Vor 40 Jahren ging das Klärwerk Farge ans Netz / Täglich werden 16 000 Kubikmeter Abwasser gereinigt Biofilter halten den Mief in Grenzen

Vor 40 Jahren ist das Klärwerk in Farge gebaut worden. Bürgerproteste begleiteten die Bauarbeiten an der Weser. Die Menschen aus dem Ort fürchteten den Gestank, den das Projekt mit sich bringen würde. Heute, vier Jahrzehnte später, sorgt ein Biofilter für frische Luft am Weserdeich. Zwischendurch wurde hier auch schon mit Parfum experimentiert.
08.07.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Biofilter halten den Mief in Grenzen
Von Patricia Brandt

Vor 40 Jahren ist das Klärwerk in Farge gebaut worden. Bürgerproteste begleiteten die Bauarbeiten an der Weser. Die Menschen aus dem Ort fürchteten den Gestank, den das Projekt mit sich bringen würde. Heute, vier Jahrzehnte später, sorgt ein Biofilter für frische Luft am Weserdeich. Zwischendurch wurde hier auch schon mit Parfum experimentiert.

Farge. 1973 wurde im damals nagelneuen Klärwerk der Startknopf gedrückt. Die 40-jährige Geschichte des örtlichen Klärwerks ist vor allem eine Geschichte der Technikentwicklung. Eine der energiereichsten Einrichtungen der Stadt produziert inzwischen die Hälfte ihres Stroms für den Betrieb der Anlage selbst. Raffinessen wie Wärmegewinnung aus Abwasser gab es aber auch in den Neunzigerjahren schon: das benachbarte Hotel Meyer-Farge soll seine Heizung zwischenzeitlich mit Erzeugnissen der Kläranlage betrieben haben.

Das Hotel ist von der Anlage aus zu sehen, wie der Weserdeich mit seinen Spaziergängern. Davor liegen die Vorklärbecken, wo die Fäkalien gefiltert werden. Gerade dröhnt hier der Motor eines 14-Meter-Krans. Ein Mitarbeiter dirigiert den Kranführer per Handzeichen. Der Kran soll eine defekte Tauchpumpe aus dem Becken ziehen. Der braune, verkrustete Schlamm darinnen erinnert ans Wattenmeer. Statt einer frischen Brise hängt aber ein eigentümlicher Geruch in der Luft. Nicht ganz faule Eier, eher eine Note dumpfer. "Der eine sagt: ,Es stinkt‘, der andere sagt: ,Es riecht‘ und der Dritte merkt nichts", meint Ex-Betriebsstättenleiter Helmut Hartmann.

Der Rentner ist ein Mann der ersten Stunde. Seine Frau hatte ihm einen Artikel aus dem Weser-Kurier über den Bau des Klärwerks zu seiner damaligen Arbeitsstelle nach München geschickt: "Sie meinte, das könnte etwas für mich sein." Der Ingenieur für Schiffstechnik bewarb sich und wurde eingestellt.

Gestank war eins der großen Themen im Klärwerk in den Siebzigern. Es habe wegen der Bürgerproteste diverse Versuche mit Probanden gegeben. "Das waren Leute aus dem Amt und Freiwillige", erinnert sich Hartmann. Die Versuchsteilnehmer sollten sich in den Sozialraum setzen und jeweils eine Nase voll verschiedener Proben nehmen und die Intensität des Geruchs beurteilen. Letztlich habe sich aber nur gezeigt, dass die Wahrnehmung der Gerüche unterschiedlich ist, meint Hartmann.

Von "Vertuschungsversuchen" mit Parfum seien die damals Verantwortlichen schnell wieder abgekommen. Es habe nichts gebracht, den Klärschlamm mit Parfum zu besprühen. "Das ist wie mit Schweißgeruch. Der lässt sich auch nur überdecken", meint Hartmann. Eingestellt worden seien ebenso Versuche mit Wasserstoffperoxyd. "Das ist der Stoff, den die Damen zum Haare färben nutzen. Wasserstoffperoxyd bindet sofort", erinnert sich Hartmann. Zuletzt sei der Schlamm zur Geruchsbindung aber doch nur mit Wasser besprüht worden - "das war das einzig Sinnvolle".

Zweites Blockheizkraftwerk geplant

1996 wurde das Klärwerk um- und der Biofilter eingebaut. Ein Gebläse saugt die Abluft ab. Hartmanns Nachfolger Mike Lilienthal steht vor einem Container mit Mucksel, einer Art Häckselgut. "Wenn die Abluft da durch geht, dann duftet sie erdig", meint der Bereichsleiter Abwasserwerke. Kritisch beäugt Lilienthal eine Distel, die in den Rindenstückchen Wurzeln geschlagen hat. Zu viel Natur darf an dieser Stelle nicht sein.

Voll biologisch wird das Abwasser in Farge gereinigt und in die Weser eingeleitet. Das, sagt Lilienthal, habe vor allem etwas mit dem Gesundheitszustand der heimischen Robbe zu tun. "Anfang der Neunziger Jahre gab es ein großes Robbensterben. Es herrschte die Vermutung vor, dass die Wasserqualität zu schlecht war. Sämtliche Kläranlagen in Deutschland wurden umgerüstet." Allein 45 Millionen wurden damals in Farge investiert.

Hansewasser will seine Geschäfte ab 2015 komplett C02-neutral führen. Entsprechend ehrgeizig sind die Pläne auch für Farge, dem Klärwerk, das sich rühmt, das erste Ausbildungswerk in Deutschland gewesen zu sein. Eine Photovoltaikanlage wurde dem Verwaltungsgebäude im vergangenen Jahr aufs Dach gesetzt, kommendes Jahr soll ein zweites, mit Faulgas betriebenes Blockheizkraftwerk eingerichtet werden.

Junge Ver- und Entsorger sind jedoch heute kaum noch in Farge zu sehen: Von ursprünglich rund 40 Mitarbeitern sind nach Firmenangaben noch vier im Stadtteil Blumenthal geblieben: Das kleine Klärwerk Farge wurde an die große Anlage in Seehausen angebunden. Seehausen ist laut Hansewasser für eine Million Einwohner ausgelegt, Farge für 150000. An einem Tag werden im nördlichsten Zipfel Bremens nach Unternehmensangaben 16 000 Kubikmeter Schmutzwasser gereinigt. Im Pumpen-Sumpf, dem tiefsten Punkt in der Region, kommt an, was im Bremer Norden und den niedersächsischen Umlandgemeinden in die Klos gespült wird. Die dunkle Suppe brodelt in acht Meter Tiefe. Hineingefallen sei noch nie jemand, sagt Lilienthal mit einem Blick über das Absperrgitter. Arbeitsschutz werde groß geschrieben. "Aber mit Abwasser in Berührung gekommen ist hier jeder schon mal. Das gehört dazu." Ganz in der Nähe stochert ein Mitarbeiter mit einer Mistforke in einem Rohr herum, aus dem Papierwürste quillen. Es ist trocken geschleuderter Dreck, wie Lilienthal erläutert. Manche Dinge ändern sich nie. Auch, wenn die Betreiber Generationen von Schülern (2000 werden jährlich über das Gelände geführt) darüber aufgeklärt haben, was nicht in die Toilette gehört: Ohrenstäbchen und Surfbretter - so heißen Damenbinden im Jargon der Entsorger - schwimmen immer noch mit in der Brühe aus dem Kanalnetz.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+