Beratung für Geflüchtete Für ein gutes Ankommen im Quartier

Abir Sandawi arbeitet seit 1. März in der Lüssumer Beratungsstelle „Ankommen im Quartier“. Sie unterstützt Geflüchtete nach dem Umzug in eine eigene Wohnung in allen Alltagsfragen.
20.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Für ein gutes Ankommen im Quartier
Von Julia Ladebeck

Lüssum-Bockhorn. Viele Menschen im Quartier haben sie schon sehnsüchtig erwartet. Als Abir Sandawi Anfang März ihren neuen Job in der Beratungsstelle „Ankommen im Quartier“ im Haus der Zukunft angetreten hat, gab es bereits eine lange Liste mit Anfragen. „Ich habe die dann erst einmal nach Dringlichkeit sortiert und sofort die ersten Termine vereinbart“, erzählt die Sozialarbeiterin. Ihre Aufgabe: Sie berät und unterstützt Geflüchtete nach dem Auszug aus einem Übergangswohnheim in eine eigene Wohnung in allen Alltagsfragen.

Dementsprechend breit gefächert sind die Themen, mit denen die Bewohnerinnen und Bewohner zu ihr kommen: Es geht um Gesundheit, Bildung, materielle Existenzsicherung, Alphabetisierungs-, Sprach- und Integrationskurse, Arbeit und Ausbildung, Wohnung und Angebote für Kinder. „Hauptsächlich berate ich Familien“, sagt Abir Sandawi und nennt Beispiele: „Die Leute kommen mit Briefen von ihrem Vermieter, von der Kita, vom Jobcenter und mit Betriebskostenabrechnungen, weil sie dazu Fragen haben.“ Dabei geht es nicht ausschließlich um sprachliche Barrieren, sondern auch um inhaltliche Verständnisschwierigkeiten. Denn vieles ist für die Neuankömmlinge noch unbekannt.

Dass Menschen, die neu in einem fremden Land leben, Hilfe bei der Orientierung benötigen, kann die Sozialarbeiterin gut nachvollziehen: Mit der Situation hat sie selbst Erfahrungen. Die in Bremen geborene und aufgewachsene 43-Jährige lebte zehn Jahre lang in Israel und sprach zu Beginn ihres Aufenthaltes dort kein Wort Hebräisch. Das änderte sich jedoch im Laufe der Zeit und dadurch erweiterte sie ihren Sprachschatz, der zuvor bereits Deutsch und Englisch sowie ihre Muttersprache Arabisch umfasste. „Es geht zu Beginn um die einfachsten Dinge, von denen man nicht weiß, wie sie in dem Land laufen. Man kommt sich manchmal dumm vor.“

Zu Lüssum und Bremen-Nord hatte Abir Sandawi, die in der Neustadt wohnt, bisher keinen Bezug. Derzeit lernt sie den Stadtteil, die Menschen, ihre Kollegen und das Umfeld näher kennen. „Ich bin noch dabei, mich zu vernetzen.“ Schon nach den ersten Wochen hat sie aber bereits einen positiven Eindruck gewonnen. „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier auffallend freundlich sind. Man grüßt sich auf der Straße und es ist nicht so anonym. Ich fühle mich schon jetzt nicht mehr fremd, obwohl ich noch neu bin.“

Anders als der Ort ist der Aufgabenbereich für die 43-Jährige, die einen abwechslungsreichen Lebenslauf hat und schon in mehreren Berufen tätig war, nicht ungewohnt. In der sozialen Arbeit hat sie bereits viel Erfahrung. Nachdem die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau und Mutter von zwei Kindern aus Israel nach Bremen zurückkehrt war, studierte sie soziale Arbeit.

Ihre erste Station nach dem Abschluss war eine Kriseneinrichtung für Mädchen. Dann wechselte sie ins Amt für Soziale Dienste, wo sie zuerst im Kinder- und Jugendnotdienst und später dann als kommissarische Leiterin der Bremer Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Ausländer arbeitete. Als die Innere Mission die Einrichtung als Trägerin übernahm, wurde sie zunächst Abschnittsleiterin und schließlich auch stellvertretende Referatsleiterin im Erstversorgungsteam für unbegleitete minderjährige Ausländer. Zusätzlich war sie mehrere Jahre Sozialraumkoordinatorin im Bremer Osten und hatte dabei unter anderem die Aufgabe, im Quartier Träger sozialer Aufgaben miteinander zu vernetzen.

Bevor sie sich für die Stelle in Lüssum entschied, machte sie noch einen beruflichen Schlenker in ein ganz anderes Berufsfeld. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und eineinhalb Jahre als Rettungssanitäterin gearbeitet“, erzählt Sandawi. „Vorher war ich ehrenamtlich im Rettungsdienst bei den Maltesern in Huchting. Nach einer Zusatzausbildung habe ich dann eineinhalb Jahre lang hauptberuflich in dem Bereich gearbeitet.“ Obwohl ihr der Job gefallen hat, ist sie nun aus persönlichen Gründen in ihr vorheriges Berufsfeld zurückgekehrt.

Schon das erste Gespräch mit Quartiersmanagerin Heike Binne machte sie neugierig auf die Arbeit im Haus der Zukunft, erzählt sie. „Mich haben die vielfältigen Hilfsangebote für verschiedene Generationen unter einem Dach beeindruckt.“ Auch die breite fachliche Kompetenz, die hier angesiedelt ist und für kurze Wege sorgt, gefällt der Sozialarbeiterin. Auf die kann sie im Zweifelsfall auch selbst schnell zurückgreifen.

In ihren Beratungen vermittelt sie bei Bedarf ebenfalls an Experten. „Ich möchte zunächst einmal das Vertrauen der Leute gewinnen. Sie sollen wissen, dass sie grundsätzlich mit allem herkommen können und dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.“ Auch deshalb nimmt sie sich, obwohl der Bedarf groß ist, für jede Beratung ausreichend Zeit. „Mir ist wichtig, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen.“

Info

Zur Sache

Beratungsstellen für Geflüchtete

Die beiden Angebote „Ankommen im Quartier“ (AiQ) und „Unterstützung im Quartier“ (UiQ) unterscheiden sich inhaltlich nicht. 2016 wurden zunächst in acht Quartieren, in denen viele Geflüchtete eine Wohnung gefunden haben, AiQ-Stellen eingerichtet. Zusammen mit der Inneren Mission wurden dann noch drei weitere Beratungsstellen als „Unterstützung im Quartier“ (UiQ) geschaffen, unter anderem in Grohn. Hintergrund war der erhöhte Beratungsbedarf in allen Alltagsfragen nach dem Auszug aus einem Übergangswohnheim in eine eigene Wohnung. Die Beraterinnen und Berater sind beschäftigt beim Amt für Soziale Dienste (AiQ) oder bei der Inneren Mission (UiQ). In Bremen-Nord gibt es zwei Beratungsstellen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von AiQ und UiQ sind für Flüchtlinge erste Ansprechpartner in allen Lebenslagen – von der Orientierung für die Anmeldung in Schule und Kindergarten, die Korrespondenz mit Behörden bis hin zu beruflichen Themen. Sie kooperieren mit Institutionen vor Ort, wie Quartierszentren, Beratungsstellen, Sprachmittlern sowie Ehrenamtlichen. Wegen des zusätzlichen Beratungsbedarfs vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wurden die bisherigen elf halben Stellen ab März bis zum Ende dieses Jahres auf volle Stellen aufgestockt.

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