Blick in Blumenthaler Haushaltsplan von 1907 / Rascher Wandel vom Bauerndorf zum modernen Industriestandort 500 Mark Jahresmiete für vier Amtstuben

Die Straßenbeleuchtung kostete jährlich 6000 Mark, der Bürgermeister verdiente per anno 4000 Mark, und ein Lehrer verzeichnete ein Jahreseinkommen von 1200 Mark: Eine während Renovierungsarbeiten am Rathaus gefundene Kassette aus Kupfer gibt aufschlussreiche Einblicke in den Blumenthaler Haushaltsplan der Jahre 1907 und 1908.
24.07.2013, 05:00
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Von Ulf Fiedler

Die Straßenbeleuchtung kostete jährlich 6000 Mark, der Bürgermeister verdiente per anno 4000 Mark, und ein Lehrer verzeichnete ein Jahreseinkommen von 1200 Mark: Eine während Renovierungsarbeiten am Rathaus gefundene Kassette aus Kupfer gibt aufschlussreiche Einblicke in den Blumenthaler Haushaltsplan der Jahre 1907 und 1908.

Blumenthal. Bei der im Jahr 1908 erfolgten Grundsteinlegung des Blumenthaler Rathauses war ein Kupferbehälter mit ins Fundament eingemauert worden. In der Kassette befanden sich Zeitungen, Münzen und andere zeitgenössische Dokumente. Besonders aufschlussreich erweist sich der komplette Haushaltsplan der Gemeinde Blumenthal für 1907/08.

Bei Sanierungsarbeiten an der Rückseite des Rathauses stießen Handwerker nun auf diese Kupferkassette. Nicht alle Blätter sind ohne Feuchtigkeitsschäden davongekommen. Gut erhalten dagegen sind fast alle Kanzleiblätter, auf denen Gehälter, Mieten und andere Kosten der Verwaltung aufgeführt sind. Eine wahre Fundgrube, wenn man die früheren und heutigen Kosten vergleicht.

Aus dem einstigen Schiffer- und Bauerndorf Blumenthal war innerhalb weniger Jahre eine moderne Industrieortschaft geworden. Bis zum Bau des Rathauses waren Gemeindebüro, Gemeindekasse und Standesamt in 25 bis 30 Quadratmeter großen Privaträumen des Hauses Ebberfeld untergebracht.

Als weitere notwendige Maßnahme mietete die Gemeinde zusätzlich vier Räume in der gegenüberliegenden Bäckerei Warncke an. Die Kosten dafür fielen gering aus. Der Haushaltsplan von damals weist für die jährliche Miete sowie für Reinigung, Heizung und Beleuchtung 500 Mark aus. Dazu in der Außenspalte den Vermerk: "Die Hälfte trägt das Standesamt."

Als Bürgermeister Karl Kürten 1907 sein Amt antrat, trieb er den Ausbau in ein angemessenes Verwaltungsgebäude energisch voran. Der alte Zustand war unhaltbar. Das stetige Wachstum der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) mit ihrem Bedarf an Arbeitskräften überforderte die kleinen Gemeinden. Sie gaben die Verantwortung für Infrastrukturmaßnahmen an Blumenthal ab. Durch die Eingemeindung des Dorfes Flethe und Lüssum (1907) sowie die bereits eingeleitete Übernahme von Rönnebeck und Bockhorn (beide 1908) war Blumenthals Bevölkerung von ehemals 3696 Einwohnern auf über 10300 Personen angewachsen.

Die kommunalen Aufgaben wuchsen in erheblichem Umfang. Wohnungen, Straßen, Schulen und Wasserversorgung erreichten eine bedrohliche Dimension. Dringend war vor allem der Wohnungsbau. "Im Augenblick", schrieb Landrat Berthold damals an seine vorgesetzte Dienststelle in Stade, "befinden sich Blumenthal und Umgebung in einer Art Taumel von Grundstücksspekulationen. Es werden Preise gefordert und bezahlt, die kürzlich noch als völlig schwindelhaft gegolten hätten."

Hier hatte auf Betreiben des Landrats die Gründung eines Spar- und Bauvereins bereits deutliche Zeichen gesetzt. Der Verein entwickelte zwei Haustypen, die zwischen 3000 und 3600 Mark kosteten. Wobei ein großes Gartenland mit eingeplant war, um sich weitgehend selbst versorgen zu können. Für die neuen Hausbesitzer waren jährlich 200 Mark abzutragen. Der größere Haustyp bot ein zusätzliches Zimmer für einen Mieter, der den Abtrag erleichterte.

Bei den Zahlen des kommunalen Haushaltsplans muss man sich immer wieder vergewissern, dass es sich um Summen aus dem Jahr 1907 handelt. Für das ganze Jahr kostete die Straßenbeleuchtung 6000 Mark. Etliche Lampen wurden elektrisch betrieben, nur einige in den Außenbezirken mit Petroleum versorgt.

Es war nicht nur die Zunahme der Bevölkerung, verursacht durch die Bremer Woll-Kämmerei, die schnelle Entscheidungen erforderte. Die Tatsache, dass die meisten Zuwanderer katholisch waren, bedingte den Bau einer katholischen Schule in der Fresenbergstraße. Entsprechend mussten auch Lehrkräfte eingestellt werden. Die Gehälterliste im Haushaltsplan machte keine konfessionellen Unterschiede. Ein Lehrer verdiente jährlich 1200 Mark plus 200 Mark Wohnungsgeld und Zulagen für längere Dienstzeiten. Eine Lehrerin wurde mit 1000 Mark und 200 Mark Wohnungsgeld vergütet.

Damaliger Stundenlohn 38 Pfennige

An der Spitze der Gehaltsliste steht dabei Bürgermeister Karl Kürten mit 4000 Mark. Um den Wert der Gehälter einschätzen zu können, spielt allerdings die damalige Kaufkraft eine entscheidende Rolle. 1906 kostete ein Pfund Rindfleisch zum Beispiel 89 Pfennige. Elektrischer Strom musste mit 50 Pfennigen je KW/h gekauft werden. Ein Ei musste man im Schnitt für 6,6 Pfennige erwerben.

Zu dieser Zeit erhielt ein tüchtiger Arbeiter in der Bremer Woll-Kämmerei einen Stundenlohn von 38 Pfennigen. Ein Meister dagegen fing mit einem Grundgehalt von 1500 Mark an. Für die Meister hatte die BWK im unteren Ende der George Albrecht Straße die sogenannten Meisterkasernen gebaut. Ein Mieter zahlte dort für eine komplette Wohnung jährlich 200 Mark.

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