Fußball

Erst Dreierpack, dann Rote Karte

30. Dezember 1985 in der Oldenburger Messehalle. Im Halbfinale des erstmals ausgetragenen „Nord-Cups“ gewinnt der Fußball-Verbandsligist SV Atlas Delmenhorst gegen den dänischen Erstligisten GF Aarhus mit 5:4.
29.01.2021, 12:40
Lesedauer: 5 Min
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Von Jens Pillnick

Bremen-Nord. 30. Dezember 1985 in der neuen Oldenburger Messehalle. Im Halbfinale des erstmals ausgetragenen „Nord-Cups“ gewinnt der Fußball-Verbandsligist SV Atlas Delmenhorst gegen den dänischen Erstligisten GF Aarhus mit 5:4 und zieht ins Finale gegen den HSV ein.

Der Mann des Spiels ist der einige Monate zuvor von der SG Aumund-Vegesack zum SV Atlas gewechselte Gerd Stedtnitz. Erst erzielt er die Tore zum 1:0, 2:3 und 5:4, dann sieht er von Schiedsrichter Hartmut Heine wegen eines vermeintlichen Kopfstoßes die Rote Karte. Der heute 58-jährige Gerd Stedtnitz beteuert allerdings auch im Januar 2021 noch seine Unschuld.

Dass für den Torjäger vom Dienst, an dem in seiner Glanzzeit auch die damaligen Zweitliga-Aufsteiger SV Meppen und Mainz 05 großes Interesse hatten, der ein Probetraining bei den Werder-Amateuren absolvierte und der in der Bundeswehr-Auswahl des Standortes Schwanewede Seite an Seite mit Rudi Völler und Frank Neubarth spielte, ausgerechnet ein Hallenkick das Spiel seines Lebens war, hat aber nicht nur mit dem erzielten Dreierpack und dem Platzverweis zu tun. Es war das Erlebnis als Gesamtpaket, das Stedtnitz so schildert: „Ich habe als Amateur zum ersten Mal gegen Profis gespielt. Von der einmaligen Atmosphäre in der Halle wurde man getragen und motiviert. Es war der emotionalste Moment meiner Fußballer-Laufbahn.“

Die 4000 Zuschauer hätten laut Stedtnitz Lärm wie 20.000 gemacht und den Underdog aus Delmenhorst zu einer besonderen Energieleistung gegen die Dänen, in deren Reihen der spätere Dortmund-Profi Flemming Poulsen und der zweimalige Welttorhüter Peter Schmeichel (Manchester United) gestanden haben, bewogen. Eine besondere Energieleistung auch, weil Trainer Klaus-Dieter Hinz nach dem 3:4-Pausenrückstand auf die üblichen Wechsel im Drei-, Vier- oder Fünfminutentakt verzichtete und seine erste Garnitur (Andreas Pieper, Georg Klitzke, Jens Jahn, Gerd Stedtnitz, Martin Petri, Jürgen Baumgart) 20 Minuten durchspielen ließ.

„Die absolute Hölle. Wir gingen auf dem Zahnfleich“, erinnert sich Gerd Stedtnitz an schmerzende Beine und eine brennende Lunge. Doch durch die Hölle führte der Weg in den Himmel. Dem 4:4 von Baumgart ließ Stedtnitz vier Minuten vor Schluss das 5:4 folgen. Dabei blieb es, weil Torwart Andreas Pieper dem Ansturm der Dänen mit tollen Paraden standhielt. „Nach dem Spiel befanden wir uns auf einer Wolke“, fühlte sich Stedtnitz im Glanze des Coups gegen Aarhus trotz schwerer Beine federleicht.

Der SV Atlas Delmenhorst stand damit im Finale gegen den HSV, der mit Assen wie Felix Magath, Wolfgang Rolff und Thomas von Heesen sowie seinem legendären Trainer Ernst Happel in Oldenburg angereist war. Nicht im Finale stand indes Halbfinal-Matchwinner Gerd Stedtnitz. Denn der hatte in der turbulenten Schlussphase wegen eines angeblichen Kopfstoßes die Rote Karte gesehen. „Für den Schiedsrichter sah es vielleicht so aus, als ob ich den dänischen Spieler mit dem Kopf gestoßen habe. Nachdem der Spieler mich gegen die Bande gedrückt hatte, prallte ich zurück, berührt habe ich ihn aber nicht“, gab Gerd Stedtnitz später zu Protokoll. Eine Szene, die er bis heute noch vor Augen hat und sie mit 35 Jahren Abstand so schildert: „Der Torwart hat mir den Ball zugeworfen, ich habe ihn mit der Brust angenommen und dann über den Gegenspieler gehoben. Dann hat er mich gegen die Bande geschubst, ich bin zurückgeprallt und er hat sich auf den Boden geworfen und geschrien. Dann hat der Schiri mir Rot gegeben. Ich kann mich jetzt noch aufregen, denn ich habe ihn nicht berührt.“

Der Platzverweis hatte sogar zwei Folgen. Im mit 2:7 gegen den HSV verlorenen Endspiel war Gerd Stedtnitz („Das fand ich nicht so schlimm“) nicht dabei. Schlimm fand er indes die Sperre, die ihm aufgebrummt wurde. Sechs Wochen lang wurde der Torjäger zum Zuschauen verdammt. Der Verbandsliga-Tabellenführer ging seinen Weg trotzdem weiter und schaffte den Sprung in die Oberliga. In der Stedtnitz zwei Jahre beim SV Atlas unter Vertrag stand, im Prinzip aber nur ein Jahr spielte. „Ich bin umgetreten worden“, blickt Stedtnitz auf einen Kreuzbandriss zurück, der vor 35 Jahren für viele Spieler noch das Karriereende bedeutete. Nicht für Stedtnitz, der nach seiner Atlas-Zeit unter anderem für die Bremer Verbandsligisten Blumenthaler SV, TSV Lesum-Burgdamm und SG Aumund-Vegesack auflief.

Für seinen jetzigen Verein DJK Blumenthal, für den er mittlerweile seit 19 Jahren tätig ist, stand er als 55-Jähriger sogar noch für ein paar Minuten in der Landesliga auf dem Spielfeld. Momentan ist er bei DJK 2. Vorsitzender und Mannschaftsverantwortlicher der ersten Herren, überdies ist er Organisator des Spielbetriebs am Burgwall, an dem neben DJK Blumenthal ja auch noch der Blumenthaler SV und der SV Türkspor beheimatet sind.

Das Karriere-Ende von Gerd Stedtnitz verlief übrigens insgesamt schleppend. Immer wieder stellte er sich nach seiner zweiten Episode bei der SAV zur Verfügung, wenn Not am Mann war. Von den Alten Herren der SAV eilte er seinem Bruder Wolfgang zu Hilfe, der Trainer beim SV Lemwerder war und um den Klassenerhalt kämpfte. Beim Blumenthaler SV sprang er im Kampf um den Landesliga-Klassenerhalt ein. Und DJK wurde schließlich zur Herzensangelegenheit und ist es bis heute – klar, dass er auch da nicht Nein sagen konnte. Das eigentlich letzte Spiel bestritt er an der Seite seiner Söhne Patrick und Sascha, doch der wirklich letzte Einsatz war auch das nicht.

Zurück in den Dezember 1985. "Der Veranstalter wusste, dass Atlas immer Zuschauer mitbringt", erklärt sich Stedtnitz die Einladung zu dem Event, das für die Delmenhorster eher verhalten startete. Stednitz: Am ersten Tag hat sich niemand für uns interessiert." Das änderte sich laut Stedtnitz jedoch binnen 24 Stunden: "Am zweiten Turniertag haben sich die Kiddies bei uns Autogramme geholt."

Geändert hatten sich mit dem Semifinaleinzug, den Delmenhorst mit Siegen gegen Wilhelmshaven und den VfB Oldenburg sowie einem 1:3 gegen den HSV erreichte, auch die Ambitionen. Der SVA spielte um die Geldränge mit. Und schon damals wussten die Fußballer, dass es gerne auch in ihrer Kasse klingeln darf. „Unser Mannschaftskapitän hat vor dem Halbfinale mit den Verantwortlichen verhandelt“, weiß Gerd Stedtnitz noch und hat auch noch das Ergebnis der Verhandlungen parat. Für jeden hätte es 400 Mark auf die Hand, eine Einladung zum 6-Tage-Rennen und ein Kohlessen gegeben.

Der Einzug ins Endspiel spülte immerhin 7500 Euro in die Vereinskasse. Mit den Prämien wurde Gerd Stednitz und Co. der Auftritt in der Oldenburger Messehalle zwar versüßt. Doch viel nachhaltiger sind die Erlebnisse und Emotionen, die er im Spiel seines Lebens als dreifacher Torschütze, umstrittener Rotsünder, als Gegner von Peter Schmeichel und Flemming Poulsen sowie im Hexenkessel mit Gänsehaut-Atmosphäre erlebte.

Info

Zur Person

Gerd Stednitz (58)

ist Niederlassungsleiter bei einem Personaldienstleister. Er lebt mit Marita, mit der er seit 29 Jahren verheiratet ist, in Lüssum-Bockhorn. Die Söhne Sascha (38) und Patrick (29) haben ebenfalls unterer anderem für DJK Blumenthal gespielt. Gerd Stedtnitz ist mittlerweile seit 19 Jahren für DJK Germania Blumenthal tätig, lief da noch als Spieler auf, war Trainer und ist momentan zweiter Vorsitzender, Mannschaftsverantwortlicher der ersten Herren und Organisator des Spielbetriebs am Burgwall. 1971 begann Stedtnitz mit dem Fußballspielen bei der SG Aumund-Vegesack und war dort bis 1985 aktiv. Danach stand er drei Jahre lang beim SV Atlas Delmenhorst unter Vertrag, zwei davon in der Oberliga Nord. Über den Blumenthaler SV (zwei Jahre) und den TSV Lesum-Burgdamm (ein Jahr) kehrte er zur SG Aumund-Vegesack zurück. Danach war er im Altherrenbereich für die SAV und den BSV tätig, half aber noch bei den Herren des SV Lemwerder und Blumenthaler SV im Abstiegskampf aus. Seit 2002 ist Gerd Stedtnitz bei DJK Blumenthal beheimatet.

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