Holocaust-Gedenktag in Bremen Engagement der Gedenkstätten gefordert

Gegen eine „Wohlfühl-Erinnerungskultur“ hat sich ein Historiker anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus in Bremen ausgesprochen. Die Feier fand erstmals im Denkort Bunker Valentin statt.
27.01.2019, 17:23
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Von Jörn Hildebrandt

Der thematische Schwerpunkt des Tags des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar heißt in diesem Jahr „Zwangsarbeit“ – deshalb lag es nahe, die zentralen Gedenkveranstaltung des Senats im Denkort Bunker Valentin stattfinden zu lassen. Denn der Bau des U-Boot-Bunkers fußte auf der Schinderei vieler Tausend Menschen, die dort zu schwerster körperlicher Arbeit gezwungen wurden. „Damit findet dieser Gedenktag zum ersten Mal nicht im Bremer Rathaus statt“, sagte Thomas Köcher, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, der die Gedenkveranstaltung am Sonntag in der großen Halle des Denkorts Bunker Valentin eröffnete.

Vor genau 74 Jahren befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz, in dem die Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Juden ermordet hatten. Im Jahr 2005 ist der 27. Januar von den Vereinten Nationen zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust erklärt worden. Bereits seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag.

Musik von Jörn Schipper umrahmte die Veranstaltung mit ruhigen, sphärischen Klängen, und als Bürgermeister Carsten Sieling sein Grußwort sprach, erinnerte er daran, dass während des Zweiten Weltkriegs etwa 70 000 Zwangsarbeiter in Bremen untergebracht waren, von denen viele zum Beispiel in der Rüstungsindustrie, bei der AG Weser und nicht zuletzt am Bunker Farge arbeiten mussten.

Sieling ruft zu mehr Engagement auf

Sieling zitierte einen Satz des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog: „Es ist wichtig, eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt.“ Dies bleibe bis heute eine wichtige Aufgabe, und dazu gehörten auch Rituale, die aber nie erstarren dürften. Neben Dialogen auf Augenhöhe sei angesichts des erneuten Auftretens von Rechtsradikalismus in Europa auch verstärktes Engagement wichtig, betonte der Bürgermeister.

Den mit viel Beifall bedachten Festvortrag hielt Jens Christian Wagner, der seit 2014 Geschäftsführer der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten ist. Wagner warnte davor, die Schrecken der NS-Zeit auf die Gaskammern von Auschwitz zu reduzieren. Auschwitz sei eher zur Metapher geworden, doch weit mehr Menschen starben nicht dort, an der Peripherie des deutschen Herrschaftsbereichs, sondern mitten in Deutschland.

Viele Konzentrationslager zum Beispiel lagen in der Nähe von Industriestandorten. Der ausschließliche Blick auf Auschwitz verstelle die gesamte Bandbreite der NS-Opfer. „Die meisten Verbrechen wurden vor der eigenen Haustür begangen“, sagte Jens Christian Wagner, der vor allem einen kritischen Blick auf die heutige Erinnerungskultur warf.

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Er forderte eine Neuorientierung der Gedenkstätten: „Bloße Erinnerungsarbeit und Trauern reichen nicht aus, viel zu selten kommt es zu einer Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in der Öffentlichkeit“, sagte Wagner. „Die Erinnerungskultur muss geändert werden. Woran soll sich zum Beispiel ein 16-jähriger Schüler erinnern, wenn es um die NS-Zeit geht?“ fragte er. Erinnerungsarbeit bedeute bei jungen Menschen häufig eine Überforderung, die zudem noch moralisch aufgeladen sei. Sie müsse vielmehr ihre Perspektive erweitern: Es reiche nicht, nur der Opfer zu gedenken und um sie trauern, sondern man müsse nach den wahren Hintergründen fahnden. In den letzten Jahren sei eine Art „Wohlfühl-Erinnerungskultur“ entstanden.

Historiker fordert Stärkung des historischen Urteilsvermögens

Jens Christian Wagner fragte, ob die Gedenkstätten versagt haben, wenn heute überall in Europa Rechtsextreme wieder Zulauf haben. Zwar sei das Erstarken der Rechten ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, doch Inhalte und Methoden der Gedenkstätten hätten sich viel zu wenig mit aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen befasst. Menschenrechte und die politische Moral ließen sich nicht aus dem bloßen Widerstand gegen die Nazi-Gesellschaft ableiten.

Jens Christian Wagner forderte „Reflexion statt Affirmation, Erkenntnis statt Bekenntnis“, und dies bedeute vor allem: das historische Urteilsvermögen stärken. Dazu sollte bereits in Schulen dazu angeleitet werden, kritische Fragen zu stellen: Warum stießen die Lager der Nazis bei weiten Teilen der Bevölkerung auf Akzeptanz? Warum setzte die Schwerindustrie auf Zwangsarbeiter?

Jens Christian Wagner listete einige gefährliche Tendenzen der Gegenwart auf, wie die Gewöhnung an Gewalt und Ausgrenzung, die Suche nach Gruppenzugehörigkeit oder Ausgrenzungs-Diskurse, vor allem aber Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit und autoritäres Denken. Er forderte, dass Gedenkstätten weit mehr politisches und gesellschaftliches Engagement zeigen sollten, was allerdings auch Anstrengung bedeute, denn „Nachdenken und forschendes Lernen sind mühsamer als sentimentales Erinnern“, sagte Jens Christian Wagner am Ende seiner Rede.

Zum Abschluss des Gedenktages verlasen Schüler des neunten Jahrgangs der Oberschule Wilhelm-Kaisen die Namen der Opfer, die durch Medizinverbrechen in Bremen ums Leben gekommen sind. Viele geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche starben zum Beispiel an Überdosierungen mit Medikamenten.

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