Papierarbeiten in Blumenthal

Kinder basteln ihre Stadt

Im Doku Blumenthal zeigen Kinder ihre Papierarbeiten, die sie unter Anleitung des Künstlers Waldemar Grazewicz basteln und die ab Mitte März in der Weserburg zu sehen sind.
10.02.2020, 16:43
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Kinder basteln ihre Stadt

Sushi und Obst – Die gebastelten Objekte der Kinder wurden nicht angemalt, die Mädchen und Jungen haben ausschließlich mit farbigem und recycelten Papier gearbeitet.

Christian Kosak

Blumenthal. In Großstädten herrschen häufig Enge und Platzmangel. Wenn man trotzdem mehr Grün in der Stadt möchte, sind vertikale Gärten an Wänden, Balkonen und Terrassen, bepflanzt mit Gräsern, Farnen und Moosen, Blumen oder Sukkulenten, eine raumsparende Alternative. Auch in dem Kinderkulturprojekt „Die gefaltete Stadt“ findet ein vertikaler Garten seinen Platz, allerdings einer aus Papier. Er wird in der Weserburg, dem Museum für moderne Kunst, eine große Wand zieren – gebastelt von Kindern aus Bremen-Nord unter der Anleitung des Künstlers Waldemar Grazewicz.

Das Ziel des Projekts „Die gefaltete Stadt“ ist eine große dreidimensionale Stadtlandschaft aus Papier, die von rund 600 Kindern aus 45 Einrichtungen in Bremen und Bremerhaven gefertigt wird. Rund 30 Künstler machen bei dem Vorhaben mit. „Papier, Kunst und Kinder, das gehört zusammen. Mit dem Vorhaben sollen künstlerische Ideen in die Kitas kommen“, sagt Projektleiterin Andrea Siamis von der Quartier gGmbH, einer gemeinnützigen Einrichtung für kulturelle Bildung und soziale Teilhabe. In jedem Jahr stellt Quartier ein Projekt zu einem neuen Thema auf die Beine. Dieses Mal ist es die Stadt aus Papier.

Im Dokumentationszentrum Blumenthal kamen fünf Hortgruppen zusammen, um die Kartons für den vertikalen Garten zu füllen. Zwei dieser Kinder sind Silan und Nergis von der Grundschule an der Wigmodistraße. Die beiden Grundschüler sind neun Jahre alt und stammen aus Syrien. Sie sitzen an diesem Nachmittag an einem großen Tisch, zusammen mit weiteren Kindern aus insgesamt fünf Hortgruppen. Silan und Nergis schneiden lange Streifen in grünes Papier. Sind die Streifen lang genug, hängen sie herab wie die länglichen Blätter von Gräsern.

Weitere Kinder falten derweil Blumen in vielen Farben und setzen sie in den künstlichen Rasen ein. So füllt sich ein Karton nach dem anderen. „Etwa hundert sollen es werden“, sagt Künstler Waldemar Grazewicz aus Osterholz-Scharmbeck, dessen Arbeitsschwerpunkte in den Bereichen Installation, Fotoobjekte und Bühnenbild liegen. Er leitet die Kinder an, ihren Beitrag zum vertikalen Garten zu leisten, dem Gesamtkunstwerk, das ab Mitte März in der Weserburg zu bewundern sein wird.

Die Kinder, die mitmachen, haben ihre Inspirationen von Kunstwerken in der Weserburg und durch viele Entdeckungsreisen durch insgesamt 15 Stadtteile gewonnen. „Zu meinem Thema habe ich den Kindern Filme und Fotos von echten vertikalen Gärten, zum Beispiel in Mailand, gezeigt“, sagt Waldemar Grazewicz. Auch die Künstlerin Mareike Seegers hat mit ihrer Kindergruppe das Focke-Museum besucht.

Mehrere Kitas und Schulen aus Bremen-Nord sind dabei, wie die Kita Wasserturm, die Oberschule Lehmhorster Straße oder die Grundschule am Wasser. Das Basteln mit Papier soll in dem Projekt nicht Selbstzweck sein, sondern dazu anregen, sich über die Stadt und seine Stadtteile und das Leben darin Gedanken zu machen. „Mit dem Material Papier lässt sich falten, kleben oder schneiden“, sagt Andrea Siamis von Quartier, „Papier ist ein fester Bestandteil unserer Kultur“. Einen Eindruck von der vielseitigen Verwendbarkeit von Papier bietet die Werkschau im Doku Blumenthal: Kinder der Kita Wasserturm sind in die Innenräume einer Stadt vorgedrungen und haben Küchengeräte, Sushi und Obst aus Papier hergestellt.

Kinder der Grundschule am Wasser bauten Autos, Fabriken und ebenso mehrstöckige Wohnhäuser nach, andere Kinder nahmen grünes und blaues Papier, um hügelige Landschaften zu gestalten. Die Künstlerin Mareike Seegers, die ihren Schwerpunkt in der Malerei hat und auch an der Bremer Volkshochschule unterrichtet, hat die Kinder der Kita Wasserturm betreut: „Die Kids haben sich in einem Herbstferienprojekt mit dem beschäftigt, was in den Küchen stattfindet: Welche Gerichte werden gekocht? Welches Geschirr verwendet man? Anschließend haben sie versucht, Speisen, Kannen und Becher aus Papier selber zu gestalten.“

Die Ergebnisse zeigen, wie man durch geschicktes Schneiden an den richtigen Stellen, durch Einrollen, Falten und Kleben Papier in viele Formen zwingen kann, seien es Halbkugeln, die zu Tassen werden, gebogenen Röhren für die Kaffeekanne oder flache Schalen als Untersetzer für die Tassen. „Anmalen war tabu“, macht Mareike Seegers deutlich, „die Kinder haben nur farbiges, recyceltes Papier verwendet.“ In anderen Stadtteilen entstanden darüber hinaus Theaterwerkstätten in einem Schuhkarton, Blumenwiesen und Zirkuszelte. Alles zusammen sind Beiträge, aus denen die „gefaltete Stadt“ in drei Dimensionen und in aller Vielfalt entsteht: mit Häusern, Straßen und Gärten, aber auch zahlreichen Figuren, Tieren und Pflanzen.

Am Donnerstag, 19. März, wird die Ausstellung in der Weserburg, Teerhof 20, um 14 Uhr von Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte eröffnet. Dort wird sie bis Sonntag, 3. Mai, zu sehen sein.

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