Opfer rechter Gewalt

Vorbehalte gegen El-Sherbini-Platz im Steintor

Auf Vorschlag der SPD und der Grünen soll der Platz am Gedenkpavillon im Bremer Steintor nach Marwa-El Sherbini benannt werden. Einige Anwohner haben Vorbehalte.
25.04.2018, 18:12
Lesedauer: 3 Min
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Von Sigrid Schuer und Monika Felsing
Vorbehalte gegen El-Sherbini-Platz im Steintor

Das Porträt von Marwa El-Sherbini war 2014 noch zu sehen, inzwischen ist es von Graffiti halb verdeckt. Der Müll an dem alten Trafo-Haus war damals schon ein Ärgernis. Jetzt soll der Gedenkort renoviert, der Platz umbenannt werden.

Gerbracht

Soll ein Teil des Bermuda-Dreiecks einen offiziellen Namen bekommen? Darüber hat es in der Sitzung des Verkehrs- und Mobilitäts-Ausschusses des Beirates Östliche Vorstadt eine kleine Kontroverse gegeben. Einige Anwohner äußerten sich kritisch zu der von Daniel de Olano (SPD) angeregten Umbenennung des Platzes rund um das Trafo-Häuschen an der Ecke Humboldt-/Römerstraße und Fehrfeld. Der Einwand, der vorgebracht wurde: Die Anlieger seien nicht gefragt worden.

Dabei hat der Platz gar keinen offiziellen Namen. Folglich würden sich auch keine Adressen ändern. Und es ist nicht der erste Anlauf in der Sache. Schon vor acht Jahren hatte ein Antrag von SPD und Linken, den Platz an der Humboldtstraße, Ecke Römerstraße und Fehrfeld in Marwa-El-Sherbini-Platz umzubenennen, eine Debatte im Beirat Östliche Vorstadt ausgelöst. Die Stadtteilparlamentarier beschlossen damals, zunächst das Einverständnis der Familie El-Sherbini einzuholen.

Das Trafohäuschen war im "Köfte-Koscher-Projekt" von muslimischen und jüdischen Jugendlichen als Mahnmal mit Porträts von Opfern rechter Gewalt gestaltet worden. Wie berichtet, soll der mehrfach verunstaltete Gedenkpavillon renoviert und am 18. Oktober wieder eingeweiht werden. Eines der von Sprayern beschädigten Porträts zeigt Marwa El-Sherbini.

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Die Tochter des Chemiker-Ehepaares Ali El-Sherbini und Laila Shams aus Alexandria war Schulsprecherin am English Girls College in ihrer Heimatstadt gewesen und sieben Jahre lang Handball-Nationalspielerin. 2004, vier Jahre nach Abschluss ihres Pharmaziestudiums, ging sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Molekularbiologen Elwy Ali Okaz, nach Bremen. In der Hansestadt brachte sie 2006 ihren Sohn Mustafa zur Welt. Weil Elwy Ali Okaz eine Doktorandenstelle am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden hat, ziehen die drei 2008 an die Elbe. In Bremen lassen sie Freunde zurück, die später vor Gericht aussagen werden.

Der Fall hat internationale Aufsehen erregt: Auf einem Dresdener Spielplatz beleidigt Alex W. die fast gleichaltrige Marwa El-Sherbini, weil sie ein Kopftuch trägt, beschimpft sie als "Islamistin" und "Terroristin". Andere Eltern leihen ihr ein Handy, damit sie die Polizei rufen kann, und sie zeigt den Mann an. Alex W. wird zu einer Geldstrafe von 330 Euro verurteilt. Sein Anwalt legt Berufung ein. In der Berufungsverhandlung attackiert der Angeklagte Marwa El-Sherbini, als sie nach ihrer Zeugenaussage den Saal verlassen will. 16 Mal sticht er auf die schwangere 31-Jährige ein, mit weiteren 16 Stichen verletzt er ihren Ehemann, der ihr zu Hilfe kommen wollte. In dem Chaos schießt auch noch ein Polizist auf den Verletzten, weil er Elwy Ali Okaz für den Angreifer hält. Marwa El-Sherbini verblutet. Ihr Mann kann in einer Not-OP gerettet werden. Er hat mit seinem Sohn bald darauf Deutschland verlassen und soll heute an einer englischen Unversität in der Zellforschung arbeiten. Der damals 29-jährige Alex W. wurde 2009 wegen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, wobei wegen der besonderen Schwere der Schuld eine vorzeitige Haftentlassung im Jahr 2024 praktisch ausgeschlossen ist.

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"Sie war vorzüglichst in Deutschland integriert, hat sich der Mittel unseres Rechtsstaates bedient und ist dabei zu Tode gekommen", sagte Daniel De Olano in der Ausschusssitzung über Marwa El-Sherbini. Ein Besucher der Sitzung forderte, doch in Dresden eine Straße nach ihr zu benennen. Eine Tafel am Dresdener Landgericht erinnert bereits an sie. An jedem Jahrestag des Mordes, 1. Juli, wird ihrer gedacht.

Und im Viertel? "Letztlich geht es um Symbolpolitik, schließlich haben wir in Bremen ja auch eine Bismarck- oder eine Verdun-Straße", betonte Daniel de Olano. "Und ich glaube, dass es in den Zeiten, in denen wir leben, bitter nötig ist, solch ein Symbol gegen Rechtsextremismus zu setzen." Der Beschluss ist auf die nächste Sitzung des Beirates vertagt worden.

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