Bremen Mehr als nur ein Wasserturm

Beim Spaziergang durch Blumenthals Mühlenstraße fällt besonders ein Bauwerk ins Auge. Der im Jahr 1928 errichtete 50 Meter hohe Wasserturm ist noch heute das Wahrzeichen Blumenthals und für viele Bewohner des Stadtteils eine wichtige Konstante zwischen den immer leerer werdenden Straßen.
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Von Lisa Schwarz

Beim Spaziergang durch Blumenthals Mühlenstraße fällt besonders ein Bauwerk ins Auge. Der im Jahr 1928 errichtete 50 Meter hohe Wasserturm ist noch heute das Wahrzeichen Blumenthals und für viele Bewohner des Stadtteils eine wichtige Konstante zwischen den immer leerer werdenden Straßen.

Bis in die 1990er Jahre übernahm der Turm eine wichtige Rolle in Blumenthals Wasserversorgung, allerdings ereigneten sich bereits während seiner Entstehung diverse Pannen. Vor seiner Einweihung im Jahr 1927 beispielsweise glühte der Heizkessel für den Turm und die gekoppelte Badeanstalt vollständig aus, da kein Wasser aufgefüllt war.

Im folgenden Jahr wurde das Trinkwasser aus zwei Brunnen im Wasserwerkgelände den Turm hochgedrückt. Das Gussrohr hielt dem Druck nicht stand und ein meterhoher Wasserstrahl schoss aus den Auewiesen. Ein schwerer Sturm riss noch im selben Jahr Teile des Kupferdachs mit sich, und 1929 blieben viele Haushalte Blumenthals ohne Wasser aufgrund von eingefrorenen Leitungen.

Dennoch blieb der Wasserturm in Betrieb und sorgte mit seinem enormen Trinkwasserreservoir für die Absicherung der Blumenthaler Wasserversorgung. Neben der Badeanstalt wurde auch ein Kindergarten in den symmetrisch angelegten Flügelbauten eröffnet. Durch den Bau des neuen Kombibades in Vegesack wurde die Badeanstalt jedoch bald geschlossen. Daraufhin wurde die Kindertagesstätte im Jahr 1966 zu einem vollwertigen Kindertagesheim erweitert. Inzwischen ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude in Privatbesitz.

Herausforderungen durch Vielfalt

Noch heute befindet sich das Kinder- und Familienzentrum Wasserturm in den beeindruckenden Räumlichkeiten des alten Wasserversorgers. Auf drei Stockwerken werden momentan 210 Kinder in elf Gruppen im Elementarbereich und einem Hort betreut. Leiterin des Zentrums ist Petra Warneke-Bies. Zusammen mit ihrer Stellvertreterin Martina Franke kümmert sie sich neben der Verwaltung des Gebäudes vor allem um die fachliche und pädagogische Leitung der Einrichtung. Insgesamt 25 Fachkräfte im pädagogischen Bereich sorgen dafür, dass die Kinder und Familien des Stadtteils sich in den historischen Räumlichkeiten wohl fühlen. Wichtig ist den Verantwortlichen dabei, dass alle Menschen aus Blumenthal willkommen sind, was für eine große Nachfrage sorgt.

Aktuell werden Kinder aus 19 verschiedenen Herkunftsländern mit unterschiedlichen Familiensprachen betreut, weshalb sich das Kinder- und Familienzentrum als Sprach-Kita auf die alltagsintegrierte Sprachbildung spezialisiert hat. Für Petra Warneke-Bies sind besonders die Herausforderungen durch die Vielfalt des Stadtteils spannend. Auch die historischen Räumlichkeiten beeindrucken sie bis heute. „Ich fühle mich Blumenthal einfach verbunden und ein Teil davon zu sein, ist etwas ganz Besonderes“, sagt sie.

Die Geschichte des Wasserturms spiegelt sich auch im heutigen Alltag des Kinder- und Familienzentrums wider. So befindet sich auf der Spielfläche des Außengeländes ein neuer und mit bunten Fliesen verzierter Wasserspielplatz, den die Kinder aktiv mitgestaltet haben. Dadurch konnten sie eine ganz eigene Verbindung zur Geschichte des Wasserturms aufbauen. Besonders im Sommer laden eine Pumpe und ein kleiner Bachlauf zum Spielen ein. Und auch die nicht ausgebauten Flächen des Turms über dem Zentrum erhielten in diesem Sommer ganz besondere Aufmerksamkeit. Im Rahmen des vom Theater Bremen veranstalteten Festivals „Auswärtsspiel“ wurde der Turm zum gemeinsamen Singen genutzt – dank der besonderen Akustik ein eindrucksvolles Erlebnis.

Eine positive Entwicklung

Die aktuellen Probleme des Stadtteils gehen allerdings auch am Kinder- und Familienzentrum nicht vorbei. Das veränderte Ortsbild und das Verschwinden des alten Ortszentrums bereiten Sorgen. Besonders das Zusammenwachsen der alten und neuen Bevölkerungsschichten sei laut Petra Warneke-Bies wichtig. Ihrer Meinung nach ist es notwendig, in den Mittelpunkt zu rücken, dass Blumenthal mit vielfältigen Problemlagen zu kämpfen hat, die sich aus dem Zuzug vieler unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen ergeben. Wichtig seien deshalb ein Stück Offenheit sowie ein genaues Hinsehen und Unterstützung von Seiten der Politik, um das Zusammenwachsen zu gewährleisten.

Durch die Probleme werden die positiven Seiten Blumenthals oft in den Hintergrund gerückt. „Mir ist es wichtig aufzuzeigen, was für ein schöner Stadtteil Blumenthal eigentlich ist“, sagt Warneke-Bies. Aus diesem Grund kommt es auch schon einmal vor, dass sie und Martina Franke mit ihren Gästen die vielen Holzstufen erklimmen, um die atemberaubende Aussicht aus den obersten Etagen des Turms zu genießen. Nach einem Blick auf die Weser und die vielen Grünflächen des Stadtteils fällt es nicht schwer, an eine positive Entwicklung Blumenthals zu glauben.

Mit Angeboten wie einem Deutschkurs für Mütter oder Elternberatungen sieht sich das Kinder- und Familienzentrum Wasserturm auch als Vermittler, der mit viel Respekt und Anerkennung auf die Familien zugeht und aktiv wird, wenn es um das Zusammenbringen von alten und neuen Bewohnern des Stadtteils geht. Ein Ausbau dieser Angebote ist erwünscht, wenn auch schwierig. „Wir können in dem Rahmen, in dem wir arbeiten, Dinge tun, aber wenn uns Ressourcen oder räumliche Bedingungen nicht zur Verfügung stehen, dauert es etwas länger, bis die Ziele erreicht werden.“

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