Supermarkt in Blumenthal Einkaufswagen auf Abwegen

Vor einem Jahr sind bei ihm 50 Einkaufswagen weggekommen, jetzt 30: Supermarkt-Inhaber Raimund Mecke aus Blumenthal hat zum zweiten Mal eine Anzeige gegen unbekannt erstattet.
19.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Einkaufswagen auf Abwegen
Von Christian Weth

Raimund Mecke sagt, dass er es immer noch nicht fassen kann: Wieder sind bei ihm Einkaufswagen weggekommen. Wieder war er bei der Polizei, um Anzeige gegen unbekannt zu erstatten. Vor einem Jahr ging es um 50 Wagen, die in seinem Center fehlten – jetzt sind es 30, die irgendwer irgendwohin mitgenommen hat. So groß, meint er, ist der Schwund eigentlich nur in Metropolen wie München, Hamburg und Berlin. Meckes Markt ist an der Heidlerchenstraße in Blumenthal.

Den Verlust hat der Supermarkt-Inhaber vor drei Tagen gemeldet. Ihm zufolge reagierten die Beamten auf der Wache genauso, wie ihre Kollegen vor einem Jahr reagiert hatten: erstaunt. Eine solche Anzeige, hieß es, ist ihnen noch nicht untergekommen. An die Erste vor einem Jahr, sagt Mecke, konnte sich keiner der Revierkräfte erinnern. Was auch daran liegt, dass der Kaufmann sie später zurückgezogen hatte, weil die Einkaufswagen nach und nach wieder in den Abstellboxen auf seinem Firmengelände auftauchten.

Diesmal will Mecke die Anzeige nicht zurücknehmen. Er sagt, dass für ihn die Sache jetzt anders liegt. Dass er jetzt durchgreifen muss. Und dass er so etwas auf keinen Fall ein dritten Mal erleben will. Der Supermarkt-Betreiber spricht nicht von einem einfachen Diebstahl, sondern von einem schweren – auch wenn die Wagen nicht alle auf einmal, sondern peu à peu weggekommen sind. Mecke kommt auf 5500 Euro, die ihm durch den Verlust der Einkaufswagen an Schaden entstanden sind. Im Vorjahr war die Summe fast doppelt so hoch.

Zum ersten Mal geahnt, dass etwas nicht stimmt, hat er vor einer Woche. Sein Manager sagte ihm, dass in einigen Boxen auf dem Parkplatz auffällig wenige Einkaufswagen stehen. Mecke hatte zunächst noch gedacht, dass gerade besonders viele Kunden in seinem Supermarkt einkaufen. Doch dann hat er die Wagen nachgezählt. 250 hätten es sein müssen, 220 waren es. Der Markt-Inhaber sagt, auf keinen einzigen verzichten zu können. Vor allem jetzt nicht, so kurz vor den Osterfeiertagen, an denen für gewöhnlich mehr los ist als sonst.

Demnächst will Mecke in seinem Markt um Mithilfe beim Aufspüren der fehlenden Wagen bitten. Es soll ein Infoblatt am Schwarzen Brett geben. Die Kunden sollen ihm sagen, wo sie noch Einkaufswagen gesehen haben außer auf seinem Parkplatz. Der Center-Betreiber geht fest davon aus, dass es auch diesmal so ist, wie es beim ersten Mal war: Dass die Wagen bei Leuten stehen, die zu Fuß zu seinem Geschäft gekommen und mit ihren Einkäufen auch wieder zu Fuß nach Hause gegangen sind. Ohne zu bedenken, dass sie dabei etwas vor sich hergeschoben haben, was nicht ihnen gehört.

Im Vorjahr hat Mecke mehrere Anwohner aufgesucht, auf deren Grundstück er einen seiner Wagen gesehen hatte. Er bat die Leute, sein Eigentum doch wieder zu seinem Geschäft zu bringen. Der Markt-Inhaber hofft, dass das jetzt mehr Menschen machen, wenn nicht nur er und sein Personal, sondern demnächst auch Polizeistreifen nach den Einkaufswagen Ausschau halten. Einfach abschreiben wie kaputte Waren kann er sie nicht. Für ihren Verlust kommt ihm zufolge nämlich nicht die Versicherung auf, sondern er allein.

Seine Einkaufswagen sichert er, wie die meisten Geschäfte sie sichern: Wer einen braucht, muss entweder ein Geldstück oder einen Chip parat haben, um eine Metallkette zu lösen. Mecke sagt, dass die Boxen nach Geschäftsschluss noch einmal gesondert geschützt werden. Der Unternehmer weiß, dass er mehr machen könnte. Andere Supermärkte haben beispielsweise ein Magnetfeld an den Grenzen ihres Grundstücks installiert, sodass die Räder von Einkaufswagen blockieren, wenn versucht wird, sie vom Gelände zu schieben.

Mecke weiß aber auch, wie groß der Aufwand ist, so ein Magnetfeld nachträglich einbauen zu lassen – und wie viel diese Sicherheitssysteme und die speziellen Einkaufswagen kosten: mehrere 10.000 Euro. Der Supermarkt-Inhaber hat zuletzt Schilder aufstellen lassen, auf denen steht, dass die Wagen auf dem Gelände bleiben sollen. Die Polizei hat noch einen anderen Vorschlag. Der Center-Inhaber könnte Sicherheitspersonal einstellen, das Kunden künftig auf dem Parkplatz anspricht, wenn die mit dem Einkaufswagen das Grundstück verlassen wollen.

In einigen Tagen will der Unternehmer sie noch einmal zählen. Mecke hofft, dass dann annähernd so viele Wagen in den Boxen auf dem Parkplatz stehen, wie dort stehen müssen.

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Einfacher und schwerer Diebstahl

Der Diebstahl zählt zu den Eigentumsdelikten. Das Strafrecht unterscheidet mehrere Formen. Von einem einfachen Diebstahl wird gesprochen, wenn jemand einem anderen einen Gegenstand wegnimmt. Juristen sprechen dabei von einer fremden und beweglichen Sache.

Ein schwerer Diebstahl liegt unter anderem vor, wenn für die Tat in ein Gebäude oder der Gegenstand aus einem verschlossenen Behälter genommen wurde. Aber auch, wenn jemand wiederholt stiehlt oder die Hilflosigkeit einer anderen Person ausnutzt. Geschieht der Diebstahl unter Gewaltandrohung, so handelt es sich um Raub.

Diebstähle können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe geahndet werden. Diebstahlsdelikte machen etwa 40 Prozent aller polizeilich registrierten Straftaten in Deutschland aus. Sie stellen damit die zahlenmäßig bedeutendste Deliktgruppe dar. Die Aufklärungsquote liegt bei rund 30 Prozent.

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