Bunker Valentin

Zwischen Faszination und Entsetzen

Der Bunker Valentin ist ein Symbol für die Grauen des Krieges. Zwangsarbeiter wurden hier misshandelt und getötet. Viele Besucher bestaunen aber vor allem die Dimensionen. Ein Spagat für das Denkort-Team.
24.03.2021, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum
Zwischen Faszination und Entsetzen

Bunker Valentin in Farge.

Sebi Berens

Farge-Rekum. Wer den Bunker Valentin in Farge zum ersten Mal sieht, staunt zwangsläufig über die Monumentalität. Manch Bewunderer vergisst dabei, welche Gräueltaten mit dem Bauwerk verbunden sind. „Faszination versus menschliches Leid“ ist daher ein zentrales Thema für Marcus Meyer, den Leiter des Denkortes Bunker Valentin. Mit seinem Team möchte er nämlich nicht die Architektur in den Fokus stellen, sondern den Wunsch der Überlebenden und Hinterbliebenen von Zwangsarbeitern: „Egal, wie ihr es macht: Hauptsache ihr haltet die Erinnerung wach!“

Direkt nach dem Krieg sah das allerdings anders aus. Die Menschen versuchten zu verdrängen, was die Zwangsarbeiter in den Lagern und auf der Baustelle ertragen mussten. Es habe sogar Pläne gegeben, den Bunker zuzuschütten und auf dem Gelände ein Café zu eröffnen, damit die Menschen nicht an die Wunden des Krieges erinnert werden", erzählt Marcus Meyer. Aber der Bunker sei auch bestaunt worden. Dieser Trend gipfelte in den 50er-Jahren gar in der Titulierung "Achtes Weltwunder vom Weserstrand".

Begonnen habe die Verdrängung der Kriegsverbrechen bereits mit der Ankunft der Briten Anfang Mai 1945. „Die stießen hier nur auf wenige Häftlinge, weil das Konzentrationslager und das Arbeitserziehungslager schon geräumt waren“, erläutert Meyer. Insofern seien die Schreckensszenarien nicht mehr erkennbar gewesen. Stattdessen hätten die Briten die Bunkerbaustelle in Begleitung des SA- und NSDAP-Mitglieds Erich Lackner in Augenschein genommen.

„Lackner war während der Krieges Leiter des Planungsbüros für den Bunkerbau und führte die Briten nun über das Gelände“, erzählt der Denkort-Chef. „Erich Lackner wurde nicht inhaftiert, sondern um Mithilfe im Umgang mit der Baustelle gebeten.“ Assistiert habe ihm dabei sein ehemaliger Professor Arnold Agatz von der Technischen Universität Berlin. „Die beiden wollten eine Sprengung des Bunkers verhindern“, so Meyer. Angedacht wurden der Bau eines Atomreaktors, einer Lagerstätte für Getreide sowie eine Heringslager. Über Jahrzehnte nutzte schließlich die Bundesmarine den Bunker - bis zum Jahr 2010.

„Die Ignoranz der Gesellschaft hatte erst 1981 ein Ende“, sagt Marcus Meyer. Damals hätten die Radio-Bremen-Redakteure Christian Siegel und Rainer Habel das Feature „Keiner verlässt das Lager lebend“ publiziert und dafür den nach wie vor unbehelligten NS-Bauingenieur Erich Lackner interviewt. Der habe abermals die technischen Höchstleistungen der Erbauer gelobt und die Leiden der Zwangsarbeiter unter den Teppich gekehrt, so Meyer.

Der Beitrag schlug hohe Wellen. Die Erinnerungskultur nahm Fahrt auf. „Rainer Habel hat sich für den Rest seines Lebens dahintergeklemmt“, erzählt Marcus Meyer. Ein Meilenstein dieser Kultur des Erinnerns sei das Mahnmal vor dem Bunker Valentin. Es entstand auf Initiative von Rainer Habel und Gerd Meyer, dem Gründer des Projektes „Internationale Friedensschule Bremen“, das an Gewaltherrschaft erinnert und Verfolgten eine Stimme gibt.

Auf Initiative der bürgerlichen Aktivisten sei jahrelang über die Gestaltung einer „Gedenkstätte“ debattiert worden, sagt Marcus Meyer. Erfreulicherweise habe nie jemand gefordert, aus dem Beton-Koloss ein U-Boot-Museum zu machen. Aber die Bürger vor Ort seien zwiegespalten gewesen, „weil das Dorf und die Bunkerbaustelle miteinander verbunden sind und niemand gern an den Krieg erinnert werden wollte“, so der Denkort-Leiter. „Inzwischen ist das kein Problem mehr, unsere Arbeit wird wertgeschätzt.“

Im Fokus stehe aktuell die „Kontextualisierung der Technik im Zusammenhang mit Ideologie und Gewalt“, sagt Meyer. „Unsere Themen sind der Rassismus und das Lager“. Eine zentrale Rolle spiele dabei auch der „Totale Krieg“, zu dem Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 aufgerufen hatte, um die Zivilbevölkerung zum Bestandteil des Kriegsapparates zu machen.

„Seit Mitte 1942 war eigentlich klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war“, sagt Marcus Meyer. Aber zum „Sieg der Arier über den Rest der Welt“ habe es für die Nazis keine Alternative gegeben. Auch das damalige Festhalten an der U-Boot-Werft sei ein Symbol dieser Realitätsverweigerung. Meyer: „Es sollte sogar ein Valentin II errichtet werden.“

Bei der Bunkerbaustelle gehe es um einen Tatort, betont Meyer. Die Faszination, die das Bauwerk auslöse, sei durchaus vergleichbar mit der Bewunderung für ägyptische Pyramiden, räumt er ein. Vergessen werde dabei das Elend der Erbauer. „Deshalb setzten wir jetzt auf die Erschließung des Lagergeländes.“ Es gelte, die grausamen Lebensbedingen der Zwangsarbeiter erfahrbar zu machen.

Deutschland sei bis dato das einzige Volk mit Erinnerungskultur, sagt Meyer. Aber der Wille, sich mit den Verbrechen des eigenen Volkes auseinanderzusetzen, zeige sich inzwischen weltweit - sei es im Hinblick auf die Sklaverei in den USA, den Kolonialismus der Belgier oder den Umgang mit den Aborigines in Australien. Meyer: „Die zentrale Herausforderung ist dabei, wie man die Erinnerung wach und relevant hält.“

Info

Zur Sache

Der Denkort Bunker Valentin ist für Besucher wieder zugänglich. Gelände und Informationszentrum sind ab sofort dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Medizinische Masken sind während des gesamten Aufenthaltes verpflichtend. Der Aufenthalt ist auf 90 Minuten begrenzt. Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich. Möglich sind Buchungen auf der Homepage: www.denkort-bunker-valentin.de. Wer am selben Tag kommen will, kann sich telefonisch anmelden unter: 0421/696 73 677. Medien-Guides und Führungen sind nicht verfügbar. Der Denkort-Parkplatz ist derzeit geschlossen ist. Gäste müssen daher außerhalb des Geländes parken.

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