Politiker und Verwaltungsbeamte besichtigen Wohnheim Lobbendorf Inspektionstour

Aus Sicht des Verwalters ist in den Wohnheimen an der Lobbendorfer Mühle Ruhe eingekehrt. Beim Ortstermin der Vegesacker Sozialausschüsse am Mittwochabend offenbarte sich allerdings, dass die versprochenen Sanierungen an den Gebäuden nicht ausreichen, um aus Sicht der Ausschussmitglieder menschenwürdige Unterkünfte aus den Baracken zu machen.
21.06.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Volker Kölling

Aus Sicht des Verwalters ist in den Wohnheimen an der Lobbendorfer Mühle Ruhe eingekehrt. Beim Ortstermin der Vegesacker Sozialausschüsse am Mittwochabend offenbarte sich allerdings, dass die versprochenen Sanierungen an den Gebäuden nicht ausreichen, um aus Sicht der Ausschussmitglieder menschenwürdige Unterkünfte aus den Baracken zu machen.

Fähr-Lobbendorf. Um 17 Uhr rollt ein voll besetzter Ford Transit mit polnischem Kennzeichen an der Gruppe Sozialarbeiter und Kommunalpolitiker vorbei Richtung Parkplatz der Wohnanlage. Verwalter Hüseyin Celik erzählt, dass in den Häusern 12, 14 und 16 jetzt Monteure aus Polen, Bosnien und Kroatien untergebracht sind, von denen viele auch auf der Lürssen-Werft als Schweißer oder Gerüstbauer arbeiten: "Vor drei Jahren gab es andauernd Randale. Aber das Problem haben wir gelöst."

Vor drei Jahren gab die Präsenz der Adresse An der Lobbendorfer Mühle im Polizeibericht den Ausschlag für die Kommunalpolitik einzugreifen. Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt: "Es ging darum, auch mit Hilfe der Inneren Mission diese durchaus problematische Klientel an die Hand zu nehmen. Heute sind wir hier, um uns einen Zwischenbericht geben zu lassen – ohne dass uns jetzt irgend etwas alarmiert hätte." Dornstedt ist in der Gruppe auf der Wiese recht schwer zu verstehen, weil aus dem Fenster hinter ihm jemand auf Arabisch schimpft wie ein Rohrspatz.

Die Gruppe zieht weiter zu einem Gebäudetrakt, den Celik für die Begehung vorbereitet hat, vorbei an einem frisch gepflasterten Grillplatz und gestutztem Rasen. Vor drei Jahren haben noch über 160 Menschen dicht auf dicht in den ehemaligen Lehrlingsheimen der Vulkanwerft gehaust, erzählt Berthold Reetz, Bereichsleiter bei der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission: "Drei Bewohner haben wir damals völlig verwahrlost im Zimmer gefunden. Inzwischen haben wir zwei in Rechtbetreuungen gebracht, was ihnen bei der Abwicklung ihrer Angelegenheiten sehr hilft." Zwei weitere Bewohner seien in normalen Mietwohnungen untergebracht worden, zwei in Altenpflegeeinrichtungen. Gerade sind die Mittel für die Sozialarbeit in den Wohnblöcken aus dem LOS-Landesprogramm des Sozialressorts verlängert worden. Doch das Geld reicht nur für einen Sieben-Stunden-Einsatz pro Woche.

Im Gänsemarsch geht es in einen Block, vorbei an verwitterten windschiefen Fenstern, aus denen neugierige Gesichter gucken. In der Gemeinschaftsküche finden sich zwei Sperrmüllherde und ein unzerstörbarer Fliesentisch. Eine abgesessene Sitzgruppe lehnt sich in die Ecke, beige Fliesen umrahmen die Tristesse. In den Gemeinschaftstoiletten etwas weiter fehlt einer Tür ein Glas. "Vor drei Jahren konnte man nur mit einer Nasenklammer in den Gang gehen. Dagegen ist es heute sehr sauber," findet Dornstedt.

Die Ausschusssprecherin Iris Spiegelhalter-Jürgens rechnet vor, dass hier pro Bewohner über 300 Euro Miete vom Sozialamt gezahlt werden: "Dann muss man erwarten, dass diese Häuser in einem anderen Zustand sind. Das sind aus meiner Sicht menschenunwürdige Zustände." Ihr sind stinkende Duschen und ungeflieste Böden aufgefallen. Ingbert Lindemann weiß als pensionierter Pfarrer, dass sich das wirkliche Elend in den Zimmern abspielt, in die die Politiker beim Ortstermin keinen Einblick bekommen. Reetz gibt der Grünen Recht, dass angesichts der 12000 Euro, die der Eigentümer Monat für Monat aus der Wohnanlage zieht, eine taugliche Küche eingebaut werden sollte und auch sonst viel passieren muss. Dornstedt wird abschließend zusammenfassen, was in seinem Brief an den Eigentümer aufgelistet sein wird: "Aber wir müssen uns klarmachen, dass das nur ein Appell an diesen Mann ist und der weiß, dass er zu nichts verpflichtet ist."

Hilfe für Szenetreff

Sozialausschuss engagiert sich in Sachen Sozialarbeiterin

Aumund (kö). Der Szenetreff Aumund wird von allen Seiten als gelungenes soziales Modellprojekt gefeiert – und droht doch als Auslaufmodell zu enden. Die Stelle von Sozialarbeiterin Gimmy Wesemann ist zwar von der Inneren Mission der Bremischen Evangelischen Kirche bis zum April 2014 verlängert worden. Doch länger will die Kirche in keinem Fall alleine für die Arbeit mit den Szeneleuten zahlen.

"Wenn sich Sozial- und Gesundheitsressort nicht an der Finanzierung dieser Stelle beteiligen, würden wir in einem Jahr den Platz schließen und den Unterstand auf unsere Kosten abreißen," so Berthold Reetz, zuständiger Bereichsleiter der Inneren Mission vor dem Vegesacker Ausschuss für Soziales, Prävention und Integration. Ein Platz ohne Betreuung sei nicht verantwortbar, so seine Begründung.

Tatsächlich geht es um eine halbe Stelle, die Sozialarbeiterin Wesemann für die Betreuung von rund 80 Szeneleuten zugebilligt worden ist: "Ich arbeite mit Menschen, die aktiv Drogen konsumieren, mit Menschen in der Drogensubstitution. Vielleicht haben wir auch fünf Leute, die nur alkoholabhängig sind." Vom Zahnarztbesuch bis zum Trauergespräch ist Wesemann Ansprechpartnerin.

Seitdem im Mai der Beratungsbus auf seinem Parkplatz am Bremer Jacobihaus abgebrannt ist, ist Wesemanns Arbeit ohnehin schwieriger geworden. Hier will der Ausschuss beim Beirat um 2000 Euro aus dem Topf der Globalmittel für die Ausstattung eines Ersatzautos anfragen. Für Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt geht es auch um ein Signal, dass der Beirat im Rahmen seiner Möglichkeiten das Projekt Szenetreff Aumund weiter unterstützt: "Es gab vor dreieinhalb Jahren den von allen getragenen Vorbehalt, dass es am neuen Ort funktionieren muss – und das tut es. Geben wir das Projekt auf, sind diese Leute schnell wieder auf dem Sedanplatz, an der Fähre und anderen markanten Orten im Stadtteil."

Ausschusssprecherin Iris Spiegelhalter-Jürgens von den Grünen fordert schließlich einen Kraftakt der zuständigen Ressorts: "Der Beirat wird einen Antrag auf eine anteilige Finanzierung der Stelle stellen." Das würde auch bedeuten, dass Wesemann einen unbefristeten Job hätte.

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