Staatsanwaltschaft mit Schwie­rig­keiten Wie lebensgefährliche Tritte ermittelt werden

Tritte gegen den Kopf eines wehrlos am Boden Liegenden können tödlich enden. Trotzdem werden die Täter zumeist nur wegen gefährlicher Körperverletzung belangt. Das Strafverfahren ist kompliziert.
24.06.2018, 20:17
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Wie lebensgefährliche Tritte ermittelt werden
Von Ralf Michel

Das Opfer liegt am Boden, der Täter tritt ihm gegen den Kopf. Ein klarer Fall mit eindeutig verteilten Rollen: Hier das wehrlose Opfer, dort der brutale Täter. Ebenso klar ist, dass der Treter vor Gericht gehört. Doch spätestens hier, aber eigentlich schon bei seiner Festnahme, wird die Sache dann doch komplizierter. Denn wegen was sollen Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln? Wie lautet die Anklage, und für was wird der Täter am Ende verurteilt? Für ein versuchtes Tötungsdelikt oder für eine gefährliche Körperverletzung?

Den Chef der Bremer Kriminalpolizei, Daniel Heinke, beschäftigt die Abgrenzung besonders gefährlicher Gewalthandlungen zu versuchten Tötungsdelikten schon seit Jahren, er hat sogar zum Thema "Tottreten" promoviert. Heinke macht kein Hehl daraus, dass für ihn Fußtritte, die mit einiger Wucht gegen den Kopf ausgeführt wurden, grundsätzlich zunächst als versuchtes Tötungsdelikt einzustufen und entsprechend zu bearbeiten sind. Zeige sich im Verlaufe der Ermittlungen, dass ein Tötungsvorsatz nicht wahrscheinlich oder nicht nachweisbar ist, könne diese Ersteinschätzung später herabgestuft werden.

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"Es gibt keine ungefährlichen Fußtritte", betont Heinke. "Bei mit Wucht geführten Tritten gegen den Kopf einer am Boden liegenden Person ist immer mit lebensgefährlichen Verletzungen zu rechnen." Und dafür spiele nicht einmal die Art des getragenen Schuhwerks eine Rolle. Selbst Tritte mit Turn- und Hausschuhen oder auch mit bloßem Fuß könnten tödliche Verletzungen bewirken. Ob das Opfer lebensgefährlich verletzt wird oder mit oberflächlichen Verletzungen davonkommt, hänge ausschließlich vom Zufall ab.

Entscheidend für die strafrechtliche Bewertung ist die Frage, ob genau dies allgemein bekannt ist. Weiß der Treter, was er da tut? Muss er damit rechnen, dass seine Tritte das Opfer töten? Doch empirische Daten hierzu sind Mangelware. Daniel Heinke selbst hat 2010 für seine Doktorarbeit 830 Personen zwischen 17 und 29 Jahren befragt. 90 Prozent von ihnen schätzten Tritte gegen den Kopf als lebensgefährlich ein, weitere neun Prozent hielten sie zumindest für sehr gefährlich. "Eine derart deutliche Gefährdungseinschätzung legt nahe, dass es sich bei der Lebensgefährlichkeit von Fußtritten gegen den Kopf des am Boden liegenden Opfers um eine allgemein bekannte Tatsache handelt", sagt Heinke.

Tötungsvorsatz nicht zwingend

Maßgebliche Bedeutung kommt vor Gericht auch der Frage zu, ob der Täter den Tod eines anderen Menschen billigend in Kauf nahm. Also ihn objektiv für möglich hielt und sich damit abgefunden hatte. Oder ob er darauf vertrauen konnte, dass es schon gut gehen wird. Damit wäre der Tötungsvorsatz nicht mehr haltbar, es ginge nur noch um bewusste Fahrlässigkeit. Heinke hierzu: "Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein mehrfach wuchtig gegen den Kopf des Opfers tretender Täter wirklich ernsthaft darauf vertraut, er werde dem Opfer ausschließlich nicht lebensbedrohende Verletzungen beibringen."

"Jeder Tritt ist gefährlich. Oder sogar lebensgefährlich", stimmt Bremens Leitender Oberstaatsanwalt Janhenning Kuhn der Einschätzung von Daniel Heinke zu, dass es letztlich nur vom Zufall abhänge, wie schwer verletzt das Opfer wird oder ob es sogar stirbt. "Trotzdem kann ich daraus nicht zwingend ableiten, dass der Täter einen Tötungsvorsatz hatte. Und genau das müssen wir ihm vor Gericht nachweisen."

Der Bundesgerichtshof (BGH) gehe davon aus, dass jeder Mensch eine hohe Hemmschwelle hat, einen anderen Menschen zu töten, erläutert Kuhn. Daraus leite der BGH aber auch eine sehr hohe Anforderung an den Tötungsvorsatz ab. "Wenn wir nicht ganz sicher sind, dass der Täter töten wollte, müssen wir wegen gefährlicher Körperverletzung ermitteln. So ist die Rechtsprechung nun einmal."

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Versuchter Totschlag bedeutet, dass der Täter zum Zeitpunkt der Tat versucht, einem anderen das Leben zu nehmen. "Es kann aber keiner sicher sagen, ob der Täter den anderen tatsächlich umbringen oder nur verletzen wollte", sagt Kuhn. Dies müsse die Staatsanwaltschaft unter Berücksichtigung der Gesamtumstände im Nachhinein bewerten, um darauf zu schließen, was der Täter zum Tatzeitpunkt wollte.

Etwa mithilfe von Zeugen. Die jedoch seien häufig selbst durch das Geschehen beeinträchtigt, außerdem zum Tatzeitpunkt nicht selten alkoholisiert oder unter Drogen gewesen. "Und wenn es mehrere Zeugen gibt, schildern sie das Geschehen oft auch nicht einheitlich."

Ein weiterer Anhaltspunkt sind die Verletzungsfolgen. "Häufig haben wir die Aussage, der Täter habe wie ein Verrückter mehrfach mit voller Wucht zugetreten", berichtet Kuhn. Tatsächlich stelle sich dann aber nicht selten heraus, dass die Verletzungen gar nicht so gravierend seien. Auch dies ein mögliches Indiz dafür, dass es sich nicht um versuchten Totschlag handelt.

Hohe Strafe möglich

Schließlich ist da der sogenannte Rücktritt: Selbst wenn ein Täter sein Opfer umbringen wollte, spricht für ihn, wenn er dies nicht zu Ende bringt. Sieht der Täter, dass das Opfer noch lebt, und wendet sich dann ab, bedeutet dies juristisch den Rücktritt von der Tat. Durch das bloße Aufhören ist der Tötungsvorsatz nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Die Staatsanwaltschaft gehe zunächst durchaus häufig so vor wie die Polizei im Rahmen der Verdachtslage, sagt Kuhn. "Die Ermittlungen ergeben dann manchmal aber ein viel differenzierteres Bild als das der Polizei am Tatort." Und Tritte gegen den Kopf unisono als versuchten Totschlag einzustufen, sei ohnehin nicht möglich. Der Sachverhalt sei immer im Einzelfall zu klären und müsse stets über die gesamte Strecke des Ermittlungs- und später auch des Strafverfahrens betrachtet werden. "Schwarz-Weiß-Denken bringt uns an dieser Stelle kein Stück weiter."

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Von zwölf der jüngsten Fälle in Bremen (siehe unten) hat die Staatsanwaltschaft laut Kuhn zunächst sechs als versuchten Totschlag eingeordnet. Davon wiederum wurden vier auch tatsächlich als solcher angeklagt. Zwei dieser vier Verfahren laufen noch, die beiden anderen endeten mit Verurteilungen – allerdings nicht wegen versuchten Totschlags, sondern wegen gefährlicher Körperverletzung.

Was kein Vorteil für den Täter sein muss. Zwar sieht das Gesetz für gefährliche Körperverletzung in Tateinheit mit versuchtem Totschlag einen höheren Strafrahmen vor als für die gefährliche Körperverletzung allein. Doch auch für die ist eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren möglich. Und liegen schwere Kopfverletzungen beim Opfer oder andere erschwerende Begleitumstände vor, kann sich das Urteil in einem solchen Fall durchaus im oberen Bereich des Strafrahmens bewegen. Und damit höher ausfallen als bei einer Verurteilung des Treters wegen versuchten Totschlags, wenn dieser Fall insgesamt als nicht so schwer eingestuft wird.

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Bewusstlosigkeit und Notoperation

Polizeimeldungen, in denen es um Tritte gegen den Kopf geht, sind in Bremen keine Seltenheit. Nachfolgend ein Auszug aus den vergangenen zwölf Monaten:

20. Juni 2018

In der Baumstraße in Walle verfolgen um 1 Uhr nachts 15 Personen einen jungen Mann. Ein Zeuge, der dazwischen geht, wird von der Gruppe zu Boden geschlagen und mit Tritten gegen Oberkörper und Kopf traktiert.

10. Juni 2018

Einsatzkräfte der Polizei nehmen gegen 2 Uhr nachts in der Neustadt einen 20-Jährigen fest. Er hatte zuvor nach einem Streit einen Bekannten mit mehreren Tritten gegen den Kopf attackiert.

10. Juni 2018

Zwei unbekannte Männer bringen kurz nach 1 Uhr nachts am Breitenweg einen 40-Jährigen zu Boden. Um an sein Mobiltelefon zu kommen, treten sie ihm mehrfach gegen Kopf und Körper.

5. Mai 2018

Nach einem Streit mit einer sechsköpfigen Gruppe wird ein 47-Jähriger gegen 20 Uhr am Grambker Sportparksee zusammengeschlagen. Ein Mann aus der Gruppe tritt ihm anschließend mehrfach mit dem Fuß gegen den Kopf.

5. April 2018

Drei Männer treten um kurz vor 20 Uhr in der Bahnhofsvorstadt gegen den Kopf eines am Boden liegenden 30-Jährigen. Zwei unbeteiligte Passanten eilen dem Mann zu Hilfe. Auch sie werden geschlagen und getreten.

18. Februar 2018

In der Utbremer Straße eskaliert gegen 21 Uhr ein Streit zwischen zwei Männern. Einer der beiden wird daraufhin von einer zehnköpfigen Personengruppe angegriffen und mit Fußtritten gegen den Kopf so schwer verletzt, dass er zur stationären Behandlung ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

18. Februar 2018

Nach einem Diskothekenbesuch wird ein 26-Jähriger um 2.40 Uhr in der Straße Auf der Brake von einer fünfköpfigen Gruppe attackiert und niedergeschlagen. Die Angreifer treten mehrfach gegen Oberkörper und Kopf des Mannes.

13. Januar 2018

In Burglesum gerät morgens um 7 Uhr ein 25-Jähriger in einer Gaststätte in Streit mit einer Personengruppe. Er wird zu Boden geschlagen und mehrfach gegen den Kopf getreten. Der Mann verliert kurzzeitig das Bewusstsein und muss umgehend in eine Klinik eingeliefert werden.

18. November 2017

In einer Diskothek an der Hillmannstraße geraten gegen 3 Uhr nachts zwei junge Männer in Streit. Ein 21-Jähriger wird mit einem Glas zu Boden geschlagen. Sein 19-jähriger Kontrahent tritt den am Boden liegenden mehrfach gegen den Kopf.

4. November 2018

Ein 29-Jähriger wird um 2 Uhr nachts in der Hermann-Böse-Straße hinterrücks von einem Räuber-Trio überfallen. Sie attackieren ihn mit Faustschlägen, Sprüngen gegen den Rücken und Tritten gegen den Kopf. Anschließend rauben sie ihm seine Papiere und sein Mobiltelefon.

1. November 2017

Vier junge Männer, zwischen 15 und 24 Jahre alt, schlagen nach einer verbalen Auseinandersetzung um 22.10 Uhr in Kattenturm einen 20-Jährigen nieder und verletzen ihn mit Tritten gegen den Kopf schwer.

21. September 2017

Bei einer Schlägerei vor einem Schnellrestaurant am Breitenweg wird ein 23-Jähriger um 3 Uhr nachts von vier Personen zu Boden gebracht. Sie treten ihm mehrfach gegen den Kopf und flüchten dann Richtung Rembertiring.

13. September 2017

Zwei Brüder, 60 und 54 Jahre alt, geraten um kurz vor 23 Uhr in Osterholz in Streit. Der Ältere sitzt zunächst auf dem Rücken seines reglos am Boden liegenden Bruders. Dann steht er plötzlich auf und tritt dem Jüngeren gegen den Kopf.

14. August 2017

In Burglesum geraten gegen 16 Uhr zwei Männer wegen einer Frau mit einem 53-Jährigen in Streit. Das Opfer wird niedergeschlagen. Mit mehreren Tritten gegen seinen Kopf verletzen die Täter den Mann so schwer, dass er im Krankenhaus notoperiert werden muss.

16. Juli 2017

Auf der Bürgerweide geraten am Sonntagnachmittag auf einem Flohmarkt zwei 47 und 57 Jahre alte Männer in Streit. Bei der anschließenden Auseinandersetzung wird der Ältere durch mehrere Tritte gegen den Kopf schwer verletzt.

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