Fußball

Startelf-Einsatz in Marseilles

Damit hatte er nicht gerechnet: Sören Seidel wurde im November 1998 von Trainer Felix Magath im Uefa-Cup-Rückspiel von Beginn an aufgeboten
04.12.2020, 15:50
Lesedauer: 6 Min
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Von Jens Pillnick

Bremen-Nord. Zur Halbzeit ausgewechselt, 2:3 gegen Olympique Marseilles verloren, Zweitrunden-Aus im Uefa-Pokal – vom Ergebnis und von der eigenen Leistung her gab es unzählige bessere Partien, in denen Werder Bremens Ex-Profi Sören Seidel mitwirkte. Aber emotional belegt das Spiel aus dem November 1998 in der französischen Mittelmeer-Metropole im Ranking beim heute 48-jährigen Nordbremer Platz eins. „Adrenalin pur“, sagt der Blondschopf, der heute Geschäftsführer der Spieleragentur Teamplayer Sportmanagement ist und noch für die Oldies des Blumenthaler SV auf Torejagd geht, beim Blick zurück.

Ein Abschlusstraining mit Treffern aus allen Lagen, die überraschende Nominierung von Trainer Felix Magath für die Startelf, die von einer Polizeieskorte begleitete Fahrt im Mannschaftsbus quer durch Marseilles und dann diese Kulisse im Stade Velodrome: dieses Gesamtpaket ist 22 Jahre später immer noch unvergessen.

Aber der Reihe nach. Seit Oktober 1997 war Sören Seidel fest im Training bei den Werder-Profis dabei und bestritt Nikolaus 1997 sein erstes Bundesliga-Spiel. Die Entlassung von Wolfgang Sidka bekam er genauso mit wie die Verpflichtung von Felix Magath, die den Spielern im Besprechungsraum vom damaligen Werder-Präsidenten Dr. Franz Böhmert mitgeteilt wurde. Dass der „Schleifer“ kam, sorgte nicht gerade für Begeisterung bei den Werder Profis. Kurz nach der Vorstellung soll sich Magath kurz und knackig mit nur einem Satz an die Mannschaft gerichtet haben. Der Inhalt: Training ist morgen nicht um 10, sondern um 9 Uhr. „Vor Magath haben wir uns im Spielerkreis immer zum Frühstück, Mittag, auf einen Kaffee oder abends im Casablanca getroffen. Dann gar nicht mehr, alle lagen nur noch erschöpft im Bett“, kann Sören Seidel ein Lied davon singen, dass unter Magath härter trainiert wurde. „Einer soll mal mitgezählt haben. Da haben wir in einer Einheit 72 Tempoläufe gemacht“, sagt Seidel, der mit Magath zwei Vier-Augen-Gespräche gehabt hätte, die „völlig in Ordnung“ gewesen seien. Vor der Mannschaft wäre Magath aber ganz anders aufgetreten.

Der Reisetag nach Marseilles war im Gegensatz zum strapaziösen Trainingsalltag Erholung pur. Am Tag vor dem Spiel ging es im feinen Zwirn vom Flughafen Bremen aus nach Marseilles. An den Namen des Mannschaftshotels kann sich Sören Seidel zwar nicht mehr erinnern, wohl aber, dass „es sehr ordentlich“, wie alle Unterkünfte auf den Werder-Reisen, gewesen sei. Einchecken, umziehen, Fußballschuhe unter den Arm und ab zum Stadion. Anschwitzen, Torschuss, fertig. Keeper Stefan Brasas, zu dem Sören Seidel bis heute regelmäßigen Kontakt pflegt, sei während dieser Übungseinheit voll des Lobes für den Stürmer gewesen. Seidel: „Stefan hat immer wieder laut über den Platz gebrüllt: Der haut die ja alle rein.“ Und auch Seidel hatte die Einschätzung, dass er fast jeden Ball aus jeder Lage versenkt hätte. Der Rest des Tages war Routine: Per Bus ins Hotel, duschen, Abendessen, aufs Zimmer, das Sören Seidel oft mit Brasas, aber auch schon mal mit Ailton, teilte. Nachtruhe um 23 Uhr.

Der Tag des Uefa-Pokal-Rückspiels (Hinspiel im Weserstadion 1:1) der zweiten Runde lief im gewohnten Rahmen ab. Frühstück, gemeinsamer Spaziergang, Mittagessen, Bettruhe. Alles bewusst entspannt. Wohltuende Entspannung, denn Sören Seidel hatte in dieser Phase seiner Laufbahn das Gefühl, nur auf dem Platz, im Bus oder auf der Auswechselbank zu sein. Werder, das sich über den UI-Cup (sieben Einsätze für Sören Seidel) für den Uefa-Pokal qualifiziert hatte, war in drei Wettbewerben vertreten, nach einem Spiel begann die Vorbereitung für das nächste.

Jetzt aber lief die Vorbereitung für das Spiel gegen Olympique Marseilles. Nächster Tagesordnungspunkt lautete Kaffee und Kuchen, danach die Mannschaftsbesprechung. Im Tagungsraum wartete das Trainerteam auf die Spieler. „Ich habe in der zweiten Stuhlreihe Platz genommen. Ganz entspannt“, erinnert sich Seidel, der davon ausging, sehr wahrscheinlich nicht zu spielen. Nachdem Felix Magath beim Torwart beginnend die Mannschaftsaufstellung mit den entsprechenden Aufgabenstellungen erklärte, war nun der Angriff an der Reihe. Havard Flo wurde von Magath instruiert. Dann fiel der alles entscheidende Satz des Coaches: „Unterstützen wird dich Sören.“ Ein Satz mit der Wirkung eines Stromschlages. „Gefühlt habe ich mich erst einmal gerade hingesetzt. Ich wusste nicht, ob ich heulen oder lachen sollte“, hat Sören Seidel seine Emotionen von damals vor Augen und ergänzt: „Meine Hände sind nass geworden." Neben Sören Seidel hatten auch Stefan Brasas, Bernhard Trares, Andree Wiedener, Viktor Sripnik, Sven Benken, Lodewijk Roembiak, Dieter Eilts, Yuriy Maksimov, Marco Bode und Harvard Flo von Felix Magath die Mitteilung bekommen, dass sie am nächsten Tag in der Startformation stehen würden.

Der Jungprofi mit der Trikotnummer 25 durfte also spielen, Torsten Frings und Andy Herzog saßen auf der Bank. Angekommen in dieser Wirklichkeit habe er versucht, sich auf das Spiel zu fokussieren, habe totale Vorfreude entwickelt. Die Fahrt zum Stadion quer durch Marseilles – von einer Polizeieskorte begleitet – sei schon ein beeindruckendes Erlebnis gewesen, das die positive Aufregung und den totalen Bock nur noch mehr steigerte. Doch vom Moment des Warmmachens im Stadion sei er im Tunnel gewesen. „Beim Einmarschieren wollte ich noch mit meinem Vordermann sprechen, aber der hat nichts gehört“, beschreibt Sören Seidel den ohrenbetäubenden Lärm, für den 50 000 Zuschauer sorgten. “Marseilles war besser, wir sind wenig nach vorne gekommen“, beschreibt Seidel das Geschehen auf dem Platz. Für ihn wäre es vorne schwierig gewesen, einmal hätte er sich über ein nicht gemachtes Anspiel von Harvard Flo geärgert, zudem hätte er einige Freistöße gezogen.

Aus der Halbzeit kehrte Sören Seidel – für ihn wurde Torsten Frings eingewechselt – nicht aufs Feld zurück, sondern begab sich auf die Bank und hoffte auf den Einzug in die dritte Runde. Sören Seidel ist aber nicht nur seine Auswechslung zur Pause in Erinnerung geblieben, sondern auch die Schmerzschreie seines Mannschaftskollegen Jurij Maximov, dem im Nebenraum der Kabine die Nase gerichtet wurde.

Aus dem 1:1 zur Pause (Torschütze Dieter Eilts) wurde ein 1:3, später verkürzte Andreas Herzog nur noch zum 2:3-Endstand. „Ich würde mir eine 3 minus geben“, bewertet sich Sören Seidel nach dem emotionalsten Spiel seines Lebens heute selber. Eindrücke und Emotionen ließen nach der nächtlichen Rückkehr nach Bremen kaum Schlaf zu, der Weg zum Auslaufen am nächste morgen fiel nicht leicht. Insgesamt sei dieses Spiel gleichzusetzen mit der Teilnahme am DFB-Pokalfinale gegen Bayern München und den Pokalpartien gegen Arsenal, doch emotional wäre die Partie in Marseilles auf einer anderen Stufe gewesen. Die vier Worte von Felix Magath („Unterstützen wird dich Sören“) bei der Mannschaftsbesprechung machten das Uefa-Pokalspiel im November 1998 zu etwas ganz Besonderem.

Info

Zur Person

Sören Seidel (48)

ist Geschäftsführer der Spieleragentur Teamplayer. Er trainiert die in der Fußball-Verbandsliga spielenden A-Junioren von JFV Bremen, bei denen auch sein Sohn Luis (17) spielt. Seine älterer Sohn Luca (19) wechselte vom Bremen-Ligisten SG Aumund-Vegesack kürzlich zu TB Uphusen. Sören Seidel ist mit Nadine verheiratet und lebt in St. Magnus. Die Stationen seiner Karriere: Blumenthaler SV, SG Aumund-Vegesack, SV Atlas Delmenhorst, Blumenthaler SV, Werder Bremen II, Werder Bremen Profis, Hannover 96, Werder Bremen, MSV Duisburg, Holstein Kiel, Preußen Münster, 1. FC Kleve, SV Lippstadt, Borussia Mönchengladbach II, TSV Ottersberg, Blumenthaler SV, FC Oberneuland, TSV Ottersberg. Zwölf Einsätze in der 1. Bundesliga, 28 in der 2. Bundesliga, sieben im DFB-Pokal, drei im Uefa-Cup und zwei im Liga-Pokal bestritt Sören Seidel in hohen Spielklassen, warum ihm nicht der ganz große Durchbruch gelang, macht er an zwei Schlüsselszenen aus. Nachdem er sich mit Liga-Pokal mit jeweils einem Treffer gegen Leverkusen (2:1) und Bayern München (1:2) einen Stammplatz zum Bundesliga-Auftakt gesichert hatte, folgte ein 0:0 in Stuttgart und ein 0:1 gegen Schalke. Gegen Schalke fehlten beim einem Innenpfostentreffer Zentimeter zum Torerfolg und damit wohl auch zu weiteren Einsätzen. „Dann ging es über die Bank auf die Tribüne“, erinnert sich Seidel an den Sommer 1999. Etwas später wollte er beim MSV Duisburg noch einmal durchstarten, doch eine lange Verletzungspause wegen eines Bandscheibenvorfalls torpedierte diesen Plan. Seidel: „Das war kein gutes Timing. Das hat mich richtig aus der Bahn geworfen.“ Heute kann Sören Seidel problemlos in den Spiegel schauen: „Klar hätte ich mal eine Extraeinheit schieben können und vielleicht hat mir auch der unbedingte Wille gefehlt. Aber letztlich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich hatte jahrelang Probleme mit der Patellasehne und habe viel Schmerztabletten genommen, damit ich trainieren kann und in den Kader komme.“ Die Erfahrungen, die er viele Jahre im bezahlten Fußball gemacht hat, setzte er jetzt in seiner Firma bei der Betreuung von Spielern und als Trainer im Jugendbereich ein.

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