Flüchtlinge ziehen oft an den Rand der Stadt Wo Bremen wächst

Ohne Zuwanderung wäre Blumenthal geschrumpft – so wie viele Gebiete in Bremen-Nord. Doch dann kamen die Flüchtlinge, Allerdings ist das Wachstum nicht überall gleich stark.
14.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wo Bremen wächst
Von Sara Sundermann

Ohne Zuwanderung wäre Blumenthal geschrumpft – so wie viele Gebiete in Bremen-Nord. Doch dann kamen die Flüchtlinge, Allerdings ist das Wachstum nicht überall gleich stark.

„Ich bin Optimist“, sagt Peter Nowack. „Blumenthal ist auf einem guten Weg.“ Mehr als 1900 ausländische Einwohner sind laut Melderegister im Stadtteil des Blumenthaler Ortsamtsleiters in den vergangenen zwei Jahren hinzugekommen.

Ohne Zuwanderung wäre Blumenthal geschrumpft – so wie viele Gebiete in Bremen-Nord, die Einwohner verloren, seit große Arbeitgeber im Bremer Norden verschwanden: die Vulkan-Werft, die Bremer Wollkämmerei, die Norddeutsche Steingut. Doch zuletzt schrumpfte Blumenthal nicht länger, sondern wuchs – durch Flüchtlinge.

Ungerechte Aufteilung auf die Stadtteile

Aber längst nicht überall ist Bremen zuletzt so kräftig gewachsen wie in Blumenthal und auch in Vegesack. In anderen Stadtteilen, zum Beispiel in Borgfeld oder in Findorff, sind seit 2014 jeweils weniger als 300 ausländische Einwohner hinzugekommen.

Eine ungerechte Verteilung von Flüchtlingen, die Stadtteile wie Blumenthal oder Vegesack vor ungleich größere Anforderungen stellt als andere? „Wir haben da große Aufgaben, aber wir schaffen das schon, der Blumenthaler an sich ist zäh“, sagt Peter Nowack.

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Er gibt aber auch zu bedenken, dass Flüchtlingsfamilien oft allein aufgrund des Wohnungsmarktes in Brennpunktgebieten landen: "In Lüssum hatten wir etwa 100 große, leer stehende Wohnungen. Die waren in schlechtem Zustand, waren aber günstig und begehrt, denn es gibt kaum größere Wohnungen mit über 100 Quadratmetern – die wurden dann vor allem von Flüchtlingsfamilien mit vielen Kindern bezogen." Dass Flüchtlingsfamilien im Brennpunkt landen, gibt es auch in Vegesack, erzählt Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt: "Rund 100 Wohnungen in der Großsiedlung Grohner Düne waren bis vor einiger Zeit aus Brandschutzgründen gesperrt. Nachdem der Brandschutz verbessert und die Wohnungen wieder nutzbar waren, sind dort viele größere Familien aus Syrien und dem Libanon eingezogen." Dadurch gab es innerhalb eines Vierteljahres 200 bis 300 neue Bewohner im Quartier: „Das stellt hohe Anforderungen an die benachbarte Kita und die Schule nebenan."

Auch Nowack sagt: „Wir müssen mehr für Integration tun.“ Nun werde in Blumenthal endlich wieder mehr gebaut, nicht nur für Flüchtlinge, auch für einheimische und wohlhabende Familien. „Man hat lange gedacht, man braucht das nicht. Blumenthal war immer weit weg“, sagt er.

Blumenthal und Vegesack sind nur zwei der Stadtteile, die zuletzt einen deutlichen Zuwachs ausländischer Bewohner erlebten. Die Daten des Melderegisters zeigen: Bremen wächst – und zwar durch Flüchtlinge. Dabei ist das Wachstum nicht überall gleich stark. Zwar sind Flüchtlinge über das gesamte Stadtgebiet verteilt, aber nicht in gleichem Maße. Neben Vegesack und Blumenthal legten auch Gröpelingen, Walle, Hemelingen und Huchting überproportional zu. Dort kamen seit 2014 jeweils mehr als 1300 ausländische Einwohner hinzu. In der Östlichen Vorstadt, wo es nur ein einziges Flüchtlingswohnheim gibt, kamen dagegen keine ausländischen Einwohner hinzu, die Bevölkerung sank leicht. Die Östliche Vorstadt sei gut für Integration geeignet, aber leider dicht besiedelt – hier gab es deshalb wenig freien Raum für Flüchtlingsunterkünfte, sagt Ortsamtsleiterin Hellena Harttung.

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Flüchtlingsheime prägen Bremen langfristig

In Zeiten des großen Flüchtlingszuzugs 2015 war man in Bremen froh, nach und nach überhaupt genug Flüchtlingsunterkünfte einrichten und allen ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Nun wird erkennbar, wie die Standorte dieser Flüchtlingsheime Bremen langfristig prägen. „Kinder aus Flüchtlingsfamilien kommen oft schon während der Zeit im Wohnheim in die Kita oder in die Schule, deshalb wollen die Eltern oft später in der Nähe bleiben“, sagt Stadtplaner Tom Lecke-Lopatta aus der Baubehörde. Und oft wollten Familien direkt nach der Flucht nicht noch einmal den Stadtteil wechseln. „Deshalb ist die Lage der Flüchtlingseinrichtungen für die Stadtentwicklung von höchster Bedeutung.“

In Vegesack gibt es der Sozialbehörde zufolge derzeit rund 1000 Plätze für Flüchtlinge, in Mitte wird es demnächst ebenfalls 1000 Plätze geben. In Osterholz gibt es 800 Plätze, in Hemelingen 700 Plätze, weitere 300 sind im Entstehen. Weshalb entstanden gerade in Randstadtteilen viele Flüchtlingsunterkünfte? Oft war von zentraler Bedeutung, wo überhaupt größere Gebäude leer standen und schnell bewohnbar gemacht werden konnten, sagt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde: „Verfügbare Räume waren ein wichtiges Kriterium.“ Das gelte auch für Wohnungen, die Flüchtlinge nach der Zeit im Wohnheim bezogen: Prinzipiell würden für Flüchtlinge – wie für andere Sozialleistungsempfänger – auch etwas höhere Mieten in teureren Vierteln vom Amt übernommen. Doch Flüchtlinge zögen vor allem dorthin, wo sie schnell freie Wohnungen fänden, sagt Schneider.

Doch wenn das der Hauptgrund für die ungleiche Verteilung sein sollte – weshalb gab es an den Rändern Raum und im Zentrum oft nicht? Dass zuletzt gerade in Randstadtteilen Wohnungen und Gebäude frei waren, habe mit soziologischen Trends zu tun, sagt Lecke-Lopatte. Zum einen seien Bremer, die ins Umland abwanderten, zuletzt oft aus Randgebieten fortgezogen – ihre Wohnungen wurden frei. Zum anderen gebe es seit etwa zehn Jahren den Trend, wieder innenstadtnah zu wohnen. Dies führe dazu, dass zentrale Stadtteile wie die Östliche Vorstadt oder die Neustadt sehr dicht besiedelt und begehrt seien.

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