Interview mit Wolfgang Geißler

„Alle zahlen ein und können einsteigen.“

Mit Bus oder Bahn unterwegs - ohne Ticket? Diese Vision hat die Initiative „Einfach einsteigen“. Wie das geht, erläutert Wolfgang Geißler im Interview. Am Mittwochabend spricht er außerdem in Farge.
07.05.2019, 17:26
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum
„Alle zahlen ein und können einsteigen.“

Kostenumlage beim ÖPNV: Wolfgang Geißler setzt sich in der Initiative "einfach einsteigen" dafür ein, dass der Nahverkehr für alle nutzbar ist.

Herr Geißler, seit wann gibt es in Bremen die Debatte um einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV)?

Wolfgang Geißler: Die Debatte gibt es seit den 70er-Jahren, scheiterte jedoch immer an der Finanzierung. Zudem mangelte es immer an einem schlüssigen Konzept. Deshalb haben wir überlegt, wie ein umlagefinanzierter, ticketloser Nahverkehr in Bremen aussehen könnte. Dabei vermeiden wird das Wort „kostenlos“, weil das Ganze defacto nicht kostenfrei ist.

Wer verbirgt sich hinter dem Wort „wir“?

Wir sind eine Initiative aus zehn größtenteils ehrenamtlich Aktiven. Im Herbst 2018 haben wir für unsere Kampagne „Einfach einsteigen!“ eine Förderung in Höhe von 15 000 Euro von der bundesweit aktiven „Bewegungsstiftung“ in Verden bekommen. Dahinter stecken 800 Stifter, die sich für ökologische und soziale Projekte stark machen. Außerdem akquirieren wir Spendengelder und wollen im Jahr 2020 eine internationale Konferenz ausrichten.

Gibt es hierzulande schon Vorbilder für das Projekt „Einfach einsteigen“ ?

In Deutschland nicht wirklich. Aber Talinn in Estland hat 400 000 Einwohner, und der ÖPNV ist dort kostenlos – allerdings steuerfinanziert.

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Und das wäre auch in Bremen denkbar?

Nein, das lässt sich in Bremen nicht übernehmen, da Bremen nicht über ausreichend freie Mittel im Haushalt verfügt. Zudem hat Bremen nur einen Nahverkehrsanteil von 16 Prozent. Für eine Großstadt ist das extrem wenig. Vergleichbare Städte wie Leipzig, Düsseldorf oder Frankfurt am Main sind immerhin bei 25 bis 30 Prozent, Berlin sogar bei 40 Prozent.

Und das liegt nicht an den U-Bahnen. In Bremen ist das Angebot nicht so gut wie in anderen Städten. Deshalb muss hier auch mehr Geld für den ÖPNV ausgegeben werden. Wir wollen das Gesamtvolumen des ÖPNV in Bremen um 30 Prozent steigern. Dafür müssen aber die Angebote quantitativ und qualitativ verbessert werden.

Was meinen Sie damit?

Tarifzonen, Ticketautomaten oder überfüllte Fahrzeuge schrecken die Menschen ab. Die Nutzung hängt nicht nur von den Ticketpreisen ab. Das Fahren mit dem ÖPNV muss angenehm sein. Wir wollen die Aufenthaltsqualität verbessern durch bessere Sitze, freies WLAN und Sauberkeit. Entsprechendes Personal ist natürlich nötig. Fahrschein-Kontrolleure könnten womöglich anders eingesetzt werden.

Was bedeutet das Konzept für Bremen-Nord?

Es war ein Kraftakt, dass Bremen-Nord dieselbe Tarifzone wird. Bremen und Bremen-Nord müssen nun noch näher zusammenwachsen. Dafür ist die Mobilität ein wichtiger Faktor. Mit unserem Konzept soll die Anbindung weiter verbessert werden. Die Expertise, wo welcher Takt verdichtet oder eine Linie neu etabliert werden muss, liegt an dieser Stelle bei den Verkehrsbetrieben.

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Gibt es irgendwo akute Engpässe?

Probleme bereiten definitiv jene Strecken, die schon jetzt viel befahren sind. Schwierig ist beispielsweise die Strecke zwischen Domsheide und Universität. Im Technologiepark arbeiten viele Menschen, die am Bahnhof aus Richtung Hamburg ankommen und dann per Bus oder Bahn zur Arbeit fahren. Anbieten würde sich für diese Pendler ein Halt des Metronoms an der Universität, da er hier ohnehin vorbeifährt.

Wie soll „Einfach einsteigen“ finanziert werden?

Die aktuellen ÖPNV-Kosten für die BSAG, die Nordwestbahn, die Regionalbusse und die Deutsche Bahn Regio belaufen sich in Bremen jährlich auf rund 181 Millionen Euro. 106 Millionen Euro werden über Ticketverkäufe finanziert, 75 Millionen sind Subventionen aus dem Bremer Haushalt.

Auf die Gesamtsumme haben wir nun 30 Prozent für die geplante Angebotsverbesserung aufgeschlagen. Eine Hälfte der Gesamtkosten sollen die Bremer und die Einpendler mit monatlich 19,11 Euro bezahlen, die andere soll die Bremische Wirtschaft finanzieren. Auf die Citytax für Touristen werden außerdem pro Übernachtung drei Euro für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel aufgeschlagen.

Wenn die Bremischen Firmen 50 Prozent der Kosten zahlen, werden sie auch ihren Anspruch auf eine zügige Anbindung geltend machen, zumal sie andernfalls weiterhin Parkplätze für die Belegschaft vorhalten müssen.

Das stimmt. Eine bessere Anbindung der Betriebe und eine Reduktion der Auto fahrenden Pendler ist unser erklärtes Ziel. Dafür würde unser Modell die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Generell wird die Bremische Wirtschaft massiv von unserem Modell profitieren, da eine gute Infrastruktur und Bremen als moderne ökologische Stadt ein wichtiger Faktor bei der Konkurrenz um Fachkräfte sind.

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Protestieren könnten auch die Wochenend-Touristen, die sich gar nicht per Bus oder Bahn bewegen wollen. Da sind drei Euro täglich ganz schön happig…

Es gibt immer Menschen, die nicht direkt profitieren. Sie werden sich aber über weniger Autos, Verkehrslärm und Abgase freuen.

Doppelt profitieren würden im Gegenzug Reisegruppen, die per Zug anreisen und nicht in der Stadt übernachten…

In diesem Fall zahlen die externen Verkehrsunternehmen einen Anteil, der in unserem Konzept vorgesehen ist. Grundsätzlich kann jeder gratis einsteigen. Der Aufwand, diese Menschen im Einzelnen zu kontrollieren, wäre zu aufwendig und die Anzahl derer, die sich in das System ‚einschleichen‘, wird sehr gering sein.

Im Übrigen ist auch die Anzahl der Touristen im ÖPNV sehr klein. Wichtiger sind die Pendler. Und die sind über den Arbeitsplatz identifizierbar. Lediglich freiberufliche Einpendler aus dem Umland sind ein Problemfall, der in der Umsetzung noch bedacht werden muss.

Haben Sie über das Konzept schon mit der Bremer Straßenbahn AG gesprochen?

Vor knapp einem Jahr. Die stehen dem Ganzen positiv gegenüber. Tariferhöhungen werden der BSAG ja immer zur Last gelegt, deshalb gibt es da durchaus Sympathie für das Konzept. Da die Ticketpreise schon jetzt hoch sind und die Haushaltskassen leer, bietet sich die paritätische Finanzierung an, wie sie bereits aus den Sozialversicherungssystemen in Deutschland bekannt ist. Alle zahlen ein, das Angebot wird verbessert, und alle können einfach einsteigen.

Woran mangelt es jetzt konkret?

Die Frage ist, ob sich die Politik traut, groß zu denken und eine Umlage einzuführen, die eine wirkliche Verbesserung des Nahverkehrs ermöglicht und es den Menschen ermöglicht einfach einzusteigen. Der Zeitplan wäre eine Einführung in vier bis fünf Jahren, in denen man Strecken ausbauen und neue Fahrzeuge anschaffen könnte. Das gilt auch für Bremen-Nord.

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Das Gespräch führte Imke Molkewehrum.

Info

Zur Person

Wolfgang Geißler (33) ist Politikwissenschaft und Vorstandsmitglied im Verein „Einfach einsteigen“. Dessen Ziel ist der umlagefinanzierte, ticketlose Nahverkehr.

Info

Zur Sache

Vortrag in Farge

„Einfach einsteigen -Umlagefinanzierter Nahverkehr“ lautet der Titel des Vortrags, den Wolfgang Geißler an diesem Mittwoch, 8. Mai, um 15 Uhr im Begegnungszentrum des Vereins aktive Menschen Bremen (Ameb) in Farge, Farger Straße 136, hält. Veranstalter ist „Die Universität der 3. Generation“, ein Bildungsprojekt der Arbeiterwohlfahrt. Anmeldung: 0421 / 790257 oder 0421 / 682385. Eintritt frei.

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