Wildnis am Bunker in Rekum Verborgenes Leben im dichten Urwald

Seit 2017 ist die Wildnis neben dem Denkort Bunker Valentin im Besitz des BUND Bremen, der sie von der Bundesanstalt für Immobilienaufgabe gekauft hat. Der Wald ist seit 70 Jahren unberührt.
17.04.2020, 14:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Man wandert auf dem schmalen Pfad eines Dammes, vorbei an dichtem Brombeergebüsch und großen, alten Weiden. Manche der Bäume sind umgestürzt, und Äste und Zweige wachsen in allen Richtungen aus dem Stamm. Efeu bekleidet mit grünen Vorhängen viele Bäume, der Boden ist nass und sumpfig und an vielen Stellen von hohem Schilf bestanden – die Valentinwildnis ist ein Urwald, der von Menschen unberührt bleibt, in dem keine Forstwirtschaft Bäume pflanzt oder fällt oder totes Holz abtransportiert.

Seitdem der gigantische Betonbau des U-Boot-Bunkers Valentin offizieller Denkort ist, der mit Infozentrum, Führungen und Rundweg an die Gräuel der Nazizeit erinnert, ist der Standort vielen Bremern bekannt. Doch nur wenige wissen, dass südlich des Bunkers eine der wertvollsten Waldflächen in Bremen liegt: Die sogenannte Valentinwildnis ist ein Gelände, das seit mehr als 70 Jahren nicht vom Menschen genutzt wird und sich zu einem feuchten Auen-Urwald, durchsetzt von Röhrichten und Hochstauden, entwickeln konnte. Seit dem Jahre 2017 ist die Fläche im Besitz des BUND Bremen, der sie von der Bundesanstalt für Immobilienaufgabe gekauft hat.

Weiden, Birken und Pappeln bilden einen fast undurchdringlichen Wald mit vielen alten Bäumen und totem Holz, das noch aufrecht steht oder auf dem Boden liegt. Der hohe Alt- und Totholzanteil der Valentinwildnis macht diesen Wald für die Tierwelt besonders artenreich. Denn morsches Holz ist nicht nur Lebensraum für viele Hundert holzbesiedelnder Insektenarten, sondern auch für Vögel, die in Höhlen brüten. „Der Altholzanteil in der Valentinwildnis hat sich in den letzten Jahren vergrößert“, sagt Martin Rode, Geschäftsführer des BUND Bremen. „Weil Spechtarten wie Grünspecht und Buntspecht in den Höhlen alter Bäume ihre Nester anlegen, konnten sie davon profitierten.“ Alte Stämme mit Baumhöhlen würden sich auch auf Stare günstig auswirken, die ebenfalls Höhlenbrüter sind, so Martin Rode. „Man sieht Starenschwärme deshalb auch in großer Zahl im umliegenden Grünland, das sie zur Nahrungssuche nutzen“, sagt Rode.

Lebensraum für die Nachtigall

Der gebüschreiche Feuchtwald ist besonders für die Nachtigall ein idealer Lebensraum. „Ihr Bestand geht in den letzten Jahren zurück“, sagt Rode, „in der Valentinwildnis konnte sie sich jedoch bisher halten.“ Anwohner hätten auch berichtet, dass nachts regelmäßig der Uhu, mit seinen tiefen voll klingenden „Uuuhu“-Rufen zu hören sei.

Die Erdtrichter in der Valentinwildnis, die nach Bombenabwürfen im Zweiten Weltkrieg entstanden sind, entwickelten sich zwar zu wertvollen Kleingewässern für Amphibien und Libellen, sind aber, wie Martin Rode berichtet, inzwischen weitgehend verlandet. „Wir denken darüber nach, ob man einige der ehemaligen Tümpel nicht wieder ausbaggert, da der Standort für Amphibien sehr geeignet ist“, sagt der BUND-Geschäftsführer.

Die etwa 22 Hektar große Valentinwildnis steht in enger ökologischer Vernetzung mit dem angrenzenden Bunker. Dessen Inneres gleicht einer riesigen Höhle, die weitgehend ungestört ist und viel Platz bietet. Im Dunkel des Betonklotzes mit vielen Spalten konnte sich einer der bedeutendsten Fledermaus-Winterschlafplätze in Nordwestdeutschland entwickeln: Mehr als 4000 Zwergfledermäuse überwintern in der Betonruine und außer ihnen noch weitere Fledermausarten. Sie schwärmen von Frühling bis Herbst in die Flächen der Valentinwildnis aus, um Insekten zu jagen. Die Natur dieses sekundär entstandenen Auwaldes ungestört wachsen und sich entwickeln zu lassen, hat für den Umweltverband oberste Priorität – was jedoch nicht bedeutet, dass er sich nicht mehr um das Gebiet kümmert. Denn der BUND übernimmt zum Beispiel entlang des Weges durch das Gebiet auch die Verkehrssicherheitspflicht. „Wir mussten vor einiger Zeit eine umgestürzte Weide wegräumen lassen“, berichtet Rode. „Wir haben den Weg auch gemulcht, um den Brombeerwuchs einzudämmen. Damit ist er für Spaziergänger wieder gut zugänglich.“ Der Urwald selbst soll jedoch weiterhin für Besucher tabu bleiben. „Deshalb werden wir, anders als in vielen Naturgebieten in Bremen-Nord, dort bewusst auch keine Umweltbildungsaktionen für Kinder anbieten“, so der BUND-Geschäftsführer, „denn viele Tierarten reagieren empfindlich auf Störungen.“ Auch wenn der feuchte Urwald nicht betreten werden soll, lässt er sich aus einer gewissen Distanz dennoch gut erleben: nicht nur über den schmalen Pfad östlich des Bunkers, sondern auch vom Weserdeich aus. Von dort öffnen sich weite Einblicke in die feuchte Wildnis mit hohen Bäumen, dunkelgrünem Binsensumpf und fahlgelben Schilfröhrichten – in einen der letzten Auwaldreste an der Weser.

Weitere Informationen

Der BUND Bremen sucht noch eine Person, die sich ehrenamtlich regelmäßig um das Gebiet kümmert. Wer Interesse hat, kann sich in der Geschäftsstelle, Am Dobben 44, oder unter der Telefonnummer 79 00 20 melden.

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