Der Bunker und seine Lager Mit dem Rad auf den Spuren des Grauens

Wulf Böcker informiert bei einer geführte Radtour über den Bunkerbau und weitere NS-Rüstungsprojekte sowie die ehemaligen Lagerstätten in Farge und Neuenkirchen.
01.09.2019, 15:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch

Neuenkirchen/Farge. „Ich sehe oft, wie Leute sonnabends vor verschlossenen Toren am Bunker Valentin stehen“, sagt Wulf Böcker. Der Denkort in Farge ist an diesem Tag nicht geöffnet. Für alle, die an einem Sonnabend etwas über die Geschichte des ehemaligen U-Boot-Bunkers und die ihn umgebende Rüstungs- und Lagerlandschaft erfahren möchten, bietet Wulf Böcker in diesem Jahr erneut ein alternatives Angebot an. Im Auftrag der Initiative Gedenkstättenservice Nord nimmt der Politikwissenschaftler Interessierte mit auf eine zweieinhalbstündige Radtour zu den geschichtsträchtigen Stätten in Farge und Neuenkirchen.

Zum Auftakt ist neben dem Tourführer und dem Reporter erstmal nur ein Ehepaar dabei. Der mitradelnde Gast erweist sich als überaus kenntnisreich und kann die Informationen von Böcker, der seit 2011 bereits 500 ähnliche Führungen durchgeführt hat, immer wieder ergänzen. „Das alte Pumpenhaus steht nicht mehr, da wohnte bis 1962 ein Tischler“, weiß der Mann, der nach eigenen Angaben seit 1956 in Farge wohnt. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen.

Böcker startet seine Tour am Mahnmal vor dem Bunker. Er breitet eine Karte aus und beginnt mit dem historischen Überblick. „Bei Sturmflut stand der Bunker früher drei Meter unter Wasser, weil es keinen Deich gab“, erzählt er. Der Bunker selbst und der Löschhafen mit dem geplanten Anleger für Besucher werden heute nicht besichtigt. Ob es eine Zwischendecke gebe im Bunker, will der mitradelnde Farger wissen. „Ja, es gibt mehrere durchgesackte Stellen, dadurch haben wir quasi drei Geschosse auf 70 Metern“, erwidert Böcker.

Noch bevor 1943 der Bunkerbau in Farge begann, in dem U-Boote gefertigt werden sollten, gab es hier zwei große Rüstungsprojekte. Schon 1938, berichte Böcker, sei unter dem Tarnnamen Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft (Wifo), einer Gesellschaft des Reichswirtschaftsministeriums, verdeckt mit den Vorbereitungen für den Krieg durch den Bau des Tanklagers in der Rekumer und Farger Heide begonnen worden. Für den geplanten Angriffskrieg sollten Öle und Treibstoffe gelagert werden. Ab Ende 1938 habe die Luftwaffe den ursprünglichen Genossenschaftswald aufgekauft und hermetisch abgeriegelt.

Neben dem „Wifo-Tanklager“ entstanden ab 1939 weitere große unterirdische Vorratsbunker. Auftraggeberin war die Kriegsmarine, die über einen eigenen Treibstoffvorrat verfügen wollte. „Unter dem Tarnnamen Weserberg entstand hier durch die reichseigene Wifo eine von zehn großen Anlagen, um Kerosin für die Luftwaffe zu bunkern. Geplant war ein Depot von 320 000 Kubikmetern“, erzählt Böcker. Letztlich seien dann nur 8000 Liter Kerosin deponiert worden. Während des Krieges sei die Anlage nicht angegriffen worden, von einem Zufallstreffer auf „Bunker 13“ abgesehen. „Vielleicht hatten die Alliierten schon während des Krieges überlegt, dass sie die Anlage später nutzen wollen“, mutmaßt Böcker. Nach dem Krieg hätten die Amerikaner bis 1960 die Anlage als zentrales Treibstofflager für ihre Luftwaffe und Marine benutzt, danach sei sie von der Bundeswehr übernommen worden.

Böcker erzählt von der von der Wifo beauftragten Berliner Firma Tesch. Den Bauarbeitern, die auf dem alten Farger Schützenplatz untergebracht waren. Von 50 Meter langen und zehn Meter hohen Stahlzylindern. „Von diesen Röhren wurden 80 im Wald verteilt, es gibt keine vergleichbare Anlage weltweit“. Nachdem die deutschen Arbeiter durch die Wehrmacht eingezogen wurden, rekrutierten die Nazis polnische, russische und französische Zwangsarbeiter. „Die polnischen Arbeiter mussten ein großes P, die Ostarbeiter die Buchstaben „Ost“ am Revers tragen“, berichtet Wulf Böcker.

Die heutige Hospitalstraße sei als Versorgungsstraße für die Kriegsmarine geplant gewesen, die bereits auf Schweröl umgestellt hatte. Ein Ausrüstungsbunker mit dem geplanten Namen Valentin II war ebenfalls in Planung. Für die Schiffe seien vier große „Reichsölhäfen“ vorgesehen gewesen, oberirdisch sollten rund 90 Großbunker errichtet werden. In 26 Baracken wollte man 800 Marinesoldaten unterbringen. Die wenigen fertiggestellten Bunker verwendete die Marine dann als Lagerräume.

Nach einem Halt an der ehemaligen Marinebahn geht es von der Lagerstraße aus weiter zu den ehemaligen Lager-Standorten. Böcker erzählt von den zum Bunkerbau eingesetzten sowjetischen Kriegsgefangenen und den Arbeitserziehungslagern der Gestapo. Ein Trampelpfad führt zum Rest einer Baracke, man kann in den Keller hineinschauen. „Hier wurden Leute bei Verhören grün und blau geprügelt“, erzählt Böcker. Seine Zuhörer erschaudern. Wer überlebte, hätte nach 56 Tagen eigentlich freikommen müssen. „Meist wurde die Haft aber ohne Angaben von Gründen um drei Wochen verlängert“, sagt Böcker. Nach einer Testphase habe es mehr als 200 solcher Erziehungslager in der Nähe von Rüstungsbetrieben gegeben. Die Bundeswehr habe die Baracken später abreißen und 1986 Informationstafeln aufstellen lassen.

Direkt neben dem Marine-Gemeinschaftslager und unweit der Station der Marinebahn befand sich das zweitgrößte Außenlager des KZ Neuengamme. Ab 1943 wurden KZ-Häftlinge hier für den Bunkerbau eingesetzt, nachdem sich die Werftleitung des Bremer Vulkan geweigert hatte, auf KZ-Häftlinge zurückzugreifen. Es kursiert die Geschichte von mehreren Häftlingen, die aus Hunger einen Jagdhund getötet und verspeist haben sollen. Böcker zeigt ein Bild mit NS-Schergen mit einem vermeintlichen Schuldigen. „Der wurde selbst wie ein Hund an die Kette gelegt, musste bellen und sein eigenes Erbrochenes essen.“

Der Fotograf Johann Seubert habe damals rund 1000 Bilder und 120 Minuten Filmmaterial rund um die Baracken gedreht, die heute noch in den Büros der Gedenkstätte lagern. Gezeigt wurden sie bislang bislang nicht. Die Wifo, erzählt der Tourenleiter, habe eine eigene Agrarabteilung mit Gärtnern unterhalten. Sie bewirtschafteten die Felder der Umgebung, so sollte das Rüstungsprojekt aus der Luft nicht zu erkennen sein.

Die Tour endet auf dem alten Neuenkirchener Dorffriedhof. Die Gräber etlicher Zwangsarbeiter, die tragischerweise ausgerechnet durch die nährstoffreiche Verpflegung der Alliierten nach Ende des Krieges starben, finden sich hier. Aber auch Gräber von Patienten eines Krankenhauses der Inneren Mission, das sich in der Nähe der heutigen Gedenkstätte Baracke Wilhelmine befand.

Weitere geführte Radtouren in die Rüstungs- und Lagerlandschaft im Umfeld des Bunkers Valentin werden am 7. und 21. September sowie 5. und 19. Oktober angeboten. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Mahnmal vor dem Bunker in Farge. Unter der Mobil-Rufnummer 01 76 / 52 55 94 56 werden Reservierungen angenommen. Die Kosten betragen pro Teilnehmer acht Euro. Weitere Termine sind nach individueller Absprache möglich.

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