Workcamp-Teilnehmer suchen am Bunker Farge nach Spuren der Zwangsarbeit Graben in der Vergangenheit

13 junge Frauen und Männer aus acht Ländern arbeiten für zwei Wochen auf dem Gelände des ehemaligen Bunkers Valentin in Farge. Im Rahmen eines internationalen Workcamps legen sie die Fundamentreste einer früheren Beton-Mischanlage frei. Spuren der Zwangsarbeit auf der ehemaligen Bunker-Baustelle werden sichtbar. Das Projekt ist Teil eines Rundweges, der sich im Aufbau befindet. 22 Stationen am Betonkoloss sollen Besuchern ab 2015 die Geschichte des Bunkerbaus und der Menschen, die dafür leiden und sterben mussten, vor Augen führen.
21.07.2013, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Gabriela Keller

13 junge Frauen und Männer aus acht Ländern arbeiten für zwei Wochen auf dem Gelände des ehemaligen Bunkers Valentin in Farge. Im Rahmen eines internationalen Workcamps legen sie die Fundamentreste einer früheren Beton-Mischanlage frei. Spuren der Zwangsarbeit auf der ehemaligen Bunker-Baustelle werden sichtbar. Das Projekt ist Teil eines Rundweges, der sich im Aufbau befindet. 22 Stationen am Betonkoloss sollen Besuchern ab 2015 die Geschichte des Bunkerbaus und der Menschen, die dafür leiden und sterben mussten, vor Augen führen.

Farge. Mit prüfendem Blick betrachtet Uta Halle das Fundstück in ihrer Hand: einen verrosteten dünnen Eisenstab mit einem scharfen Dorn an einem Ende. "Das könnte ein Stück von einer Stahlmatte sein", vermutet die Leiterin der Bremer Landesarchäologie. Hinter ihr, im Schatten des ehemaligen U-Boot-Bunkers "Valentin", schaufeln junge Männer Erde in einer von rot-weißen Bändern eingezäunten Grabungsstätte. Andere sieben frisch ausgehobenen Erdboden. Was nicht durch das grobmaschige Gitternetz fällt, wird neugierig unter die Lupe genommen.

Finger suchen zwischen Kieselsteinen und schwarzen Schlackekrumen nach besonderen Überresten. "Wir hoffen, bei der Ausgrabung auf Hinterlassenschaften der Menschen zu stoßen, die hier früher gearbeitet haben", sagt Marcus Meyer. Der Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung betreut den Denkort Bunker Valentin als wissenschaftlicher Leiter.

Zum ersten Mal hat die Gedenkstätte in Farge in Zusammenarbeit mit dem Freiwilligendienst Service Civil International und der Bremer Landesarchäologie ein internationales Workcamp am Betonkoloss organisiert. 13 junge Frauen und Männer aus acht Ländern arbeiten seit einer Woche auf dem Außengelände des Bunkers. Auf der Nordseite legen sie bis 27. Juli eine verschüttete ehemalige Beton-Mischanlage frei. Die Freiwilligen aus Deutschland, Spanien, Holland, der Tschechischen Republik, Serbien, der Republik Moldau, Russland und Taiwan machen dabei Spuren der Zwangsarbeit auf der ehemaligen U-Boot-Bunkerwerft sichtbar.

Als Zeugen der Vergangenheit ragen zwei wuchtige Wände des Mischwerkes zwischen Bäumen auf. Vieles aber ist verschüttet. Vor einer bereits freigelegten Betonkante am Hang schaufelt Meng Heng Lin aus Taiwan mit drei anderen jungen Männern Erde in Eimer. Beim Graben ist er heute schon fündig geworden: Den verrosteten Eisenstab mit dem Dorn hat er zutage gefördert. Der 24-jährige Medizinstudent nimmt zum ersten Mal an einem Workcamp teil. "Mein jüngerer Bruder und viele meiner Freunde waren schon in Camps", erzählt er. Das hat ihn neugierig gemacht. Seine Wahl fiel auf Farge.

Über den Nationalsozialismus und den Bunker Valentin habe er vorher nur wenig gewusst, erzählt er. Das hat sich in kurzer Zeit vor Ort geändert. "Wir arbeiten hier nicht nur, wir lernen auch etwas", sagt Meng Heng. Wie die Zwangsarbeiter in den Lagern lebten und unter welchen Bedingungen sie auf der Bunker-Baustelle arbeiten mussten, das interessiert ihn. Im Workcamp sucht er Antwort auf die Frage: "Warum haben die Deutschen damals diese Menschen so behandelt, warum mussten so viele sterben?" Das Schicksal der Zwangsarbeiter ist für ihn eine "Mahnung an unsere Generation, Krieg zu verhindern und den Frieden zu erhalten".

Gelegenheit, mehr zu erfahren, gibt es genug. Bei ihrem Aufenthalt werden die Teilnehmer das Gelände der früheren Bunker-Lager, die Gedenkstätte des ehemaligen KZ-Außenlagers Neuengamme auf der Bahrsplatte in Blumenthal sowie weitere Orte der NS-Zwangsarbeit in Bremen besichtigen und sich mit Initiativen austauschen. Erstmals im Camp ist Emina Karlic. Für die Germanistik-Studentin aus Serbien war es klar, dass sie nach Deutschland wollte. "Deutsche Geschichte interessiert mich sehr", sagt die 22-Jährige. Die KZ-Gedenkstätte in Dachau hat sie schon besucht. In Farge will sie mehr erfahren "über die Menschen, die hier zur Arbeit gezwungen wurden". Der Bunker ist ihr unheimlich. "Wenn ich ihn anschaue, wird mir kalt."

Beim Ausgraben stieß sie gleich am ersten Tag auf einen größeren Fund: ein verrostetes Rohrstück. In einer Plastiktüte liegt es in einem Zelt. Zusammen mit anderen eingetüteten Funden: Eisenstäben, einem Stück Armierungsstahl und Kieselsteinen. Die gibt es an der Grabungsstätte wie Sand am Meer. "Der Kies wurde in den Zement eingearbeitet. Er stammt aus den Weserkies-Gruben. Vermutlich wurde er per Schiff angeliefert und mit der Lorenbahn zur Baustelle transportiert", erklärt Landesarchäologin Halle.

"Bislang finden wir vor allem Spuren, die auf die Bautätigkeit hinweisen." Die Denkort-Mitarbeiter und Halle hoffen, dass das Erdreich noch Interessanteres preisgibt. Gegenstände, die Menschen vor über 70 Jahren auf der Baustelle hinterließen. Wertvolle Zeugnisse für die Gedenkstätten-Arbeit. "An dieser Stelle stießen Opfer und Täter zusammen. Beide könnten hier etwas zurückgelassen haben." Etwa eine Sohle vom Schuh eines Zwangsarbeiters. Stammt die Patrone in einer der Plastiktüten vielleicht aus dem Gewehr eines Kapos, der die Zwangsarbeiter überwachte? Sorin Dolea hat das Geschoss beim Graben entdeckt. Der 21-jährige Jurastudent aus der Republik Moldau nahm 2011 schon an einem Camp in Neuengamme teil. Was ihn an der Spurensuche reizt: "Hier wird Geschichte lebendig. Das ist etwas anderes, als wenn man nur darüber liest."

Über den Bunker "Valentin" wusste er vorher nur, dass dort "U-Boote als neue Geheimwaffe gebaut werden sollten". Dass dafür Tausende von Zwangsarbeitern schufteten und viele ihr Leben ließen, hat Sorin Dolea erst in Farge erfahren. "Für die Arbeiter muss es schrecklich gewesen sein. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie die Menschen leiden mussten." Die Opfer ins Gedächtnis rufen, das ist das Ziel des Gedenkstätten-Teams. Ein Rundweg um den Bunker ist im Aufbau. Er soll die Leiden der Menschen vor Augen führen, die im Namen einer unmenschlichen Ideologie gezwungen wurden, den Bunker zu bauen.

Entzauberung eines „Technik-Wunderwerks“

Neuer Rundweg soll den Bunker als Ort des Leidens in den Blickpunkt rücken

Farge (gke). Für den Bau des Bunkers "Valentin" von Mai 1943 bis Ende März 1945 arbeiteten täglich 8000 bis 10000 Menschen in Farge. Die meisten waren Zwangsarbeiter, vor allem Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Unter welchen Bedingungen sie auf der Baustelle schuften mussten, soll eine Ausstellung am Denkort dokumentieren. Ein Rundweg auf dem Außengelände mit 22 Stationen ist im Aufbau. 2015 soll er fertig sein.

"Wer alle Stationen abgelaufen ist, soll danach verstehen, dass der Bunker ein Ort von NS-Gewaltverbrechen war", sagt Marcus Meyer. Dem Betonkoloss, den viele noch immer eher als "technisches Meisterwerk" wahrnehmen, will die Ausstellung den verklärenden Nimbus nehmen. "Es soll deutlich werden, dass der Preis für diese ,technische Meisterleistung’ die Ausbeutung und der Tod von Menschen war. "

Am anschaulichsten lässt sich das laut Meyer an den Überresten der Beton-Mischanlage Nord dokumentieren. Die Fundamente zählen zu den wenigen noch sichtbaren Spuren aus der Baustellenzeit des Bunkers. "Die Beton-Mischanlage ist ein zentraler Ort, an dem man Besuchern die Arbeit und die Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter erklären kann."

Um den Bunker gab es mehrere Mischanlagen. Die Anlage Nord in der Nähe des Tauchbeckens war die größte. Nach den Erkenntnissen des Gedenkstätten-Teams bestand sie aus acht Mischtrommeln, in denen pro Stunde 300 Sack Zement verarbeitet wurden. Anders als bei der Anlage auf der Südseite, wo der Zement mit Förderbändern von Schiffen zu den Mischern transportiert wurde, mussten auf der Nordseite Zwangsarbeiter die 50 Kilo schweren Zementsäcke über eine Holzleiter zu den Trommeln schleppen. Der Beton wurde über Rohre in die Schalungen für Fundamente und Wände des Bunkers gepumpt.

Die Überreste des Mischwerkes sollen nicht komplett freigelegt werden. Christel Trouvé, die den Aufbau des Denkortes neben Meyer als wissenschaftliche Leiterin begleitet: "Nur die linke Seite wird freigelegt, die rechte bleibt wie sie ist – mit der Wildnis drumherum. So wird auch sichtbar, wie die Zeit das Gelände verändert hat." Das Denkort-Team setzt damit eine Idee von Schülern des Schulzentrums Alwin-Lonke-Straße in Grambke um. Sie entwickelten 2012 in einem Projekt Vorschläge für die Gestaltung des Denkortes.

Entzauberung eines „Technik-Wunderwerks“

Neuer Rundweg soll den Bunker als Ort des Leidens in den Blickpunkt rücken

Zitat:

"Man kann sich nur

schwer vorstellen, wie die

Menschen leiden mussten."

Sorin Dolea aus der Republik Moldau

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+