Schwimmen mit Hindernissen Kritik an Ticketservice der Bremer Bäder

Uwe Martens findet, dass es Menschen ohne Computer leichter gemacht werden muss, an eine Eintrittskarte fürs Blumenthaler Freibad zu kommen. Der Rentner musste dafür in die Innenstadt fahren.
01.07.2020, 06:10
Lesedauer: 3 Min
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Kritik an Ticketservice der Bremer Bäder
Von Christian Weth

Uwe Martens schwimmt gerne – so gerne, dass er alles gemacht hat, was die Bremer Bäder von jemandem in Corona-Zeiten erwarten, um an eine Eintrittskarte fürs Bad zu kommen. Und der keinen Computer hat, um sich mal eben eine online zu ordern. Martens, 79, ist von Blumenthal, wo er wohnt und das Freibad ist, mit der Bahn in die Innenstadt gefahren, wo die Bädergesellschaft bisher ihre einzige Verkaufsstelle für Tickets eingerichtet hatte. Martens hat auf die Uhr geschaut. Fast drei Stunden war er unterwegs. Für knapp 60 Minuten Badespaß.

Martens sagt, dass ein Rentner wie er selbstverständlich mehr Zeit hat als ein Berufstätiger. Er sagt aber auch, dass für einen Ruheständler wie ihn drei Stunden – die Wartezeiten an den Bahnsteigen und die Ticketauswahl im Ticketshop mitgerechnet – zu viel für ein Blatt Papier sind, das einem ermöglicht, im Becken seine Bahnen zu schwimmen. Noch dazu, wenn das Bad beinahe um die Ecke ist. Martens wohnt in einem Mehrfamilienhaus an der Besanstraße, keine 2000 Meter vom Freibad entfernt. Mit dem Fahrrad ist er in weniger als sieben Minuten da.

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Am Sonntag war er das erste Mal seit der Wiedereröffnung des Freibads unter Corona-Auflagen im Schwimmerbecken. Das Ticket hat er vier Tage zuvor gekauft. Martens fand es komisch, dass er sich auf einen Badetag in der Zukunft festlegen musste. Auch die Uhrzeit wollte die Servicekraft am Ticketschalter wissen. Der Rentner sagt, in diesem Moment noch nicht mal genau gewusst zu haben, wie an diesem Tag das Wetter wird. Er wusste nur, dass es am Wochenende irgendwann mal gewittern könnte und seine Badezeit wegen Corona begrenzt ist.

Kunden ohne Computer

Der Rentner findet es richtig, dass alles unternommen wird, damit sich die Besucher nicht anstecken. Dass nur so und so viele zeitgleich im Bad sein dürfen und nur so und so lange. Nur was, fragt er, spricht denn dagegen, mehr als einen Ticketschalter für Kunden ohne Computer einzurichten statt ausschließlich bei Karstadt Sport im Zentrum? Oder die Tickets wie sonst an der Freibadkasse zu verkaufen? Andere Betreiber, sagt Martens, machen das doch auch. Zum Beispiel in Neuenkirchen. Der Pensionär weiß das, weil er es vor Kurzem ausprobiert hat.

Warum die Bädergesellschaft es nicht genauso macht wie andere, begründet Unternehmenssprecherin Laura Schmitt damit, dass es vor den Freibadkassen zu keinen Menschenmengen kommen soll. Weil beim Kartenkauf aus Sicherheitsgründen auch Daten der Kunden erfasst werden, würden sich ihr zufolge schnell lange Besucherschlangen bilden. Und um die zu vermeiden, sagt Schmitt, ist der Einlass mit dem Vorverkauf im Internet und im Shop bei Karstadt vereinfacht worden: Die Karten werden an der Kasse nur gescannt, schon ist man drin.

Dass es damit Kunden wie Uwe Martens, die keinen Computer haben und nicht in Zentrumsnähe wohnen, schwerer haben, an Tickets zu kommen, haben auch die Bremer Bäder festgestellt. Laut Schmitt soll deshalb eine zweite Vorverkaufsstelle im Vegesacker Freizeitbad eingerichtet werden. Warum dort und nicht in Blumenthal, wo die Bädergesellschaft momentan das einzige Freibad im Bremer Norden in Betrieb hat, lässt die Unternehmenssprecherin offen. Der zusätzliche Kartenshop soll an diesem Mittwoch eröffnet werden.

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Martens meint, dass die Bädergesellschaft auch früher darauf hätten kommen können, dass ein Kartenverkauf zu wenig ist. Und dass sie mehr verändern sollte als nur die Zahl der Ticketshops. Der Rentner kann verstehen, dass in Corona-Zeiten weniger geht als vor der Pandemie gegangen ist. Aber nicht, dass im Blumenthaler Freibad mehr Bereiche geschlossen als geöffnet sind, auch die Betonbänke bei den Spülbecken für die Füße. Martens schafft 300 Meter im Wasser ohne Pause, aber zum Socken- und Schuheanziehen muss er sich setzen.

Auch hätte er sich gerne wie früher in einer Kabine umgezogen und nicht auf der Herrentoilette. Und sich nach dem Schwimmen gewaschen – mit Seife, um das Chlor von der Haut zu bekommen. Doch wie die Umkleiden waren auch die Duschen im Sanitärgebäude mit weiß-rotem Plastikband abgesperrt. Martens glaubt, dass die beiden Bereiche getrost geöffnet bleiben könnten, weil die Zahl der Badbesucher ja ohnehin begrenzt ist – und sie schon deshalb genügend Platz haben, um sich auf dem Gelände aus dem Weg zu gehen.

Auflagen der Behörden

Die Bädergesellschaft verweist darauf, genau das umzusetzen, was Behörden vorgegeben haben – und dazu gehören nicht nur Maskenpflicht und Abstandhalten, sondern auch, dass Umkleiden und Duschen momentan nicht genutzt werden dürfen. Mit einer Ausnahme: Unternehmenssprecherin Schmitt sagt, dass die Duschen in den Außenbereichen der Freibäder nach wie vor zugänglich sind. Allerdings hat Ruheständler Martens noch keinen Besucher gesehen, der sich dort auch gewaschen hat, quasi in aller Öffentlichkeit.

Er ist daher einfach so nach Hause gefahren – und in diesem Sommer zum letzten Mal ins Blumenthaler Freibad. Martens sagt, dass er jetzt immer nach Neuenkirchen zum Schwimmen geht, wo es Eintrittskarten an der Kasse gibt und das Duschen möglich ist. Und wo er nach eigenem Bekunden immer mehr Blumenthaler in seinem Alter trifft, die es wie er halten: lieber 16 Kilometer hin und zurück mit dem Rad fahren, als drei Stunden für ein Ticket unterwegs zu sein.

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