Krebsgefahr Farge: Beirat und Bürger zweifeln an Gutachten

Blumenthal. Statistisch gesehen, gibt es zwar keine erhebliche Erhöhung von Krebserkrankungen im Einzugsbereich des Tanklagers Farge. Doch mit dieser wissenschaftlichen Analyse lassen sich die Bewohner nicht abspeisen. Sie fordern eine umfassende Untersuchung über mögliche Gesundheitsgefährdungen, sollte der Betrieb des Tanklagers wieder aufgenommen werden. Einem entsprechenden Bürgerantrag hat der Beirat Blumenthal am Mittwochabend einhellig zugestimmt.
21.06.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Klaus Grunewald

Blumenthal. Statistisch gesehen, gibt es zwar keine erhebliche Erhöhung von Krebserkrankungen im Einzugsbereich des Tanklagers Farge. Doch mit dieser wissenschaftlichen Analyse lassen sich die Bewohner nicht abspeisen. Sie fordern eine umfassende Untersuchung über mögliche Gesundheitsgefährdungen, sollte der Betrieb des Tanklagers wieder aufgenommen werden. Einem entsprechenden Bürgerantrag hat der Beirat Blumenthal am Mittwochabend einhellig zugestimmt.

Das größte künstlich angelegte unterirdische Tanklager der Welt war in den Jahren 1935-41 gebaut worden, erstreckt sich auf 316 Hektar in Blumenthal und Schwanewede und wurde vor allem zur Einlagerung von Benzin, Diesel, Gasöl und Kerosin genutzt. Fassungsvermögen: 312 Millionen Liter. Nun will die Bundesanstalt für Immobilien das Gelände mit ihrem 125 Kilometern langen Rohleitungssystem verkaufen, aus dem unlängst 16000 Kilo hoch belasteter Schadstoffschlamm geborgen wurden.

Im Auftrag des Gesundheitssenators hat das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie eine "Kleinräumige Analyse zur Krebsinzidenz in der Region um das Tanklager Farge" erstellt. Die im Grundwasser gemessenen BTEX-Konzentrationen zum Beispiel (BTEX steht für die aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole) liegen um das 20000-fache über dem zugelassenen Wert.

Eine Erhöhung der Erkrankungen an Leukämie und Tumoren des Lymphgewebes sei zwar in der Untersuchungsregion zu beobachten, haben Sabine Luttmann und Andrea Eberle vom Institut analysiert. Doch sie sei auch in Vergleichsregionen wie Altstadt und Hulsberg vorzufinden, wo es keine Grundwasserproblematik gebe.

Ausführungen, die Kommunalpolitiker und Besucher während der außerordentlichen Beiratssitzung in der Paul-Gerhard-Gemeinde nicht wirklich überzeugten. Verständlich, denn die Gutachterinnen haben zwar "keine statistisch signifikante Erhöhung von Harnblasenkrebs, Leukämien und Lymphomen" ausgemacht. Doch weil zwischen 2005 und 2009 rund um das Tanklager derartige Erkrankungen häufiger als im übrigen Stadtgebiet aufgetreten sind, raten sie zur weiteren Beobachtung.

Zudem zweifelte insbesondere Anke Krohne (Linke) die Auswahlkriterien der Gutachterinnen an. Sie hätten das gesamte Gebiet von Farge und Rönnebeck untersucht, von der sogenannten BTEX-Fahne, dort also wo die großen Grundwasserverunreinigungen auftreten, sei jedoch maximal nur ein Drittel der Farger betroffen. In einer Reanalyse des Diplom-Psychologen Jan Restat heißt es denn auch: Wenn es im betroffenen Gebiet über der BTEX-Fahne tatsächlich eine Häufung an Krebsfällen geben sollte, werde diese wegen des größeren Untersuchungsgebietes verwaschen.

Der Blumenthaler Beirat schloss sich einhellig der Argumentation des Bürgerantrags an, in dem eine umfassende Gesundheitsuntersuchung gefordert wird, die sich nicht ausschließlich auf Krebserkrankungen beschränkt. Wörtlich heißt in dem Papier: " Aufgrund der bisher unzureichenden Informationslage kann es der Beirat im Interesse der Gesundheit der betroffenen Bürger für nicht vertretbar halten, wenn ein weiterer Tanklagerbetrieb erfolgt, ohne dass die berechtigten Sorgen vorher unzweideutig ausgeräumt werden konnten." Kurzum: Das Kommunalparlament lehnt auch eine privatwirtschaftliche Nutzung des Tanklagers zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab.

Gefestigt in seiner Haltung sah sich der Beirat wohl auch durch die Antwort der Biologin Andrea Eberle auf eine Frage des CDU-Fraktionsvorsitzenden Ralf Schwarz. Der wollte wissen, ob sie persönlich in Farge wohnen wollen würde. Zumindest würde sie kein Wasser aus dem Boden trinken, erklärte sie. Resümee von Ortsamstleiter Peter Nowack: "Auch das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl."

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