Ungewisse Zukunft

Thyssen-Krupp sucht Käufer für Bremer Standort

Erst im Dezember wurde für den Bremer Standort von Thyssen-Krupp System Engineering ein Restrukturierungsprogramm erarbeitet. Nun sucht die Konzernmutter nach einem Käufer oder Partner für den Standort.
06.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Thyssen-Krupp sucht Käufer für Bremer Standort
Von Peter Hanuschke

Die Zukunft des Bremer Thyssen-Krupp-Standorts in Farge ist ungewiss. Erst im November hatte sich die Geschäftsführung der Thyssen-Krupp System Engineering in Abstimmung mit dem Vorstand in Essen, dem Betriebsrat und der IG Metall auf ein Restrukturierungsprogramm verständigt. Dieses ist derzeit noch in der Umsetzung und beinhaltet unter anderem den Abbau von 230 Arbeitsplätze, um dem Standort eine Perspektive zu geben. Nun hat die Konzernzentrale umgesteuert: Die AG will sich von Thyssen-Krupp System Engineering in Farge trennen – entweder in Form einer Partnerschaft oder durch einen Verkauf.

„Diese Entscheidung hat uns sehr überrascht“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Guido Heinrich. „Wir dachten, es würde nach der Restrukturierung im Konzern weitergehen.“ Die Mitarbeiter seien in großer Sorge. Zur Stammbelegschaft der Thyssen-Krupp System Engineering in Bremen gehörten bis März 868 Mitarbeiter. Betroffen seien auch andere Standorte. Für Langenhagen gelte das Gleiche wie für Bremen, für den Standort in Sachsen gehe es um den Verkauf oder die Schließung. „Was passiert, wenn für uns kein Käufer gefunden wird?“, fragt Heinrich.

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Eine konkrete Antwort darauf gibt die Konzernmutter auf Nachfrage des WESER-KURIER nicht. „Im Zuge der Neuausrichtung des Portfolios werden auch einige Geschäftsteile der heutigen Thyssen-Krupp System Engineering in eine neue Organisation, genannt ,Multi Tracks‘, überführt“, sagt Sprecher Konrad Böcker. Dazu zähle auch die sogenannte Einheit Powertrain Solutions, die unter anderem Produktionsanlagen für den Bau von Motoren liefere. Der besagte Standort in Bremen gehöre zu dieser Geschäftseinheit. „Für alle Geschäfte, die zukünftig bei Thyssen-Krupp in dem Segment ,Multi Tracks‘ geführt werden, sieht der Konzern keine nachhaltige Zukunftsperspektive mehr innerhalb der Gruppe. Deshalb sollen für diese Geschäfte perspektivisch Lösungen außerhalb des Konzerns gefunden werden.“

Der Standort in Farge hat in den vergangenen Monaten den Technologiewandel in der Automobilindustrie weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität zu spüren bekommen. Denn dort werden Montage- und Testsysteme für die Produktion von Antriebssystemen entwickelt und gebaut, die bislang in der herkömmlichen Automobilherstellung verwendet wurden. Die Autobauer würden flächendeckend Investitionen in neue Produktionsanlagen zurückstellen – gerade bei Projekten im konventionellen Antrieb, hatte Sprecher Böcker bereits im November als Argument für das Restrukturierungsprogramm angeführt. Damals ging es allerdings noch um eine Perspektive: Der Bremer Standort sollte sich auf alternative Antriebe konzentrieren und sich auf die Montage von Antriebssystemen für E-Motoren spezialisieren.

Corona-Krise verschärfte die Situation

Die in der gesamten Geschäftseinheit System Engineering begonnene Restrukturierung werde unabhängig von der organisatorischen Neuordnung weiter fortgesetzt, sagt der Sprecher. „Die eingeleiteten Maßnahmen sind notwendig, um auf Überkapazitäten in einem schrumpfenden Markt zu reagieren.“ Der durch die Corona-Krise ausgelöste Konjunktureinbruch in der Automobilindustrie habe diese Situation noch einmal verschärft.

Der Betriebsratsvorsitzende Guido Heinrich erwartet von der Konzernleitung in dieser Phase nach eigenen Angaben in erster Linie Ehrlichkeit und Transparenz. „Es geht auch darum, dass die Betriebsräte und Geschäftsführungen rechtzeitig in die laufenden Prozesse eingebunden werden und objektive gemeinsame Entscheidungen treffen können“, sagt er.

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Der Technologiewandel in der Automobilbranche im Bereich Antrieb trifft Thyssen-Krupp genauso wie viele andere Automobilzulieferer schwer. Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern auf erhebliche Verluste in 2018 in diesem Geschäftsbereich hingewiesen. Von Thyssen-Krupp System Engineering gibt es allein in Deutschland acht Entwicklungs- und Produktionsstandorte.

Allerdings zeichnete der Konzern aber durchaus auch Perspektiven auf: „Insgesamt glauben wir an die Zukunftsfähigkeit unseres automobilen Anlagenbaus. Allerdings sind nun klare Einschnitte und Veränderungen notwendig, um das Geschäft wieder wettbewerbsfähig und profitabel zu machen“, teilte Karsten Kroos, Geschäftsführer der Autozuliefersparte von Thyssen-Krupp, vor einem Jahr mit. Während unrentable Geschäfte wegfallen sollen, will das Unternehmen vor allem bei der E-Mobilität und der Digitalisierung wachsen, hieß es.

Jeder Euro wird mehrmals umgedreht

Die finanzielle Situation im Konzern sei bekanntermaßen angespannt, sagt der Betriebsratsvorsitzende Heinrich. Ein Verkauf oder eine Partnerschaft mit einem anderen Unternehmen müsse nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Im Konzern werde gerade jeder Euro mehrmals umgedreht. „Wir müssen gerade jetzt in die neuen Technologien investieren, um fit für die Zukunft zu werden", sagt der Arbeitnehmervertreter. Ein solventer Partner wäre hier hilfreich. Gerade die Standorte in Hohenstein-Ernstthal, Langenhagen und Farge stünden für die neuen Produkte der E-Mobilität: also Montageanlagen und Testtechnik für Elektromotoren und Batterietechnik.

Heinrich hat für den Bremer Standort trotz der momentanen Situation Hoffnung für die Zukunft: „Ein großer Kunde im Automobilsektor, der mit uns als Entwickler eine Partnerschaft eingeht oder neuer Eigentümer wird, wäre sicherlich ein idealer Partner.“ Es gebe schon ein paar interessante Spieler im Zukunftsmarkt Elektromobilität.

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