Interview „Der erste Leerstand ist wie ein fauler Apfel“

Peter Nowack ist 57 Jahre alt und seit dem 1. Juni 2010 Ortsamtsleiter in Blumenthal. Wir sprachen mit ihm über den Leerstand und über viele zarte „Kultur-Pflänzchen", die in Blumenthal gepflegt werden müss(t)en.
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Von Annika Mumme

Peter Nowack ist 57 Jahre alt und seit dem 1. Juni 2010 Ortsamtsleiter in Blumenthal. De gelernte Maschinenschlosser ist gebürtiger Blumenthaler und Mitglied bei der SPD. Wir sprachen mit ihm über den Leerstand und über viele zarte „Kultur-Pflänzchen", die in Blumenthal gepflegt werden müss(t)en.

Herr Nowack, worüber reden die Menschen, wenn sie von Blumenthal reden?

Peter Nowack: Wenn die Leute in der City über Blumenthal reden, dann reden sie über Kriminalität, über Ausländerprobleme und darüber, dass das hier wirtschaftlich alles kaputt ist, also Ladenleerstände und so. Ein kaputtes Zentrum.

Inwieweit entspricht das den Tatsachen?

Ein Ausländerproblem haben wir nicht. Wir haben einen Migrantenanteil, der deutlich geringer ist als der Durchschnitt der Gesamtstadt. Das ist erstaunlich, wenn man auf die Statistik guckt. Gefühlt sieht das für einige anders aus. Aber wir haben damit keine Sorgen und Blumenthal lebt von Migration. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts sind es Leute gewesen aus Polen, aus Schlesien, die hergekommen sind, um hier zu arbeiten in der BWK und die den Laden mit aufgebaut haben. Zu Beginn der 60er-Jahre, letztes Jahrhundert, sind es diejenigen gewesen, die aus Südeuropa kamen. Wir haben schon immer Migration gehabt. Und wenn man sich die Flüchtlingsquote anguckt, liegen wir aktuell bei 0,31 Prozent.

Warum, meinen Sie, entsteht dieses Bild vom Stadtteil?

Man sieht natürlich die Gruppen, wenn sie unterwegs sind, das ist aber völlig normal. Wenn Sie auf Mallorca unterwegs sind, sehen Sie auch die Deutschen und die Engländer zusammen. Das ist alles völlig normal und für uns eigentlich überhaupt kein Problem. Es wird nur von einigen als Problem dargestellt.

Weshalb ist Kriminalität in der Außenwahrnehmung so ein starkes Thema?

Überall wo Großwohnsiedlungen sind, gibt es Reibungspunkte, das ist so. Es ist bedauerlich, dass das so ist. Aber es kommt hier vielleicht einmal im Jahr vor, dass wir mehr Polizisten einsetzen müssen als normal, dass es ein bisschen rumpelt; weil Leute entweder aus ethnischen Gründen aneinander geraten oder weil es um Revierkämpfe geht. Das ist dann auffällig, aber da sind dann auch alle gleich da: Zeitung, Fernsehen und alle berichten, wie schlimm das ist in Blumenthal. Das ist aber eigentlich zu vernachlässigen, weil das auf den Gesamtstadtteil keine Auswirkungen hat. Ansonsten sind wir bei der Kriminalitätsbelastung im Verhältnis zur Gesamtstadt unterdurchschnittlich.

Die Leerstände, sorgen die für ein schlechtes Image?

Die Leerstände sind unser eigentliches Problem. Der beste Werbebotschafter für Blumenthal ist ja der Blumenthaler selbst.

Was können die Blumenthaler selbst bewirken?

Wir würden es gerne sehen, wenn die Hauseigentümer ihren Laden zur Verfügung stellen würden. Es gibt tausend Künstler in Bremen, die würden gerne in so einen Laden, um sich da verwirklichen zu können.

Nach dem Konzept: Nebenkosten zahlen und bei der Miete gibt es einen Obolus für den Eigentümer?

Ja, genau.

Raum für Kunst und Kultur schaffen und gleichzeitig Leerstände beseitigen...

Als wir die Bremer Kulturwoche hier hatten und das Auswärtsspiel des Bremer Theaters, haben wir auch leerstehende Läden okkupiert und genutzt und alle waren davon begeistert und haben gesehen, wie toll das ist. Die Eigentümer haben im Grunde nur eine Aufwandsentschädigung oder eine Spendenbescheinigung dafür gekriegt. Jetzt sind die Läden wieder leer.

Ärgert Sie das?

Natürlich ärgert mich das. Wir geben uns viel Mühe, um an die Eigentümer ranzukommen, um mit ihnen in den Dialog zu treten. Wir haben viel Geld investiert und ein zweijähriges Projekt gemacht. Das ist gescheitert. Ein Immobilienstandortmanagement haben wir gegründet.

Sie meinen die „Kümmerer“?

Wir haben das von Anfang an öffentlich irgendwie falsch betitelt. Da sind dann Leute gekommen und haben gesagt ,Ihr müsst euch mal um dies kümmern'. Im Grunde war das Ziel, die Immobilien-Eigentümer anzusprechen und ihnen Tipps zu geben, wie sie die Qualität ihrer Immobilie verbessern können, und außerdem wollten wir sie auch dazu animieren, einfach selber aktiv zu werden. Wir als Stadtgemeinde können den Leuten nicht vorschreiben, wie sie ihre Immobilien zu belegen haben. Das müssen sie schon selbst tun.

Das ist Ihnen aber nicht gelungen.

Weil es leider unter den Eigentümern einige gibt, die permanent negatives Karma verbreiten und sich hinstellen und sagen, wir als Stadtgemeinde mögen bitte sehr viel Geld in die Hand nehmen, die Immobilien herrichten und die Eigentümer sollen sich nicht beteiligen müssen. Das funktioniert nicht.

Was könnte sich im alten Zentrum verändern, würde ein Projekt mit Künstlern zustande kommen?

Ein Plan war beispielsweise gewesen, aus der Mühlenstraße eine Kulturstraße zu machen, wo dann wirklich links und rechts in den leerstehenden Läden Leute, die was mit Kunst und Kultur machen, sich verwirklichen können. Wenn die in so einen leerstehenden Laden reingehen, die lassen den doch nicht so, wie der ist. Die streichen die Wände, die geben sich Mühe und richten das dort her für sich.

Es würde also eine Aufwertung der Immobilien bedeuten?

Ja. Und das Problem am Leerstand ist der Leerstand selbst. Der erste Leerstand ist wie so'n fauler Apfel – wenn sie den nicht beseitigen, kommt der nächste.

Würden dem Stadtteil auch mehr Tourismus- und Kulturangebote weiterhelfen?

Tourismus fristet ja bei uns eher noch so ein stiefmütterliches Dasein. Wir haben ja nicht so viel, was auch überregional zieht. Wir haben den Denkort Bunker Valentin, der ist natürlich auch weltweites Zeugnis und sicherlich auch eine weltweite „Attraktion“. Das Problem ist ja, einen Denkort mit dieser Geschichte zu vermarkten. Da muss man aufpassen, dass man nicht überzieht. Das darf ja kein Happening werden. Aber es ist, glaube ich, für uns eine ganz wichtige Geschichte, dass wir das auch als Chance wahrnehmen, dass wir auch Leute von weiter weg hierher bekommen.

Welche weiteren kulturellen Vorzüge hat Blumenthal, mit denen man sich auch präsentieren kann?

Wir haben das Farger Theater, wir haben die Lüssumer Volksbühne, wo es sich wirklich lohnt, mal hinzugehen. Die machen tolle Geschichten.

Die Lüssumer Volksbühne führt Stücke auf Plattdeutsch auf. Wie wichtig ist es, auch so etwas zu bewahren?

Das hat was mit Identifikation zu tun. Man muss ja den Blumenthalern und den Leuten, die herkommen, etwas anbieten, wo man sagt: ,Das sind wir jetzt'. Und auch um denjenigen, die hier leben, das Gefühl zu geben, dass sie hier nicht nur leben, weil sie die Geschlagenen und Geschundenen sind, sondern zu zeigen, hier ist es auch schön und wir haben hier auch eine eigene Identität.

Vereine bilden auch Identifikation. Einem entsprang Ousman Manneh.

Ja, Ousman Manneh ist einer, der bei uns aufgelaufen ist und den wir aufgenommen haben, weil wir natürlich sofort beim ersten Training gesehen haben, dass der Junge ein guter Fußballer ist. Aber wir haben ihn auch genommen, weil in dem Verein Blumenthaler SV 29 Nationen aktiv sind und weil das für uns selbstverständlich ist. Und wir nehmen jemanden, egal, was er für ne Hautfarbe hat und egal, woher er kommt.

Blumenthal hat auch eigene Festivals.

Feuer und Wein ist ein stadtweit bekanntes Festival mit überregionalem Besuch. Etliche tausend Besucher kommen immer am dritten Wochenende im Mai. Wir haben auch noch Rock die Burg. Das war auch dieses Jahr wieder ein Highlight. Ich bin ja seit ein paar Jahren da Schirmherr und wir unterstützen das auch mit unserem Förderverein und sind da im Grunde Mitveranstalter und profitieren dann wiederum davon, dass wir da ein bisschen Geld rausbekommen.

Wieviel ist „ein bisschen Geld“?

Zwischen 2000 und 3000 Euro.

Worin wird das investiert?

Um unsere laufenden Kosten zu bestreiten und ein paar Projekte anzuschieben. Wir haben eine Institution, die nennt sich Bildungsbrücke. Die haben wir vor ein paar Jahren gegründet. Die hat zwei Jahre lang von dem Erlös profitiert. Und in diesem Jahr haben wir ein paar Tage einen Caring Day mit der Führungscrew von AB InBev gemacht. Die haben uns die Bahrsplate aufgemöbelt.

Wie bauen Sie die kulturellen Besonderheiten aus?

Die kleinen Sachen, die wir hier haben, hegen und pflegen und so richtig zu Kulturmeilensteinen entwickeln. Wir können nicht sagen, wir wollen auf einer Ebene mit dem Kulturbahnhof in Vegesack sein oder mit dem KITO.

Sie haben das Doku.

Aber das Doku ist ja jetzt keine Location, in der man ein Ambiente hat, das beeindruckt. Das ist eine alte Schule und wir machen da ne Menge. Da wird viel angeboten und Stadtteilgeschichte verarbeitet. Wir haben die Burg, wo wir auch das Heimatmuseum haben, das Kahnschifferhaus in Farge, wo die Geschichte Farges aufgearbeitet wird. Das machen alles ehrenamtliche Leute. Das haben wir alles ganz viel, das ist Stadtteilkultur. Die Frage ist da aber, was wir für Objekte haben, wo andere auch drauf gucken, um das wahrzunehmen.

Wie sind die Zukunftsaussicht für das Blumenthaler Zentrum?

Wenn es uns gelingt, das alte Zentrum zu beleben, einfach diese Leerstände zu beseitigen, dann steigert das die Gesamtattraktivität des Stadtteils. Weil dann eines dieser Argumente 'In Blumenthal ist alles tot' wegfiele.

Das Gespräch führte Annika Mumme.

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