Meine Woche

Gewohnheiten und Erwartungen verlieren an Bedeutung

Die Leichtathletin Gabriele Rost-Brasholz berichtet darüber, was sie in der abgelaufenen Woche erlebt hat und was sie bewegt hat.
31.03.2020, 16:52
Lesedauer: 5 Min
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Von Karsten Hollmann
Gewohnheiten und Erwartungen verlieren an Bedeutung

Gabriele Rost-Brasholz bei ihrem täglichen Gymnastikprogramm.

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Mittwoch, 25. März: Normalerweise bin ich um 6.30 Uhr in der Grafttherme in Delmenhorst zum einstündigen Aquatraining. Weil das wegen Corona nicht stattfindet, stehe ich nicht so früh auf. Auch der übliche französische Konversationskursus nach dem Aquatraining fällt aus. Zum Glück darf ich mich draußen noch frei als Einzelperson bewegen. Die Senioren-Europameisterschaften in Braga (Portugal) sind abgesagt. Ich hatte geplant, dafür ein umfangreiches Laufprogramm zu absolvieren. Auch die in der ersten Aprilwoche vorgesehenen EM-Straßenläufe auf Madeira sind gestrichen, ebenso natürlich alle nationalen und regionalen Läufe. Für mich selbst erstaunlich ist die Erfahrung, dass ich den Ausfall all dieser Termine, auf die ich mich monatelang vorbereitet und gefreut hatte, so gut weggesteckt habe. Angesichts der Corona-Krise verlieren viele selbstverständliche Gewohnheiten und Erwartungen ihre Bedeutung. Ich warte mit dem Lauftraining bis zum frühen Nachmittag, da trotz strahlend blauem Himmel die Temperaturen und der Wind kühl sind. Ich spule eine meiner vielen noch mit dem Fahrrad vermessenen Laufstrecken in Schierbrok und Bookholzberg, eine 13 Kilometer lange Runde, herunter, ohne auf das Tempo zu achten. Das ist auch eine neue Erfahrung für mich. Ich habe keinerlei Wettkampfmodus im Blick.

Donnerstag, 26. März: Nach dem Aufstehen führe ich wie seit 30 Jahren mein 30-minütiges gymnastisches Sportprogramm durch. Ich arbeite mit Theraband, Wackelkreisel, Gewichten, Treppenstufen, ergänzt durch 200 Situps in verschiedenen Positionen. Dieses Programm habe ich auch während meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Sport- und Englischlehrerin an einer Delmenhorster Realschule durchgeführt. Dieses Ritual der täglichen Gymnastik hat sowohl meine körperliche Fitness als auch Kopf und Seele in Schwung gehalten. Ich laufe heute nur etwa sechs Kilometer in langsamem Tempo, unterbrochen von mehreren kleinen schnelleren Antritten zwischendurch. Es läuft wie geschmiert.

Freitag, 27. März: Mich hat eine gewisse Trägheit befallen. All die Ratschläge, die ich diesbezüglich immer meinen Schülern versucht habe zu vermitteln, setze ich nicht um. Nun kann ich gewisses Schülerverhalten besser verstehen. In meiner Familie gibt es große Sorgen wegen Corona auf ganz anderer Ebene. Der Mann meiner Schwester, 79 Jahre, ist schwer erkrankt und liegt in einer Bonner Klinik. Er darf nicht besucht werden. Hinzu kommt, dass die Tochter (32), also meine Nichte, seit Anfang März in Asien ist. Sie wollte sechs Monate durch den Kontinent reisen. Zurzeit sitzt sie in Thailand 1000 Kilometer von Bangkok entfernt im Nirgendwo fest. Laut Regierungsanordnungen müssen alle Ausländer innerhalb von 48 Stunden das Land verlassen. Wir sind äußerst besorgt und hoffen, dass sie da irgendwie rauskommt.

Sonnabend, 28. März: Ich hatte geplant, Anfang April auf Madeira bei der Senioren-EM neben dem Zehn-Kilometer-Lauf auch den Halbmarathon zu bestreiten, in dem ich im Einzel und auch mit der deutschen Mannschaft Chancen auf eine Medaille gehabt hätte. Auch wenn die EM nun nicht stattfindet, wähle ich gegen 10 Uhr gut verpackt und mit Trinkflasche um den Bauch eine Trainingsstrecke von etwa 20 Kilometern. Nach 2:09 Stunden bin ich wieder zurück. Vielleicht werde ich wieder ins Marathontraining einsteigen. 28 Marathons habe ich bereits geschafft, den letzten im August 2012 in Izmir bei 40 Grad im Schatten. Der hat mich trotz einer Bronzemedaille im Einzel völlig demotiviert. Bei meinem ersten Marathon erreichte ich 1987 in Bremen auf Anhieb eine Zeit von 3:42 Stunden. Meine Bestzeit lief ich in 3:08 Stunden in Hannover.

Sonntag 29. März: Meiner Nichte ist es gelungen, nach Bangkok zu kommen. Dort wartet sie auf ihren Rückflug, der am 2. April erfolgen soll. Ich unternehme einen längeren Spaziergang mit meinem Ehemann Manfred Brasholz und unserem Hund Polly. Der ist sieben Jahre alt und wurde uns mit sechs Monaten über eine spanische Auffangstation vermittelt. Eigentlich wollte ich nie einen Hund, da ich seit Kindheit kein gutes Verhältnis zu Hunden hatte und sogar dreimal gebissen wurde. Ich bin Katzenfan und hatte 40 Jahre lang immer Katzen. Aber nachdem zuletzt drei Katzen kurz hintereinander überfahren wurden, war dieses Thema abgeschlossen. Nach langem Drängen ließ ich mich zu einem Hund überreden, damit mein Mann sich regelmäßig draußen bewegen muss. Seine Laufkarriere ist schon lange wegen Kniebeschwerden vorbei. Dabei hatte er mich zum Laufen gebracht und jahrelang gecoacht. In unregelmäßigen Abständen nehme ich Polly zum Laufen mit, was jedoch wegen ihrer dauernden Schnupperstopps sehr anstrengend ist.

Montag, 30. März: Die verordnete soziale Isolierung weckt Erinnerungen an meine Zeit im Nachkriegsdeutschland, die ich in einem winzigen Dorf im Rheinland verbracht habe. Diese Erlebnisse haben mich jahrzehntelang verfolgt. Aber erst vor einigen Jahren habe ich mich damit auseinandergesetzt und in einem Buch unter dem Titel „Die Engel singen hören“ veröffentlicht. Darin schildere ich, wie meine Mutter und ich als Fremdkörper behandelt wurden. Die Isolierung wurde durch die Dorfgemeinschaft erzwungen. Immer war ich auf der Suche nach Nahrung, was sogar so weit führte, dass mich ein Bauer einmal im Schweinestall fand, als ich mir die warme Schweinekleie gierig in den Mund stopfte. Als Kind schaffte ich mir kleine Fluchten zum Überleben, suchte Abenteuer in der freien Natur, war immer in Bewegung. Kein Baum war zu hoch für mich. Oft stürzte ich irgendwo herunter und lag bewegungslos nach Luft ringend am Boden. Aber ich war zäh wie eine Katze mit sieben Leben. Aus dieser Zeit habe ich gelernt, nie aufzugeben, immer zu kämpfen und sich unermüdlich anzustrengen.

Dienstag, 31. März: Heute wäre der Abflug nach Madeira gewesen. Das Laufen war für mich nicht Liebe auf den ersten Blick. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Fünf-Kilometer-Volkslauf im Weserbergland, zu dem mein Mann mich überredet hatte, nachdem ich zuvor erst wenige Wochen dreimal pro Woche 20 Minuten gejoggt war. Ich erlebte mein „Waterloo“, ich kam als Letzte ins Ziel. Daraufhin schloss ich mich einem Delmenhorster Lauftreff an. Bei meinem ersten Marathon in Bremen hatte ich von Kilometer 25 an enorme Schwierigkeiten und verspürte ein dringendes Verlangen, mich im Blockland erschöpft in einen Graben fallen zu lassen. Als ich in Bremen auf dem roten Teppich in die Stadthalle einlief, war dies dann ein unbeschreibliches Gefühl. Mein Motto lautet seither: „Wer aufgibt, gibt zuerst im Kopf auf. Und jede Ankunft, unabhängig von der erreichten Zeit, ist ein ganz persönlicher Sieg.“

Marlon Allerheiligen, der Aktive des Golfclubs Lesmona, wird als Nächster über seine Woche berichten.

Info

Zur Person

Gabriele Rost-Brasholz (73)

ist seit 20 Jahren Mitglied bei der der LG Bremen-Nord. Die passionierte Langstreckenläuferin wartet bereits seit 33 Jahren mit zahlreichen nationalen und internationalen Erfolgen auf. Seit vier Jahren ist sie auch auf den Mittelstrecken unterwegs.

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