtgrünlandring, der sich um die Stadt zieht, eine herausragende Bedeutung für Rastvögel, ebenso wie mehrere Seen. Einer der für den Naturschutz bedeutsamsten ist der Kuhgrabensee, ein Baggersee, der im Südosten des Blocklands liegt. Er entstand von 1970 bis 1972 beim Bau der Autobahn 27 und ist Naturschutzgebiet wie auch europäisches Natura-2000-Gebiet.

Der See wird vom Grundwasser gespeist und vom Lilienthaler Salzstock beeinflusst, was einen relativ hohen Salzgehalt zur Folge hat. Wertvolle Naturschätze liegen unter Wasser: Armleuchteralgen, die am Grund des bis 16 Meter tiefen Sees wachsen und für den Spaziergänger unsichtbar bleiben. Viel zu sehen gibt es jedoch auf der Wasseroberfläche: Ab Herbst findet sich eine enorme Fülle an Rastvögeln auf dem See ein. Dann ist er für mehrere Monate das Zuhause zahlreicher Enten, Blesshühner, Säger oder Taucher – er bietet Vögeln einen wichtigen Ruheplatz: Von einem Zaun umgeben, werden sensible Arten weder von Spaziergängern noch von frei laufenden Hunden gestört.

Das Vogelleben auf dem Wasser des Sees bleibt, von Stunde zu Stunde, in ständiger Veränderung: Kormorane, Pfeifenten oder Kanadagänse landen im Wasser oder fliegen ab – so ist am Himmel in diesen Tagen ständig was los.

Der Spaziergang am Kuhgrabensee entlang nimmt gut eine Stunde in Anspruch, die Strecke eignet sich auch als Fahrradtour, die sich durch das südliche Blockland fortsetzen lässt.

Der Stadtspaziergang geht auf dem Kuhgrabenweg am Restaurant Zum Platzhirsch (1) vorbei und überquert die Brücke über die Autobahn. Dahinter beginnt ein Laubwaldgürtel (2) aus Eichen, Eschen, Birken und Ahorn, der den Kuhgrabensee umgibt. Nach wenigen Schritten tut sich bereits eine Lücke zwischen den Bäumen auf, und über eine Brennnesselflur kann der erste Blick auf den See geworfen werden: Große Teile der Wasserfläche sind vor allem mit Pfeifenten bevölkert. Die Männchen sind leicht an der rahmgelben Blesse am rotbraunen Kopf zu erkennen, die bis zum Schnabel reicht. Die Weibchen bleiben unscheinbar bräunlich. Dieser rein vegetarische Wintergast brütet im Norden Eurasiens vor allem in den Sumpfgebieten der Taiga und hält sich in Mitteleuropa auf flachen Gewässern und in überschwemmtem Grünland auf.

Nach wenigen Schritten kommt man an einen Unterstand aus Holz (3), markiert durch eine große Infotafel – die wichtigste Anlaufstelle für Vogelbeobachtungen am Kuhgrabensee. Dank der Sichtfenster kann man dort sehen, ohne gesehen zu werden.

Was die Anzahlen betrifft, folgen auf die Pfeifenten die schwarzen Blesshühner, die sich gern in Gruppen am Rande des Sees aufhalten. In meist nur wenigen Exemplaren und meist weit weg lassen sich mit dem Fernglas Reiherenten, Löffelenten und die häufigen Stockenten ausmachen. Am Ufer zur Rechten des Beobachtungsstands leuchtet eine gelbbraune Steilwand aus Lehm (4), die von Löchern übersät ist: eine künstliche Nisthilfe für den Eisvogel.

Der gesamte Kuhgrabensee wird von Bäumen eingefasst, und die herbstlich gelb verfärbten Birken geben der Landschaft mit dem hellblauen Wasser ein leicht skandinavisches Flair. Viele Vögel halten sich im hinteren Bereich des Sees auf und lassen sich nur mit Fernglas oder, besser noch mit dem Spektiv, bestimmen: Vereinzelt verschwinden Haubentaucher mit einem Satz unter Wasser, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Kormorane fliegen immer wieder ein, und in den flachen Uferbereichen watet häufig ein Silberreiher. Dieser schneeweiße Reiher, der als Kosmopolit auf allen Kontinenten anzutreffen ist, hat sich im Bremer Raum stark ausgebreitet und lässt sich auch im Grünland beobachten.

Der Spazierweg folgt der Teerstraße am Kuhgrabenweg in Richtung Norden, dann biegt ein Weg links ab (5), der am Kuhgrabensee entlang führt und dem man folgt. Nun erstrecken sich rechts die Grünlandweiten des Blocklands, das wegen seiner Brut- und Rastvogelbestände als EU-Vogelschutzgebiet gemeldet ist und in dem seit einigen Jahren ein erfolgreiches Wiesenbrüter-Schutzprogramm läuft. Von Herbst bis Frühjahr bieten die nassen Grünlandflächen mit Gräben und einem überschwemmten Polder Rastgelegenheiten für zahllose Gastvögel.

Besonders die Kanadagänse, leicht erkennbar an schwarzem Kopf und Hals mit weißem Kinnband, sind in diesen Wochen sehr häufig und oft auch in der Luft zu sehen. Die ursprünglich in Nordamerika brütende Art hat sich auch im Bremer Raum stark ausgebreitet und ist fast so auffällig wie der Silberreiher in seinem weißen Federkleid.

Wiesenbrüter wie Kiebitz oder Uferschnepfe sind längst zur Überwinterung in südliche Gefilde abgewandert, doch das ganze Jahr über ist das Grünland von Rabenkrähen bevölkert, die immer wieder am Himmel zu beobachten sind – ebenso wie Mäusebussarde, aber auch braun-grau gefärbte Gänse, wie Saat-, Grau- oder Blessgans.

Auf dem Weg am nördlichen Ufer des Kuhgrabensees entlang erreicht man einen zweiten Beobachtungsstand (6), der derzeit jedoch mit Stacheldraht abgeriegelt ist. Im weiteren Verlauf macht der Weg einen Knick nach links und führt weiter durchs Blockland, nahe an der Autobahn entlang, mit den begrünten „Tafelbergen“ der Blockland-Deponie im Hintergrund.

Denselben Weg zurück gehend, wird man durch neue Beobachtungen überrascht: Ab und zu tauchen im Grünland Rehe auf, Kanadagänse landen, um zu äsen, und immer wieder ziehen Scharen laut schnatternder Gänse am Himmel entlang.

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