Wettkampf meines Lebens

Von Schwimmhallen begeistert

Wenn man Kerstin Pieper-Köhler nach dem „Wettkampf ihres Lebens“ fragt, wie wir es für unsere Serie tun, kämen auf Anhieb etliche Veranstaltungen infrage.
11.04.2021, 15:09
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Prigge
Von Schwimmhallen begeistert

Die Schwimmerin Kerstin Pieper-Köhler blickt auf zwei unvergessene Momente in ihrer Karriere zurück.

Christian Kosak

Wenn man Kerstin Pieper-Köhler nach dem „Wettkampf ihres Lebens“ fragt, wie wir es für unsere Serie tun, kämen auf Anhieb etliche Veranstaltungen infrage. Immerhin gibt es im Bremer Norden wohl kaum jemanden sonst, der auf eine ähnliche Karriere blicken kann, wie die Schwimmerin des Blumenthaler TV. Das Thema Schwimmsport begleitet die 1960 geborene Kerstin Pieper-Köhler schon ihr ganzes Leben. Zwei persönliche Höhepunkte hat sie sich für die NORDDEUTSCHE ausgesucht – sie führen nach München und ins russische Kasan.

Nach der Schwimmausbildung bei der SG Aumund-Vegesack unter Hermann Plebanski folgt bald die Teilnahme am Bremer Verbandstraining. Früh steht fest, dass da ein außergewöhnliches Talent schlummert. So blickt Kerstin Pieper-Köhler zunächst auf die Zeit zurück, als sie im Alter von zwölf Jahren schon vorne mitschwimmen konnte. 1972 findet ihr erster persönlicher „Wettkampf meines Lebens“ statt: Pieper-Köhler feiert ihr Debüt bei den Deutschen Meisterschaften. „Das war etwas ganz Besonderes“, erinnert sich die Blumenthalerin. Die nationalen Titelkämpfe finden in der neuen Münchener Olympiaschwimmhalle statt, von der sich die Zwölfjährige sehr beeindrucken lässt. „Du gehst in diese Schwimmhalle und bist erst einmal überwältigt. Und dann darfst du auch noch mit den ganzen Stars schwimmen, die auch alle gerade vor Ort sind“, schwärmt Pieper-Köhler. Über 100 Meter Rücken schwimmt sie damals sogar ins B-Finale und erreicht am Ende unter den Augen des Jahrgangstrainers Karl-Heinz Henfling und ihrer Eltern Platz 14.

Ebenfalls angetan ist sie von ihrer Unterkunft: „Wir haben mit allen Athleten im Olympiadorf gewohnt und alle haben in einer großen Mensa zusammen gegessen. Das war wirklich toll.“ Sie glaubt, dass der Besuch in München für sie auch das erste Mal war, dass sie diese Stadt sah. „Es ist schon lange her. Ich war damals viel mit meinen Eltern in Österreich im Urlaub, aber von der Stadt konnte man während der Wettkämpfe trotzdem nicht viel sehen.“

Für zwei Jahre besucht Kerstin Pieper-Köhler die Schule des deutschen Schwimmverbandes (DSV) in Saarbrücken und absolviert schließlich in Oldenburg eine Ausbildung als Gymnastiklehrerin – nebenbei schwimmt sie beim Blumenthaler TV. Zugleich startet sie eine erfolgreiche Trainerkarriere und kümmert sich beim Bremischen Schwimmverein um den Nachwuchs. 1980 klappte es fast mit der Olympiateilnahme 1980 in Moskau, doch wegen des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan beschließt die Bundesrepublik Deutschland einen Boykott der Spiele. Kerstin Pieper-Köhler beendet schließlich ihre Karriere, steht noch acht weitere Jahre am Beckenrand und gönnt sich eine 20-jährige Wasserpause.

Zu ihrem zweiten „Wettkampf meines Lebens“ kommt es 2015. Wenige Jahre zuvor – ihre beiden Söhne haben gerade den Führerschein erworben – startet sie ein Comeback, und zwar in der Masters-Konkurrenz, die ab der Altersklasse 20 beginnt. Auch hier ist sie vorne mit dabei. 2015 nimmt die Masters-Schwimmerin an den Masters-Weltmeisterschaften im russischen Kasan teil. Für Kerstin Pieper-Köhler entwickeln sich diese Titelkämpfe zu einem rundum gelungenen Highlight. Aus sportlicher Sicht kann die WM als „Wettkampf meines Lebens“ bezeichnet werden, denn die ehrgeizige Athletin holt Doppelgold in der AK 55. Über ihre Paradestrecke 200 Meter Rücken stellt sie in 2:51,06 Minuten einen „Championships Record“ auf und knackt über 100 Meter Rücken in 1:20,12 Minuten den deutschen Altersklassenrekord.

Noch euphorischer stimmt sie jedoch das Drumherum: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war eine perfekte Organisation. Wir wurden als Sportler in Moskau am Flughafen abgeholt und zum anderen Flugzeug gebracht. In Kasan wurden wir ebenfalls überall hofiert. Du wurdest beim Weg zum Startblock beklatscht und auch beim Rausgehen. Deine Sachen wurden getragen, selbst beim Einkaufen standen Volunteers bereit und haben als Übersetzer geholfen. In jeder Ecke der Stadt gab es eine Schwimmhalle zum Einschwimmen. Man ist da wirklich als Sportler getragen worden und das zeigt eine ganz andere Wertschätzung für den Schwimmsport als wir sie in Deutschland haben.“ Solche Erlebnisse und ihre andere große Leidenschaft, das Reisen, fehlen Kerstin Pieper-Köhler, die als pädagogische Mitarbeiterin an der Heideschule Schwanewede arbeitet, während der Corona-Pandemie sehr. In diesen Tagen hätte eigentlich eine Frankreich-Reise stattfinden sollen.

Nun hat sich die 61-jährige Weltmeisterin auch noch beim Sport durch einen Sturz das Handgelenk gebrochen. Sie weiß, dass andere ärmer dran sind: „Wir zählen jetzt schon zwei Jahrgänge, die kein Schulschwimmen haben. Das sind am Ende zu viele Nichtschwimmer. Die Kinder müssen also zuerst ins Wasser, wenn es wieder möglich ist.“

Info

Zur Person

Kerstin Pieper-Köhler (61)

blickt auf eine außergewöhnliche Karriere zurück. Die Masters-Schwimmerin des Blumenthaler TV lernte bei der SG Aumund-Vegesack Schwimmen, startete später für den Bremer Sportclub und feierte nach 20-jähriger Schwimmpause beim BTV ein Comeback in der Masters-Konkurrenz. Hier schwamm sie 2015 in Russland zum doppelten WM-Titel. Vielen Kindern verhalf sie als Trainerin zu schwimmerischen Fortschritten. Die pädagogische Mitarbeiterin ist außerdem Masters-Fachwartin im Landesschwimmverband Bremen und liebt das Reisen.

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