Stephan Schlenker im Interview "30 Prozent der Schüler haben Probleme"

Blumenthal. 30 Prozent der Bremer Grundschüler können nicht richtig sprechen. Darauf macht der Schönebecker Bürgerschaftsabgeordnete Stephan Schlenker (Grüne) aufmerksam.
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Von Patricia Brandt

30 Prozent der Bremer Grundschüler können nicht richtig sprechen. Darauf macht der Schönebecker Bürgerschaftsabgeordnete Stephan Schlenker (Grüne) aufmerksam. Im Gespräch mit Patricia Brandt erläutert der frühere Lüssumer Kinderarzt, warum seine Fraktion jetzt gemeinsam mit der SPD in benachteiligten Stadtteilen Reklame für die Kindergärten der Stadt machen will.

Herr Schlenker, was würden Sie sagen, haben Bremer Schüler eher ein Problem mit dem Sprechen oder dem Schreiben?

Stephan Schlenker: Mehr Probleme mit dem Sprechen würde ich sagen. Wenn ich nicht gut sprechen kann, fehlt mir die Teilhabe an der Schule und dann kann ich letztlich auch nicht so gut schreiben. Sprache ist das erste Instrument um zu kommunizieren. Deshalb ist es wichtig, bei der Sprache anzusetzen.

Wie hoch ist der Bedarf an Sprachförderung in Bremen-Nord?

Nach der jüngsten Untersuchung des Gesundheitsamtes in Bremen können im Schnitt 30 Prozent der Erstklässler nicht richtig gut sprechen. Das ist übrigens keine neue Zahl. Die Zahl derjenigen, die keinen Schulabschluss haben, steht am Schluss in Korrelation zu der von denen, die eingangs nicht richtig sprechen konnten.

Während der ersten Bremer Armutskonferenz Ende November hieß es, dass in Blumenthal sogar 37 Prozent der Kinder einen Bedarf an Sprachförderung haben.

Auch das ist eine schreckliche Zahl. Ähnlich hoch liegt sie in Osterholz-Tenever. Besonders in sozialen Brennpunkten haben wir zunehmend erhebliche Sprachdefizite und zwar nicht nur bei Migrantenkindern, sondern auch bei deutschen Kindern.

Warum greift die Schule nicht ein?

Das sollte die Schule tun. Aber die Sache ist die: In der Schule ist es dafür zu spät. Sprache entsteht schon im Mutterleib. Das Singen und Sprechen der Mutter bekommt das Baby im Bauch mit. Sprachentwicklung findet zwischen dem nullten und vierten Lebensjahr statt. Wenn aber das Fernsehen der Babysitter ist, dann entsteht keine Notwendigkeit, zu kommunizieren. Das Kind sieht die Bilder und reagiert darauf. Wenn Sprachentwicklung fehlt, müssen Sie hinterher große Anstrengungen unternehmen, die viel Geld kosten, damit die Kinder noch das Sprechen lernen. Und das hat nichts mit fehlender Intelligenz zu tun.

Was sollen Eltern tun, um ihre Kinder zu unterstützen?

Wenn das Baby lallt, zurück lallen. Sie werden sehen, wie sich seine Mimik verändert, wie es lächelt. Viel vorlesen, Geschichten erzählen und viel auch mit anderen Kindern reden lassen.

Das hört sich nicht allzu schwer an. Warum klappt das in 37 Prozent der Fälle in Blumenthal nicht?

Ich hasse es, wenn immer mit dem Finger auf Blumenthal gezeigt wird. Schreiben Sie lieber von benachteiligten Stadtteilen, sonst will dort niemand mehr hinziehen. Es beginnt mit fehlender Facharztberatung und ungewollten Schwangerschaften. Die Familien haben ein Meer von Kindern. Die Kinder überfordern ihre Eltern total. Es gibt in benachteiligten Stadtteilen Kinder, die die ganze Zeit in der Wohnung und vor dem Fernseher oder anderen IT-Geräten sitzen. Wer nicht lernt, über eine Pfütze zu springen, der hat keine Raumwahrnehmung. Dem fehlt es später an mathematischen Fähigkeiten.

Das sind aber nicht die Kinder, die in den Kindergärten der Stadt zu finden sind, oder?

Es ist ein Problem, dass der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz in den edlen Stadtteilen massiv nachgefragt wird, in benachteiligten Stadtteilen dagegen kaum. In Schwachhausen werden 60 Prozent der unter Dreijährigen versorgt, in Blumenthal gehen gerade einmal 28 bis 30 Prozent der Kinder in die Kita. SPD und Grüne wollen jetzt dafür Werbung machen, dass Eltern ihre Kinder in die Kita bringen – auch wenn sie keine Arbeit haben. Wir werden dazu einen Antrag in der Bremischen Bürgerschaft einreichen. Irgendwann wird sich rumsprechen, dass Kinder sich in ihrer Sprache gut entwickeln können, wenn sie die Kita besuchen.

Was können die Schulen noch tun, um Schulabbrüche zu verhindern?

Es gibt Schulen in Bremen, die versuchen schon jetzt über leichte Sprache Naturwissenschaften zu unterrichten. Leichte Sprache soll es auch Menschen mit Behinderungen ermöglichen, komplizierte Sachverhalte zu verstehen. Aus einem Parlament würde im Unterricht dann eine Gemeinschaft von Menschen, die einen Willen haben. Oder aus dem Wort ’fokussieren’ würde dann ein ’ins Bewusstsein bringen’. Bei den Lehrern beginnt im Rahmen der Inklusion ein Umdenken. Vielleicht hilft das auch, das Problem der fehlenden Sprache besser anzugehen.

Zur Person: Stephan Schlenker (69) war nahezu 30 Jahre als Kinderarzt in Lüssum tätig. Der Schönebecker engagiert sich heute für die Grünen in der Bürgerschaft.

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