Bremen-Nord Jahrelang in Angst gelebt

Lüssum-Bockhorn. R. und P. Meyer haben alles versucht, um Ruhe vor ihrem aggressiven, psychisch kranken Nachbarn zu bekommen. Erst als der Mann weggezogen war, konnten sie aufatmen. Ihr Fazit: Die Opfer stehen allein da.
26.07.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Jahrelang in Angst gelebt
Von Julia Ladebeck

Lüssum-Bockhorn. Etliche Anzeigen, ein Vergleich vor Gericht, ein Antrag auf eine einstweilige Verfügung – R. und P. Meyer (Name geändert) haben alles versucht, um Ruhe vor ihrem aggressiven, psychisch kranken Nachbarn zu bekommen. Erfolglos. Erst als der Mann weggezogen war, konnten sie aufatmen. Das Fazit des Paares: Die Opfer stehen alleine da.

Was können Betroffene tun, wenn sie immer wieder bedroht und belästigt werden? Kürzlich berichtete die NORDDEUTSCHE über den Fall von Marion P. (Name geändert), die in Angst vor ihrem psychisch kranken Nachbarn lebt, weil er sie laufend terrorisiert. Sprecher von Polizei und Staatsanwaltschaft haben Marion P. geraten, bei Gericht eine einstweilige Verfügung zu beantragen. Dazu sagen R. und P. Meyer (Name geändert), die über Jahre mit einer ähnlichen Situation konfrontiert waren: "Ist der Täter psychisch krank und gilt als schuldunfähig, nützt auch das nichts."

Das Fazit des Nordbremer Ehepaares nach jahrelangem Ärger mit einem ebenfalls psychisch kranken Nachbarn fällt deutlich aus: "Die Opfer stehen alleine da. Man kann noch so viele Anzeigen erstatten und sich an das Gericht wenden – wenn der Täter als schuldunfähig gilt, bringt das alles nichts." Heute können R. und P. Meyer entspannt über die zurückliegende Konfliktsituation sprechen, denn mittlerweile herrscht Ruhe in der beschaulichen Wohnstraße in Lüssum-Bockhorn: Der Nachbar, von dem sie sich bedroht und belästigt fühlten, ist im vergangenen Jahr weggezogen.

Es gab jedoch ganz andere Zeiten: "Wir waren nervlich am Ende, haben kaum noch geschlafen, weil fast jede Nacht Gebrüll und laute Musik von drüben kamen", erinnert sich R. Meyer. Erst nachdem sie sich für den Fall der Fälle Pfefferspray und einen Schlagstock zur Selbstverteidigung ins Wohnzimmer gestellt hatte, fühlte sie sich damals etwas besser. "Ich hatte immer Angst, dass er aufs Grundstück kommen oder sogar versuchen könnte, ins Haus einzudringen." Nach Angaben des Ehepaares fing der Ärger etwa im Jahr 2007 an.

"Wir haben damals den Garten neu angelegt. Es begann damit, dass er jeden Handschlag kommentiert und uns ständig beobachtet hat." Zunächst reagierte das Paar nicht. "Wir wollten keinen Ärger. Aber es steigerte sich." Aus Kommentaren, so P. Meyer, wurden Beschimpfungen und Drohungen. Im September 2009 erstattete das Paar zum ersten Mal Anzeige. Weitere folgten und im August 2010 landete der Fall vor dem Amtsgericht Blumenthal.

Es wurde ein Vergleich geschlossen. "Zu dem Zeitpunkt war noch keine Rede davon, dass der Mann psychisch krank ist", so P. Meyer. Der Vergleich besagte, dass die Parteien es "unterlassen, sich gegenseitig zu beleidigen, zu bedrohen oder sonstwie ohne berechtigten Grund Kontakt zueinander aufzunehmen". "Diese Formulierung hat mich geärgert, weil wir nicht einmal auf die Provokationen reagiert haben", sagt P. Meyer, "und von uns ging das nicht aus". Das Paar hoffte aber, dass der Vergleich ihnen Ruhe verschaffen würde. Vor allem deshalb, weil er für den Fall einer Zuwiderhandlung die Verhängung von Ordnungsgeldern vorsah. Einige Wochen, so berichtet das Paar, sei es tatsächlich besser gewesen, "dann ging es wieder los". Das Paar erstattete weitere Anzeigen und stellte im Mai 2011 schließlich bei Gericht einen Eilantrag auf eine einstweilige Verfügung, die eine Regelung zur Abstandswahrung beinhalten sollte. Das Gericht sah eine Eilbedürftigkeit aber nicht gegeben.

In einem Schreiben heißt es: "Nach Ansicht des Gerichts liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass der Antragsgegner nunmehr über die Drohungen hinaus die Antragsteller tätlich angreifen könnte." Ein Unding, wie P. Meyer auch jetzt noch findet. "Inzwischen hatte er nämlich meinen Schwiegervater auf dem Gehweg angerempelt und mein Auto mit Fäusten bearbeitet. Todesdrohungen wie: ,Schlag dich tot, schlag euch tot, ich mach euch kaputt, allein hier Mann gegen Mann’ sind gefallen. Außerdem hat er vor dem Haus mehrfach eine Art Schattenboxen gemacht. Das hat Passanten so erschreckt, dass sie die Straßenseite gewechselt haben. Er wurde immer aggressiver."

Das Gericht wies indes darauf hin, dass eine Abstandregelung "wahrscheinlich nicht praktikabel sein dürfte, da die Parteien Nachbarn sind und die Grundstücke direkt aneinander grenzen". Bei einem Verfahren, dass parallel geführt wurde, sollte die Thematik geklärt werden. Das Paar stimmte zu – und erfuhr acht Wochen später, "dass für den Antragsgegner wegen einer psychischen Erkrankung ein Betreuer bestellt worden ist." Die Schuldunfähigkeit des Mannes werde überprüft.

In einem Brief an das Gericht betonte das Paar seine Sorge, dass "bedingt durch die psychische Erkrankung nicht auszuschließen ist, dass die ausgesprochenen Todesdrohungen irgendwann in die Tat umgesetzt werden". "Kurze Zeit später", erzählt R. Meyer, "ist er für drei Monate zur Behandlung in der Psychiatrie gewesen". Für das Paar bedeutete das vorerst Ruhe und es räumt ein: "Es war etwas besser, als er wiedergekommen ist."

Dauerhaft war das aber wieder nicht. "Er hat nachts auf der Mülltonne rumgetrommelt, ist mit einer Taschenlampe ums Haus geschlichen, hat gerufen und geschimpft", zählt P. Meyer Beispiele auf. "Endgültig hörte das erst auf, als er weggezogen ist." Zu der Verhandlung sei es nie gekommen, "weil der Mann als schuldunfähig gilt".

Der Polizei macht das Paar keinen Vorwurf: "Die können nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten handeln." Der zuständige Kontaktpolizist habe sich sehr eingesetzt und geraten, die Vorfälle gesammelt zu melden, gemeinsam mit mehreren Nachbarn. Das Paar ist in den Weißen Ring eingetreten. "Helfen konnte man uns nicht, aber es war gut, über die Sache reden zu können." R. und P. Meyer haben kein Verständnis für die Vorgehensweise im Umgang mit derart auffälligen, psychisch kranken Menschen, unter denen die Nachbarschaft leidet. "Wenn jemand psychisch so krank ist, dass er immer wieder angezeigt wird, dann sollte er intensiver betreut werden", findet P. Meyer. Alle Bemühungen um Ruhe seien jedenfalls umsonst gewesen. "Den Vergleich vor Gericht hätten wir uns sparen können."

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