Fortsetzung schon geplant

Lautlose Schätze beim E-Day

Die erste Messe für Elektroautos zieht 2000 Besucher auf das Gelände der früheren Bremer Wollkämmerei in Blumenthal. Sogar Fahrer vom Nordkap und aus London nutzen die Veranstaltung zum Fachsimpeln.
16.09.2018, 15:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Volker Kölling
Lautlose Schätze beim E-Day

Gut 2000 Besucher zieht der erste E-Day auf dem früheren BWK-Gelände an. Die Veranstalter sind höchst zufrieden.

Volker Kölling

Der erste E-Day in Blumenthal hat allein 45 Fahrer mit ihren Elektroautos angelockt. Und dazu kamen noch einmal mehr als 2000 Menschen auf die historische Achse der ehemaligen Bremer Wollkämmerei. Die Mischung aus Vorträgen – auch im alten Verwaltungsgebäude – Acts bis zum Crossfire-Rockkonzert auf der großen Bühne und die Aktionen der mehr als 25 Aussteller kamen bei durchweg gutem Wetter an.

„Wir waren nur kurz etwas essen. Als wir zurückkamen, standen schon wieder dreißig Leute um unser Auto.“ Jörg Köhnenkamp ist mit seinen beiden Töchtern aus Bremervörde nach Blumenthal gefahren und präsentiert hier stolz seinen gerade erst einmal zweieinhalb Monate alten „Tesla X“: „Immer wenn ich hinten die Flügeltüren aufmache, kommen die Leute an und wollen sich den Wagen zeigen lassen.“

15 000 Kilometer habe der Wagen runter in der kurzen Zeit. Köhnenkamp zeigt lachend in Richtung seiner Töchter: „Alle wollen ihn fahren – die beiden und auch meine Frau und mein 21-jähriger Sohn. Sobald ich von der Arbeit nach Hause komme, steht da schon jemand und will weiterfahren.“

Der blaue E-SUV ist eben auch schlicht schick – was man bei einem Preis kurz jenseits der 120 000 Euro auch erwarten kann. Köhnenkamp fachsimpelt mit seinem Szene-Kollegen Thomas Weinert aus Berlin über den „Volkstesla“: Das Modell 3 werde ja deutlich billiger und wohl „nur“ 40 000 Euro kosten.

Wohin man hier im Fahrerlager hört: E-Auto-Fahrer scheinen grundsätzlich begeistert zu sein von ihrer Art der Fortbewegung. Können sie vielleicht artbedingt nicht kritisch sein? Thomas Weinert schüttelt energisch den Kopf: „Ich sage auch, wenn etwas Schrott ist: Die Rückfahrkamera bei Tesla ist beispielsweise eine Katastrophe: Alle zwei Tage habe ich Bildfehler oder ein graues Bild.“

Durch Fragen über zu kurze Akkulaufzeiten, deren Lebensdauer oder zur Recyclingfrage am Ende des E-Fahrzeugs lassen sich diese Fachleute nicht irritieren. Köhnenkamp: „Die ersten Tesla S erreichen jetzt die 500 000 Kilometer und deren Akkus haben gerade einmal sieben Prozent an Leistung verloren. Dagegen sehen Fahrzeuge mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren aber alt aus.“ Und das Netz der Schnellladestationen an Tankstellen sei mittlerweile so gut, dass man problemlos schnell durch Europa komme. Ein älterer Herr nähert sich dem Tesla X und Köhnenkamp bittet umgehend zur Sitzprobe.

Unter den 45 E-Autos sind noch andere echte Schätze: Die futuristische Flunder von BMW scheint einem Science-Fiktion-Film entsprungen zu sein. Beim Lotus wundert man sich angesichts der Optik eher, dass der plötzlich lautlos und ohne Motorengebrüll vor einem über das Pflaster rollt. Ein Fiat 500 überrascht als E-Umbau. Auch kleinere E-Autos bekommen Aufmerksamkeit: Ein Hyundai Ioniq Elektro hat seinen Besitzer aus dem dänischen Esbjerg bis nach Blumenthal gerollt. Der Däne war schon morgens um acht Uhr auf dem E-Day und bekam als erster einen Platz an der Stromtankstelle. Angelockt hat viele der Fahrer der fast schon missionarische Einsatz des Blumenthaler Kaufmanns Dennis Witthus als YouTube-Filmemacher der Szene.

Auch mit dem ersten E-Bus der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) ist Dennis Witthus schon unterwegs gewesen – und hat selbstverständlich gleich ein Video davon ins Netz gestellt. „Das haben wohl viele gesehen. Nur so erklärt sich wohl der Ansturm der Besucher auf unseren Bus. Der sieht von drinnen ja ansonsten eben aus wie ein ganz normaler Bus,“ meint BSAG-Sprecher Jens Christian-Meyer lächelnd.

Durch den Andrang hat am Straßenbahnstand daneben auch Johanna Benz gut zu tun. Sie bezeichnet sich selbst als „Graphic Recording Artist“, was erklärt werden muss: „Ich höre mir an, wie die Leute die Mobilität der Zukunft sehen und setze das dann vor Ort sofort künstlerisch um.“ In Blumenthal ist bis um 15 Uhr schon ein richtig großes Plakat entstanden, dass dann in den kommenden Tagen im Netz unter folgender Internetadresse zu finden sein wird: www.graphicrecording.cool

An elf Stationen von Messen bis Märkten können die Bremer an der BSAG-Aktion mit Johanna Benz mitmachen, weshalb die junge Frau auch eine Einschätzung zum E-Day geben kann: „Verglichen zu anderen Veranstaltungen haben wir es hier mit einem Fachpublikum zu tun. Da merkt man schon, dass sich die meisten Gedanken zum Thema E-Mobilität gemacht haben.“

Zu arbeiten verspricht auch Bürgermeister Carsten Sieling, der bestens gelaunt vom Landesparteitag der SPD praktisch zu seiner ersten Wahlkampfveranstaltung kommt: Sieling wird von seinem Parteifreund Peter Nowack interviewt. Es geht um Sieling als Cambio-Carsharer und Hybridfahrer.

Der Platz vor der Bühne ist gut gefüllt: Dennis Witthus berichtet live im Internet vom E-Day: Die Preise für die weitesten Anreisen werden vergeben. E-betriebene Rasentrimmer und ein Solarmodul gehen an Fahrer, die sich vom Nordkap, von London und von Esbjerg aus auf den Weg gemacht haben. Danach bricht die Flotte der Elektroautos lautlos auf.

Peter Nowack ist als Veranstalter des E-Days bestens gelaunt: „Wir hatten hier ein Highlight nach dem anderen. Und wer hätte am Ende mit über 2000 Besuchern gerechnet? Keiner.“ Er schätzt, dass 15 000 Euro vom 20 000-Euro-Beirats-Budget gebraucht werden. „Aber mit wem ich hier auch spreche: Alle sind total zufrieden.“ Eine Wiederholung des E-Days in zwei Jahren kann sich der Ortsamtsleiter gut vorstellen. Bis dahin will er weitere Sponsoren wie die Wirtschaftsförderung oder den Großmarkt mit an Bord holen: „Wir dürften hiermit ja wohl gezeigt haben, dass man hier so eine Veranstaltung machen kann.“

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