Blinde Sängerin über Corona-Probleme

Zusätzliche Hürden

Die blinde Sängerin Corinna May und ihr Mann Claus haben privat und beruflich mit der Krise zu kämpfen. Für Menschen mit Behinderungen haben sie Ausnahmeregelungen beantragt.
30.04.2020, 07:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Iris Messerschmidt
Zusätzliche Hürden

Die blinde Sängerin Corinna May braucht ihren Geruchssinn, wenn sie alleine einkaufen geht, denn nur so ist ihr die Auswahl beispielsweise von Brot möglich.

Fotos: CJC-Event

Bremen-Nord/Schwanewede. Einkaufen zu zweit – und sogar ohne Maske? „Wenn man uns in der Region nicht so gut kennen würde, hätten wir ein richtig großes Problem.“ Corinna May und ihr Mann Claus Janz haben derzeit durch die Corona-Krise nicht nur beruflich Schwierigkeiten. Auch privat gibt es durch die Pandemie so manche Hürde, die sich vor der blinden Sängerin und ihrem Partner aufbaut. Beispielsweise beim Einkaufen. In Bremen-Nord ist da manches möglich, was in Schwanewede nicht funktioniert.

Tasten oder Riechen als Ersatz für das Sehen funktioniert derzeit für Corinna May nur schwer oder gar nicht. Auch ihr Ehemann ist infolge eines schweren Unfalls lebenslang eingeschränkt. „Durch die jetzt schon massiven Einschränkungen wird es vielen Behinderten unmöglich gemacht, eigenständig für sich zu sorgen.“ So heißt es in einem Schreiben, das Corinna May und ihr Mann an die Landesbehindertenbeauftragte in Niedersachsen, den Landesbehindertenbeauftragten in Bremen, die Senatskanzlei Bremen, an Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Senatorin Maike Schaefer gerichtet haben.

„Für mich und andere behinderte Personen müsste eine Ausnahme geschaffen werden, die es mir ermöglicht, eigenständig einkaufen zu gehen“, schreibt Corinna May und bittet bei den Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie um Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen im Gesetzesblatt. „Behinderte Menschen (mit Behindertenausweis) sind von den Regeln ausgenommen“, möchte das Ehepaar in den Allgemeinverfügungen verankert wissen.

„Bremen hat auf dieses Ansinnen prompt reagiert“, freuen sich Corinna May und Claus Janz. „In dem Bundesland bin ich davon befreit, eine Maske tragen zu müssen“, erzählt Corinna May. Das ist für die Sängerin, die von Kindheit an blind ist, eine enorme Erleichterung. Denn, dass sie durch Corona möglichst auf das Anfassen, also ihren Tastsinn verzichtet, „das habe ich ja noch eingesehen“. Doch mit einer sogenannten Schutzmaske werden bei ihr weitere Sinne negativ beeinflusst. „Wie den Geruchs- und Gleichgewichtssinn als auch sonore Funktionen“, macht Corinna May deutlich, womit sie dann auch eine größere Auswahl an Lebensmitteln nicht mehr erfassen könnte.

Was in Bremen nun rein theoretisch funktioniert, ist in Niedersachsen noch nicht möglich. „Zumindest haben wir noch keine Reaktion seitens dieses Bundeslandes auf unseren Einwand“, so Claus Janz. Im Übrigen betont das Ehepaar, dass nicht nur sie, sondern viele Behinderte von den Einschränkungen doppelt betroffen seien. „Wir schätzen vorsichtig, dass es auch eine Mehrbelastung von circa 35 Prozent für die sozialen Dienste bedeutet, wenn behinderte Menschen ohne entsprechende Ausnahmeregelungen in ihrer Eigenständigkeit weiter eingeschränkt sind“, so Corinna May.

„Um es ganz deutlich zu machen, gerade auch behinderten Menschen ist daran gelegen, nicht nur Abstand zu wahren, sondern auch möglichst alle Maßnahmen zu ergreifen, nicht zu erkranken“, betont die Sängerin. „Von daher halte ich die Ausnahmeregelung für ein angemessenes Werkzeug, die Teilhabe am Leben aufrechtzuerhalten.“ Für das Ehepaar ist derzeit das Leben mit vielen zusätzlichen Problemen behaftet.

„Mit meinem Langstock kann ich zwar noch die Abstandregeln von 1,50 Meter nach vorne und gegebenenfalls zur Seite checken. Doch wer mir zu nahe kommt, oder wem ich möglicherweise zu nahe komme, das kann ich nicht mehr kontrollieren.“ In öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es ein weiteres Problem. Busse öffnen nur noch die hintere Tür, „da kann ich den Busfahrer auch nicht mehr vertrauensvoll nach der Liniennummer fragen“.

Dazu kommt für das Ehepaar derzeit so manche Diskussion. Als kleines Beispiel dient ein Erlebnis beim Einkaufen noch vor der Maskenpflicht. „Wir sind in einem Geschäft in Schwanewede, wo wir glücklicherweise in vielen Geschäften bekannt sind und häufig einkaufen gehen. Selbstverständlich haben meine Frau und ich nur einen Einkaufswagen, was vom Personal auch toleriert wird. Da werden wir nicht nur ,streng begutachtet‘, sondern auch von so manchen Mitbürgern gemaßregelt. An diesem Tag beispielsweise meinte eine Kundin in entsprechendem Ton zu mir: ‚für jeden einen Einkaufswagen‘“, schildert Claus Janz.

Erst nach seiner Erklärung, dass seine Frau blind sei und sie deshalb zu zweit einkaufen gingen, entschuldigte sich die Kundin. „Doch solche Diskussionen – nicht mit dem Personal, aber oft mit anderen Kunden – sind derzeit häufig an der Tagesordnung“, sagen Corinna May und ihr Mann.

Seit Montag ist alles noch komplizierter. Anders als in Bremen gilt in Niedersachsen noch keine Ausnahmeregelung, womit Corinna May verpflichtet ist, beim Einkaufen in Schwanewede eine Maske zu tragen. Claus Janz allerdings hat von seinem Arzt eine Bescheinigung, dass er aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen keine Maske tragen darf. „Diskussionen sind vorprogrammiert“, sehen die beiden schon jetzt.

Und beruflich? Die beiden Musiker hoffen auf Soforthilfe vom Staat, um die Einnahmeverluste auszugleichen. „Wir haben zwar schon im März Anträge gestellt, doch Geld ist noch nicht geflossen“, berichten die freiberuflichen Künstler. Die Zuschüsse seien zudem begrenzt auf drei Monate, „das bedeutet Geld bis Juni. Das Veranstaltungsverbot läuft aber bis zum 31. August. Was machen wir dann im Juli und August? In der Fußgängerzone dürfen wir ja auch nicht spielen“, versucht es Corinna May mit einer Portion schwarzem Humor.

Die Probleme, so wissen sie, haben derzeit alle Künstlerkollegen. Zudem gäbe es Fördergelder nur für Miete und Nebenkosten. „Würden wir unser Geschäft in der Wohnung betreiben, bekämen wir nicht einen Cent“, erzählen die beiden, die auch als Duo „One Kiss“ auf der Bühne stehen. Die Förderung sei lobenswert, allein individuelle Belange beispielsweise von Musikern würden nicht berücksichtigt, „es hapert an der Umsetzung“. Das Ehepaar wollte eigentlich in diesen Tagen ein neues Album auf den Markt bringen und damit auf Tournee gehen. Dafür, sowie für das neue Equipment, ist das Paar aus Bremen-Nord nach eigenen Angaben ordentlich in Vorkasse gegangen. Sie sehen sich schon „als sogenannte Soloselbstständige Grundsicherung beantragen“. Und beiden ist klar, dass es im Kultur-Sektor Opfer geben wird. Denn: „Wir wissen nicht, wer das überlebt.“

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