Oberschule In den Sandwehen

„Das Projekt beflügelt uns“

26 Achtklässler der Lüssumer Oberschule In den Sandwehen schreiben unter der Regie des Poetry-Slammers Bas Böttcher ein Buch. Im Rahmen des Bildungsprojekts steigern sie ihre Lese- und Rechtschreibkompetenzen.
16.02.2020, 19:00
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Von Imke Molkewehrum
„Das Projekt beflügelt uns“

Poetry-Slammer Bas Böttcher (rechts) bespricht mit den Schülern ihre Texte, die Bestandteil eines etwa 100-seitigen Romans werden.

Christian Kosak

Amara ist eine ganz normale Jugendliche. Eines Tages wird ihr schwindelig. In den Ohren piept es, und ihr wird schwarz vor Augen. Dann fällt das Mädchen in eine Schattenwelt – keine Farben, kein Geschmack. „Amara muss Rätsel lösen, um da wieder rauszukommen“, erzählt der 14-jährige Noel Zymara. Neben ihm sitzt der 13-jährige Vitali Firsov. Die beiden Achtklässler der Oberschule In den Sandwehen veröffentlichen im Juni im Bremer Schünemann Verlag ihren ersten etwa 100-seitigen Roman – gemeinsam mit 24 Mitschülern.

Veröffentlicht wird das Buch im Rahmen des achtmonatigen Bildungsprojekts „Bremer Schulhausroman“, das vom „Literaturhaus Bremen“ konzeptionell begleitet wird. „Es ist ein ganz anderer Ansatz, Deutschunterricht zu machen, auf kreative Art und Weise“, sagt die Literaturhaus-Leiterin Heike Müller. „Die beteiligten Lehrkräfte sind jedes Mal überrascht, wie die Schüler durch diese Methode noch mal ganz anders ans Texten und Lesen kommen.“

Vitali und Noel schreiben aktuell an der Szene „Amara macht sich zum Schlafen fertig“. Der Projektleiter Bas Böttcher kommt an den Tisch der beiden Schüler. „Diese Szene brauchen wir, weil wir schon viele Träume fertig geschrieben haben, die durch diesen Text eingeleitet werden“, sagt der 45-Jährige, der als Poetry-Slam-Master in der Szene bekannt ist. Im Projekt-Unterricht an der Oberschule hilft er den Nachwuchsautoren mit Wortspielereien auf die Sprünge. Bei zwölf Treffen von jeweils zweimal 90 Minuten.

„Keiner wusste beim ersten Treffen, in welche Richtung die Reise geht“, erzählt Böttcher. Als Anreiz habe er mit den Kindern daher bewusst surreale Szenen und absurde Phrasen gesammelt. „Ein Stift ist normal, aber einer der fliegen kann, ist spannend“, erklärt er. Ebenso spannend sei ein Buch ohne Seiten oder ein teures Schnäppchen.

„Ich habe Lust mitzumachen, weil wir hier unsere Kreativität ausleben können. Das mache ich sonst nicht“, sagt Noel Zymara. „Es ist anders als Unterricht, aber nicht schwieriger.“ Der 14-Jährige spielt in seiner Freizeit gern mit seiner Playstation. „Ich lese jetzt nicht mehr als vorher, habe mir aber für das Buch ein Rätsel ausgedacht, das Amara lösen muss“ sagt der Achtklässler und fügt hinzu: „Man will es werden, aber wenn man es ist, will man es nicht sein.“ Des Rätsels Lösung will der Jungautor nicht verraten.

„Ich habe nur an den Geschichten mitgeschrieben, ich finde das Projekt aber auch besser als den normalen Unterricht“, sagt Vitali Firsov. Er sei nicht gut im Schulfach Deutsch und lese nicht besonders gern, habe aber im Team die Ideen aufgeschrieben. „Das Schreiben mit Noel hat mir geholfen, weil er meine Fehler verbessert hat.“

Angesichts der mangelnden Lese- und Rechtschreibkompetenz vieler Schüler ist die Arbeit an dem Buch nach Aussage der Schulleitung eine Herausforderung für alle Beteiligten. Auf dem Whiteboard im Klassenraum hat Projektleiter Bas Böttcher den Ablaufplan skizziert. „Titelvorschlag Amara Drama“ steht dort. Und „Kampf gegen das Schattenkatapult.“ Daneben ist zu lesen „Vor dem Knall: der Tag, an dem alles schief läuft.“ Dicht an dicht stehen die Stichwörter. Der Countdown bis zum Andruck des Buches läuft, und es ist noch viel zu tun.

Böttcher diskutiert mit den Jugendlichen, die in Kleingruppen an den Tischen sitzen. „Wir betreiben das Projekt wie Brötchenbacken“, sagt er. Viele Ideen würden in einen Topf geworfen und zu einem Ganzen zusammengefügt. „Das Schreiben dient dazu, etwas Neues zu entwickeln. Jedes Kind soll sich wiederfinden.“ Wer im Wald ist, könne an sich keinen Lichtschalter bedienen, sagt Böttcher. Absurde Ideen würden deshalb als Träume in das Buch integriert. „Schüler, die vom Deutschunterricht eher abgenervt sind, blühen auf und entwickeln kreative Ideen“, ergänzt die Deutschlehrerin Anna Schwiers.

Gefördert wird das aktuelle Projekt in Lüssum unter anderem durch den Lions-Club Lesmona und die Deutsche Kindergeldstiftung. Finanzielle Mittel aus der öffentlichen Hand gibt es bis dato nicht. „Das ist an sich eine Bildungsaufgabe, aber wir mussten Klinken putzen gehen, um das Projekt zu finanzieren“, bedauert Schulleiter Stephan Wegner. „Dabei haben viele Schüler nachweislich eine mangelnde Sprach- und Schreibkompetenz. Und die Erfahrungen waren überragend – auch in Klassen mit Förderbedarf im Deutschunterricht. Das Projekt beflügelt uns.“

Die Buchpremiere mit einer öffentliche Lesung im Wallsaal der Zentralbibliothek, Am Wall 201, wird im Juni der krönende Abschluss des Bildungsprojektes. „Jeder muss da vorlesen“, sagt der Achtklässler Vitali Firsov. Noch ist er bei dem Gedanken völlig entspannt. Sein Buchexemplar wird er vielleicht seiner Mutter schenken. Noel Zymara ist sich dagegen sicher: „Ich schenke das Buch meiner Oma.“

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