U-Boot-Bunker Valentin Ein einzigartiges Biotop

Wissenschaftler haben die Flora und Fauna auf dem Dach des U-Boot-Bunkers Valentin erfasst und äußerst seltene Pflanzen und Lebewesen entdeckt. Die Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht.
09.04.2019, 18:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Das Dach des U-Boot-Bunkers Valentin ist ein Extremlebensraum. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Wissenschaftler angezogen. Kürzlich sind die Ergebnisse der Forschungen im neuesten Band des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen (NWV) veröffentlicht worden. Die Wissenschaftler entdeckten unter anderem ganz neue Kieselalgen-Arten und eine extrem seltene Wildbiene.

Die Oberseite des riesigen Bunkers ist von 70 kleinen Kratern übersät wie eine Mondoberfläche, und die Substanz aus Beton macht das Dach zu einer flachen Felslandschaft. Mit einer Länge von 426 Metern, 97 Metern Breite und 33 Metern Höhe ist der riesenhafte Block, ökologisch gesehen, ein Isolat inmitten der feuchten Marsch an der Weser.

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Der Betonklotz, der im Zweiten Weltkrieg entstand und bis Ende 1948 als Ziel für Versuchsbomben der britischen Royal Air Force diente, ist ein Lebensraum, wie man ihn selten findet: Solche unbesiedelten, stark isolierten Flächen entstehen in der Natur vor allem nach dem Ausbruch von Vulkanen. Ein Beispiel ist die Insel Surtsey vor der Küste Islands, die 1963 aus dem Meer geboren wurde und auf der Ökologen seitdem intensiv die Neubesiedlung von Lebensräumen studierten.

Als die Bundeswehr den U-Boot-Bunker Valentin im Jahre 1964 übernahm, wurde das östliche Drittel des Daches mit Kies abgedeckt, später wurden dort Solaranlagen installiert. Die Bombentrichter füllten sich mit Wasser, die je nach Witterungsverlauf austrocknen oder das ganze Jahr über Wasser führen. Auf dem Beton wie in den Tümpeln konnten Tiere wie Pflanzen gleichsam bei null beginnen und sich ungestört entwickeln.

Ideales Studienobjekt für Biologen

Doch zunächst einmal müssen Lebewesen das hoch aufragende Dach des Bunkers erreichen, und wer dort oben Fuß fassen will, muss dem extrem nährstoffarmen Substrat, heftigen Winden und Niederschlägen trotzen. Andererseits bot das Dach des Bunkers nach seiner Entstehung einen leeren, noch unbesiedelten Raum, auf dem es keinerlei Konkurrenz durch gleiche oder andere Arten gab.

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So bietet das Bunkerdach ein ideales und selten zu findendes Studienobjekt für Biologen, die sich für die Neubesiedlung und Entwicklung von Lebensräumen interessieren. Welche Arten sind zuerst da? Wer kann dort oben überleben? Und wie verändern sich die Artenbestände im Laufe der Zeit? 1990 wurde das Bunkergelände erstmals hinsichtlich seiner Pflanzenwelt untersucht.

Und erst 1996 und 1997 widmeten sich die Botaniker Josef Müller von der Bremer Uni und Heinrich Kuhbier vom Überseemuseum Bremen intensiver der Flora und Vegetation des Bunkerdaches. „Ab dem Jahre 2005 waren wir mindestens alle zwei Jahre oben, um die Pflanzenwelt zu erfassen“, sagt Josef Müller.

„Den Zugang bot eine Treppe, über die man inzwischen gefahrlos nach oben gelangt.“ Es sei wichtig gewesen, das Bunkerdach zu verschiedenen Jahreszeiten zu erforschen, um zum Beispiel auch nur im Frühjahr oder Herbst blühende Arten wie Dreifinger-Steinbrech oder Hühnerhirse nicht zu übersehen, betont der Wissenschaftler.

Eine Bilanz die sich sehen lassen kann

Doch der Extremlebensraum Bunkerdach zog weitere Wissenschaftler in die luftigen Höhen: Spezialisten für Moose, Pilze oder für die Kleintierfauna von Wasser- und Landlebensräumen. Jüngst sind die Ergebnisse der Forschungen im neuesten Band des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen (NWV) veröffentlicht worden.

Insgesamt zählten die Wissenschaftler 638 Arten auf dem Gelände, darunter finden sich 40 Arten Moose, 39 Pilzarten, davon vier neu für Niedersachsen, 174 Arten Wirbellose der Landbiotope, darunter eine extrem seltene Wildbiene, die ihre Brut in Schneckenhäusern aufzieht – das ist eine Bilanz, die sich sehen lassen kann, doch welche Besonderheiten kommen auf dem Bunkerdach vor? Gibt es zum Beispiel eigene Lebensgemeinschaften in den Tümpeln?

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Von winzigen Kieselalgen über Kleinkrebse und Wassermilben bis zu Libellen oder Eintagsfliegen hat sich in den tieferen und größeren Bombenlöchern ein beachtlicher Artenreichtum entfaltet. Die Vielfalt ist mit 89 Arten besonders bei den Kieselalgen bemerkenswert, unter denen zwei sogar neu für die Wissenschaft sind. Und auch die Muschelkrebse bargen eine Überraschung:

Auf dem Dach des Bunkers wurde das erste lebende Exemplar einer Art entdeckt, die bisher in Deutschland nur fossil bekannt war. Viele der Arten in den Gewässern, zum Beispiel unter Wassermilben, Eintagsfliegen oder Wasserkäfern, sind jedoch in Nordwestdeutschland weit verbreitet, sie stellen also keineswegs Spezialisten für Felstümpel dar.

Und im Großen und Ganzen gilt dies auch für die Flora mit 171 nachgewiesenen Arten: Spezialisten der Felsen, wie sie die deutschen Mittelgebirge besiedeln, fehlen weitgehend, offenbar, weil die Entfernungen zu den nächstgelegenen Felslandschaften, etwa zum Harz, zu groß sind.

Bisher nur Spekulationen

„Würde der Bunker in den Alpen liegen, wären sicherlich auch mehr Felspflanzen oben auf dem Bunkerdach“, sagt Josef Müller. Inzwischen wachsen dort jedoch Bäume wie Ahorn oder Eschen, und in den Tümpeln ragen Schilf und Rohrkolben aus dem Wasser. Die Frage, die sich alle Wissenschaftler stellen mussten, lautet: Wie erreichen die Tiere und Pflanzen die beträchtliche Höhe des Bunkerdachs? Doch darüber kann nur spekuliert werden: Im Niederschlag, sei es als Regen oder Schnee, können zum Beispiel winzige Sporen von Pilzen oder Moosen enthalten sein.

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Im Gefieder von Vögeln, die in den Tümpeln ein Bad nehmen, können Eier, Larven oder Kleintiere transportiert werden, und einige Wassermilbenarten heften sich als Larven auch an flugfähige Insekten, die auf dem Bunkerdach gelandet sind.

„Das Bunkerdach ist eine Spielwiese der Natur“, sagt Josef Müller, „da oben herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.“ Und besonders spannend sei, was nach dem heißen Sommer 2018 passiert, der besonders den Gehölzen zu schaffen gemacht hat. Josef Müller ist von der Fläche so fasziniert, dass er sie auch zukünftig immer wieder unter die Lupe nehmen wird: „Ich mache dort mit den Forschungen weiter, solange ich noch die Treppe hochkomme“, sagt der Botaniker.

Weitere Informationen

Die Einzelarbeiten zur Flora und Fauna des Bunkers Valentin sind in den Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen, Band 47 (3) erschienen, zu beziehen unter www.nwv.bremen.de.

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