Sozialstunden Straffällige Jugendliche verschönern Amtsgerichts-Garten

Der Garten des Amtsgerichts Blumenthal hat neue Beete. Verantwortlich dafür sind straffällig gewordene Jugendlich.
20.03.2021, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Der Brombeer-Wildwuchs ist verschwunden und neue Beete sind entstanden. Der Garten des Amtsgerichts Blumenthal wurde verschönert, doch die Arbeit machte kein Garten-Fachpersonal: Straffällig gewordene Jugendliche leisteten durch Gartenarbeit Sozialstunden ab, die ihnen das Jugendstrafgericht auferlegt hatte.

Wer als Jugendlicher kleinere Delikte begangen hat, seien es Diebstahl, Körperverletzung oder Hausfriedensbruch, muss im Sinne des Jugendstrafrechts bei einer gemeinnützigen Einrichtung Sozialdienst leisten – wobei die Zahl der Stunden jeweils vom Gericht festgelegt wird. Nicht die Bestrafung, sondern der Erziehungsgedanke steht dabei im Vordergrund. „Bei härteren Delikten, wie zum Beispiel einem Überfall, greifen allerdings andere Maßnahmen als Sozialstunden“, sagt Christoph Knievel, Geschäftsführer bei der Bremer Integrationshilfe (Brigg). Die gemeinnützige Organisation betreut Jugendliche, die in Form von Sozialstunden der Gesellschaft etwas zurückgeben, wenn sie Delikte begangen haben. Sind diese Stunden abgeleistet, wird das Verfahren eingestellt, so Knievel.

„Das Amtsgericht Blumenthal hatte bei uns angefragt, ob die Sozialstunden auch für Gartenarbeit rund um das Gebäude eingesetzt werden können“, sagt Christoph Knievel. Und Marco Hüne vom Bereich „Arbeitsanweisungen Bremen-Nord“ nahm sich mit zwei Kollegen der Jugendlichen an, wies sie in die Gartenarbeit ein und stellte die Werkzeuge bereit. „Viele Jugendliche haben ja noch nie in ihrem Leben Gartengeräte in der Hand gehabt“, sagt Hüne.

Bereits seit etwa einem Jahr sind die Jugendlichen im Garten des Amtsgerichts tätig, doch wegen des zweiten Lockdown ruht die Arbeit derzeit vollständig. „90 Prozent der Jugendlichen macht bei der Gartenarbeit gut mit, und viele warten darauf, dort endlich wieder arbeiten zu können“, sagt Marco Hüne.

Unter den Sozialstunden für Jugendliche nehme die Gartenarbeit den Hauptteil ein, so Marco Hüne, doch gelegentlich würden die jungen Leute auch Möbeltransporte oder Holzarbeiten und bei Schneefall auch Winterdienst machen. Geschäftsführer Christoph Knievel hält die Maßnahmen für sinnvoll: „Sie sind eine Art Wiedergutmachung für das, was die Jugendlichen angerichtet haben – sie tun etwas fürs Gemeinwohl.“

Und schließlich könnten die Jugendlichen auch mit eigenen Augen sehen, dass sie mit ihrer Gartenarbeit etwas Konstruktives geschaffen haben. „Nach Ableistung der Sozialstunden haben sie ihre Weisung erfüllt – so wird die Eskalationsspirale in Richtung immer weiterer Delikte meist verhindert“, sagt Knievel.

Doch die Sozialstunden bilden nur einen kleinen Baustein im Ganzen, um das sich die Brigg bei straffällig gewordenen Jugendlichen kümmert: Einen großen Raum nehmen Einzelfallhilfen ein, zu denen zum Beispiel eine individuelle sozialpädagogische Beratung, Förderung und Unterstützung gehört, um Alltags- und Konfliktsituationen in Familien zu bewältigen.

Werden Jugendliche straffällig, stehen individuelle Schicksale dahinter, betont der Geschäftsführer: „Jeder Fall ist anders, und hinter jedem steckt eine andere Biografie. Man muss angemessen mit den Leuten umgehen“, so Christoph Knievel. Ein respektvoller Umgang, Pausen während der Arbeit und auch ein Essensangebot gehören zu den Sozialstunden dazu, nicht nur bei der Gartenarbeit am Amtsgericht Blumenthal.

Info

Zur Sache

Bremer Integrationshilfe

Die Bremer Integrationshilfe (Brigg) leistet umfassende Hilfe für Jugendliche. Die Brigg gehört zur freien Jugendhilfe Bremen und betreut Jugendliche und deren Familien, junge Erwachsene und minderjährige Flüchtlinge. Zu den Projekten gehört zum Beispiel der Jugendclub Lüssum, der eine offene Tür unter anderem mit Spiel- und Sportangeboten und einem Internet-Café bietet. Das Schulmeiderprojekt der Brigg ermöglicht es zum Beispiel Schülern, an einem außerschulischen Lernort ihre Schulpflicht zu erfüllen. Die „Arbeitsweisungen Bremen-Nord“ schließlich begleiten und unterstützen Jugendliche bei der Erfüllung konkreter, gerichtlich angeordneter Arbeitsleistungen für gemeinnützige Projekte.

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